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Klimaerwärmung und Imkerei in der Schweiz

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Frühling | Temperatur | Thermometer | Wärme | Sonne | Hochdruck | Hochdruckgebiet | Meteorologie | Natur | warm | Frühlingsgefühl | Hoch | Wetter | Pollen | Pollenflug | Pollenallergie | Allergie | Pollenkalender | außen | Celsius | Skala | Hitze | Klima

Die Schweiz hat sich bis 2024 um rund 2,9 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit (1871–1900) erwärmt und damit gut doppelt so stark wie das globale Mittel. Das entspricht ungefähr jenem Erwärmungsniveau, das die Klimaszenarien CH2025 für die Schweiz in einer globalen 1,5-Grad-Welt ausweisen. Für die Imkerei ist Anpassung damit keine Zukunftsaufgabe. Entscheidend ist jedoch nicht, dass alles früher eintritt. Blüte, Nektarfluss, Volksentwicklung, Varroavermehrung und geeignete Behandlungsfenster verschieben sich unterschiedlich schnell und fallen weniger zuverlässig zusammen. Eine frühere Blüte garantiert keine Tracht, eine starke Volksentwicklung schafft zugleich mehr Reproduktionsraum für Varroa, und ein warmer Herbst verzögert die Brutfreiheit. Der Betriebskalender verliert dadurch nicht seinen Wert, wohl aber seine Vorhersagekraft. Dieser Artikel verbindet die offiziellen Schweizer Klimaszenarien mit Erkenntnissen aus Pflanzenbiologie, Ökologie und Bienenforschung und unterscheidet dabei durchgehend zwischen gesicherten Befunden, plausiblen Ableitungen und offenen Fragen.

1. Wo wir stehen

Entwicklung der Jahres-durchschnittstemperatur in der Schweiz

Dieses Kapitel ordnet die bereits eingetretene Erwärmung der Schweiz ein und grenzt ab, welche Aussagen sich daraus für die Imkerei ableiten lassen.

1.1 Die erste Erwärmungsstufe liegt bereits hinter uns

Der Klimawandel wird häufig so behandelt, als lägen die entscheidenden Veränderungen noch vor uns. Für die Schweizer Imkerei trifft das nicht zu. Die erste Erwärmungsstufe ist bereits erreicht.

Im November 2025 veröffentlichten MeteoSchweiz und die ETH Zürich die neuen nationalen Klimaszenarien CH2025. Sie ersetzen die bisherigen Szenarien CH2018 und zeigen, dass sich die Schweiz bis 2024 gegenüber der vorindustriellen Zeit (1871–1900) um rund 2,9 °C erwärmt hat. Der Unsicherheitsbereich liegt zwischen etwa 2,6 und 3,2 °C.

Dieser Wert entspricht ungefähr der Erwärmung, die für die Schweiz in einer Welt mit einer globalen Erwärmung von 1,5 °C erwartet wird. Die bisherige Erwärmung der Schweiz liegt damit ungefähr auf dem Niveau, das CH2025 für die Schweiz in einer globalen 1,5-Grad-Welt ausweist. Verglichen wird dabei das Erwärmungsniveau, nicht die Gesamtheit der klimatischen Bedingungen. Der Unterschied zum weltweiten Mittel erklärt sich vor allem dadurch, dass sich Landflächen schneller erwärmen als Ozeane und die Schweiz aufgrund ihrer kontinentalen Lage und Topografie besonders betroffen ist (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025).

Für die Imkerei bedeutet dies: Anpassung ist keine Aufgabe für eine ferne Zukunft. Die Veränderungen sind bereits in der Vegetation, in der Entwicklung der Bienenvölker und in den Betriebsabläufen angekommen.

1.2 Was die Klimaszenarien zeigen

CH2025 beschreibt die Veränderungen neu anhand globaler Erwärmungsniveaus. Damit lässt sich darstellen, wie sich das Schweizer Klima bei einer globalen Erwärmung von 1,5, 2 oder 3 °C verändert. Das jeweilige Emissionsszenario bestimmt vor allem, wann ein solches Niveau erreicht wird.

In einer Welt mit einer globalen Erwärmung von 2 °C steigt die mittlere Sommertemperatur in der Schweiz gegenüber der Referenzperiode 1991–2020 voraussichtlich um 2,1 °C. Die Bandbreite der Modelle reicht von 1,3 bis 2,8 °C. Der heisseste Tag des Jahres wird um etwa 2,4 °C wärmer, die wärmste Nacht um rund 2,1 °C.

Auch die Sommertrockenheit nimmt zu. Trockenperioden, wie sie während der Referenzperiode statistisch etwa einmal in zehn Jahren auftraten, werden ungefähr 1,9-mal so häufig und im Mittel rund 28 % intensiver (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025).

Die angegebenen Spannweiten sind dabei ebenso wichtig wie die Mittelwerte. Klimaszenarien sind keine punktgenauen Vorhersagen. Sie zeigen mögliche Entwicklungen und deren Grössenordnung. Wer nur einzelne Werte nennt und ihre Unsicherheit weglässt, erzeugt eine Genauigkeit, die die Modelle nicht beanspruchen.

1.3 Was die Szenarien nicht zeigen

Die Klimaszenarien beschreiben Temperatur, Niederschlag, Trockenheit, Schnee und Extremereignisse. Sie enthalten jedoch keine direkten Aussagen über die Blühphänologie, die Nektarproduktion, die Entwicklung der Bienenvölker oder die Vermehrung von Varroa.

Aus einem wärmeren Sommer folgt daher nicht automatisch eine schwächere Tracht. Zwischen dem Klimasignal und der imkerlichen Auswirkung liegen zahlreiche biologische Prozesse: die Reaktion der Pflanzen, die Verfügbarkeit von Wasser, die Luftfeuchtigkeit, das Flugwetter, die Volksentwicklung und die jeweilige Betriebsweise.

Die Verbindung zwischen Klimaveränderung und Imkerei muss deshalb aus verschiedenen Forschungsfeldern hergestellt werden. Dieser Artikel kombiniert die offiziellen Schweizer Klimaszenarien mit Erkenntnissen aus Pflanzenbiologie, Ökologie und Bienenforschung.

Auch zu regionalen Windsystemen wie Föhn und Bise lassen sich aus CH2025 keine belastbaren Folgerungen ableiten. Die Szenarien weisen ausdrücklich darauf hin, dass solche kleinräumigen Prozesse von den Modellen nur begrenzt erfasst werden.

1.4 Nicht nur der Mittelwert verändert sich

Für die Imkerei ist nicht allein entscheidend, dass es im Durchschnitt wärmer wird. Mindestens ebenso wichtig sind die zunehmenden Extremereignisse und die stärkeren Unterschiede zwischen den Jahren.

Extrem heisse Tage, die unter heutigen Bedingungen statistisch ungefähr einmal in fünfzig Jahren auftreten, werden in einer 2-Grad-Welt rund 4,5-mal so häufig. In einer 3-Grad-Welt könnten sie etwa 16,7-mal so häufig auftreten. Auffällig ist zudem, dass sich sehr warme Nächte besonders stark erwärmen. Für Bienenvölker kann dies bedeutsam sein, weil sich die Möglichkeiten zur nächtlichen Abgabe überschüssiger Wärme verringern können.

Gleichzeitig werden die langfristigen Trends weiterhin von grossen natürlichen Schwankungen überlagert. Auch künftig wird es feuchte und ertragreiche Sommer geben. Sie werden jedoch voraussichtlich seltener, während bereits trockene Sommer extremer ausfallen.

Ein gutes Trachtjahr widerlegt den Klimawandel daher ebenso wenig, wie ein einzelnes Ausfalljahr ihn beweist. Entscheidend ist, dass sich die Häufigkeit bestimmter Bedingungen verändert und die Jahre einander weniger ähnlich werden. Damit nimmt auch die Verlässlichkeit ab, mit der sich Erfahrungen aus einem Jahr auf das nächste übertragen lassen.

1.5 Die Höhenlage bleibt ein Vorteil – aber kein unveränderlicher

Die Erwärmung fällt in höheren Lagen nicht zwingend wesentlich stärker aus als in tieferen Regionen. Die regionalen Unterschiede der Temperaturänderung innerhalb der Schweiz sind nach CH2025 vergleichsweise gering.

Deutlich verändern sich jedoch die klimatischen Schwellenwerte. Die winterliche Nullgradgrenze lag während der Referenzperiode bei rund 900 Metern. In einer 2-Grad-Welt steigt sie voraussichtlich um weitere 320 Meter. Gleichzeitig nimmt der Schneewasserspeicher zwischen 1’000 und 1’500 Metern um ungefähr 61 % ab. Die Schneeschmelze beginnt früher, sodass im Sommerhalbjahr weniger Wasser zur Verfügung steht.

Auch Regionen der Alpen und Voralpen, in denen bisher kaum Hitzetage auftraten, werden künftig häufiger von Hitze betroffen sein. Höhenlagen bleiben damit ein möglicher Rückzugsraum für Bienenstände und Trachten. Dieser Vorteil verschiebt sich jedoch mit der Erwärmung zunehmend nach oben.

1.6 Die Schweiz als Bezugsraum, das Wallis als Fallbeispiel

Die beschriebenen Veränderungen betreffen die gesamte Schweiz, aber nicht alle Regionen in gleicher Weise. Das Mittelland, der Jura, die inneralpinen Täler, die Alpensüdseite und höhere Lagen unterscheiden sich stark hinsichtlich Niederschlag, Vegetation, Höhenlage und landwirtschaftlicher Nutzung.

Das Wallis dient in diesem Artikel deshalb als vertiefendes Fallbeispiel. Das inneralpine Trockental verbindet hohe Temperaturen, geringe Niederschläge und ausgeprägte Höhengradienten auf engem Raum. Manche Entwicklungen, die in anderen Regionen erst häufiger erwartet werden, gehören dort bereits zum Betriebsalltag.

Das Wallis ist jedoch nicht einfach die Zukunft des Mittellands. Seine Trockenheit entsteht wesentlich durch den inneralpinen Regenschatten und nicht allein durch die Klimaerwärmung. Die Übertragung trägt nur so weit, wie es um die Folgen zunehmender Wasserlimitierung, häufiger Hitze und verschobener Höhenstufen geht.

1.7 Was dieser Artikel leisten kann

Die Folgen des Klimawandels für Honigbienen sind inzwischen Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Deutlich weniger erforscht ist, wie sich diese Veränderungen auf die konkrete Führung eines Bienenstandes und auf die Entscheidungen der Imkerinnen und Imker auswirken.

Eine systematische Übersicht über 90 wissenschaftliche Arbeiten weist ausdrücklich auf Wissenslücken auf Ebene des Bienenstandes und der Imkereibetriebe hin (Zapata-Hernández et al., 2024). Eine weitere Übersicht betont, dass Anpassung nicht nur aus technischen Massnahmen besteht. Sie hängt auch von Standort, Wissen, verfügbaren Mitteln und der Fähigkeit ab, Betriebsabläufe flexibel zu verändern (Meisch et al., 2026).

Dieser Artikel unterscheidet deshalb zwischen drei Ebenen:

  • gut belegten wissenschaftlichen Erkenntnissen,
  • plausiblen, aber noch nicht direkt geprüften Zusammenhängen,
  • offenen Fragen, für die derzeit keine belastbare Antwort vorliegt.

Die Leitthese lautet: Die Klimaerwärmung verschiebt Blüte, Nektarfluss, Volksentwicklung, Varroaentwicklung und imkerliche Eingriffsfenster – aber nicht im gleichen Tempo. Dadurch wird nicht einfach der bisherige Kalender nach vorne verschoben. Vielmehr verliert er an Verlässlichkeit.

Einzelne Entwicklungen können zeitweise Vorteile bringen, beispielsweise eine frühere Volksentwicklung oder die bessere Nutzung einer frühen Tracht. Sie können jedoch zugleich neue Risiken schaffen. Ein experimenteller Befund aus Mitteleuropa zeigt diesen Zielkonflikt besonders deutlich: Eine stärkere Anpassung an frühe Trachten kann mit einem erhöhten Reproduktionsraum für Varroa verbunden sein (Nürnberger et al., 2019).

Eine wärmere Schweiz bedeutet deshalb nicht automatisch längere Trachten oder höhere Honigerträge. Entscheidend ist, ob Pflanzen, Bienenvölker und Parasiten weiterhin im gleichen Rhythmus reagieren. Genau an dieser Stelle beginnt die erste zentrale Entkopplung: Blüte ist nicht gleich Tracht.


2. Blüte ist nicht gleich Tracht

Dieses Kapitel zeigt, weshalb sichtbare Blüte und tatsächlicher Nektar- und Polleneintrag unter wärmeren und trockeneren Bedingungen auseinanderfallen können.

2.1 Sichtbare Blüte, fehlender Eintrag

Wer einen Waagstock führt, kennt die Situation: Die Robinie, die Linde oder die Brombeere blüht reichlich, der Bestand sieht vielversprechend aus – doch das Gewicht des Volkes nimmt kaum zu. Diese Beobachtung ist kein Widerspruch. Blühen und Nektar produzieren sind zwei unterschiedliche Vorgänge, die nicht gleich auf Temperatur, Trockenheit und Luftfeuchtigkeit reagieren.

Eine Pflanze kann deshalb sichtbar in voller Blüte stehen und den Bienen dennoch nur wenig Nektar anbieten. Genau diese Entkopplung ist eine der wichtigsten Folgen des Klimawandels für die Imkerei: Der Blühkalender verschiebt sich, ohne dass sich der tatsächliche Nektarfluss im gleichen Mass oder in die gleiche Richtung verändert.

2.2 Die Blüte verschiebt sich – aber nicht nach einer einheitlichen Regel

Dass viele Pflanzen früher blühen, ist gut dokumentiert. Weniger eindeutig ist, um wie viele Tage sich eine bestimmte Trachtpflanze verschiebt. Die Reaktion hängt unter anderem von Pflanzenart, Höhenlage, Winterkälte, Frühjahrstemperatur, Niederschlag und Tageslänge ab.

Belastbare Zahlen stammen bislang vor allem aus Langzeitreihen ausserhalb der Schweiz. Für die Apfelsorte Bramley wurde in Grossbritannien über 48 Jahre eine Vorverlegung der Vollblüte von durchschnittlich 6,7 ± 0,9 Tagen pro Grad Frühjahrserwärmung festgestellt. Zusätzliche Frühjahrsniederschläge verzögerten die Blüte dagegen geringfügig (Wyver et al., 2023b).

Eine Untersuchung von 88 britischen Wildbienenarten zeigte ebenfalls eine deutliche Verschiebung: Seit 1980 trat ihr saisonales Erscheinen im Durchschnitt jährlich 0,40 ± 0,02 Tage früher ein. Umgerechnet entsprach dies etwa 6,5 ± 0,2 Tagen pro Grad Erwärmung (Wyver et al., 2023a).

Bei den untersuchten Arten lagen die beobachteten Verschiebungen in der Grössenordnung von etwa einer Woche pro Grad Erwärmung. Eine allgemeine phänologische Regel ist das nicht. Daraus darf jedoch keine allgemeine Regel für sämtliche Schweizer Trachtpflanzen abgeleitet werden. Angaben, wonach sich die Blüte pauschal um zwei bis vier Wochen verfrühe, müssen immer auf eine bestimmte Art, einen bestimmten Zeitraum und einen konkreten Standort bezogen werden.

Für Robinie, Linde, Löwenzahn, Brombeere oder andere wichtige Schweizer Trachtpflanzen fehlen bislang vergleichbare Langzeitreihen, aus denen sich eine einheitliche Zahl ableiten liesse.

Entscheidender als der Durchschnitt ist ohnehin, dass sich nicht alle Arten gleich schnell verschieben. Frühblühende und spätblühende Pflanzen reagieren unterschiedlich. Auch Bestäuber, Bienenvölker und Pflanzen folgen nicht denselben Umweltreizen. Dadurch verschiebt sich nicht einfach das gesamte Frühjahr gemeinsam nach vorne; vielmehr können sich die Beziehungen zwischen Blüte, Bienenflug und Volksentwicklung lockern.

2.3 Auch die Bienenvölker reagieren nicht einfach früher

Bei den Honigbienen ist die Reaktion auf wärmere Winter und Frühjahre komplexer als bei vielen Pflanzen.

In einem Klimakammerversuch mit einem frühblühenden Krokus führten höhere Winter- und Frühjahrstemperaturen zu einer früheren Blüte der Pflanze und zu einer intensiveren Bruttätigkeit der Bienenvölker. Der Beginn der Bruttätigkeit wurde jedoch nicht entsprechend vorverlegt. Die Blüte reagierte zusätzlich auf die Tageslänge, die Brutentwicklung weniger stark (Villagómez et al., 2021).

Ein mitteleuropäischer Freilandversuch zeigte dagegen, dass die zeitliche Entwicklung der Völker empfindlich auf die Umweltbedingungen im Spätwinter reagieren kann (Nürnberger et al., 2019).

Diese Ergebnisse widersprechen sich nicht zwingend. Sie zeigen vielmehr, dass der Zeitpunkt und der Umfang der Brut von mehreren Faktoren abhängen. Temperatur ist wichtig, wirkt aber zusammen mit Volksstärke, Futterversorgung, Genetik, Tageslänge und lokalem Trachtangebot.

Für die Imkerei bedeutet dies: Eine frühere Blüte garantiert nicht, dass genügend Sammelbienen zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind. Umgekehrt kann ein Volk seine Bruttätigkeit intensivieren, obwohl die frühe Tracht aufgrund von Trockenheit oder ungünstigem Flugwetter wenig Nahrung liefert.

2.4 Hitze trocknet den Nektar nicht einfach aus

Häufig wird gesagt, Hitze lasse den Nektar in den Blüten verdunsten. Diese Erklärung greift zu kurz. Unter Wärme- und Wasserstress verändert die Pflanze in erster Linie ihre Produktion: Sie sondert weniger Nektar ab oder reduziert dessen Zuckermenge.

Wie stark dieser Effekt ausfallen kann, zeigen Versuche mit Borretsch als Modellpflanze. Unter kombinierter Wärme und Trockenstress sank das durchschnittliche Nektarvolumen von 6,1 ± 0,5 Mikrolitern auf 0,8 ± 0,1 Mikroliter je Blüte. Die gesamte Zuckermenge verringerte sich dabei um rund 60 % (Descamps et al., 2021).

In einem früheren Versuch derselben Forschungsgruppe enthielt eine Blüte bei 21 °C und ausreichender Wasserversorgung durchschnittlich 3,9 ± 0,3 Milligramm Nektarzucker. Bei 27 °C und gleichzeitigem Wasserstress waren es nur noch 1,3 ± 0,4 Milligramm. Zusätzlich sank die Lebensfähigkeit des Pollens von 79 % auf 25 % (Descamps et al., 2018).

Die genauen Werte gelten für Borretsch unter den untersuchten Versuchsbedingungen und können nicht direkt auf Schweizer Trachtpflanzen übertragen werden. Der zugrunde liegende Mechanismus ist jedoch breiter abgestützt: Eine Metaanalyse über verschiedene Pflanzenarten hinweg kommt zum Schluss, dass steigende Temperaturen die floralen Belohnungen verringern und auch Pollenkeimung und Pollenlebensfähigkeit beeinträchtigen können (Alquichire-Rojas et al., 2024).

Wärme und Trockenheit wirken dabei zusammen. Eine erhöhte Temperatur muss für sich allein noch nicht schädlich sein. Fehlt den Pflanzen jedoch Wasser, kann ihre Nektar- und Pollenproduktion stark zurückgehen.

2.5 Nektarproduktion folgt einer Glockenkurve

Die Beziehung zwischen Temperatur und Nektarsekretion verläuft nicht geradlinig. Die Produktion steigt zunächst mit zunehmender Temperatur, erreicht ein artspezifisches Optimum und fällt oberhalb dieses Bereichs wieder ab.

Bei untersuchten mediterranen Pflanzenarten lagen die optimalen Temperaturen für die Nektarproduktion in der Nähe jener Bedingungen, die während ihrer bisherigen Blütezeit üblich waren. Spätblühende Arten könnten diese Optima durch die weitere Erwärmung häufiger überschreiten. Frühblühende Arten können dagegen zeitweise von wärmeren Bedingungen profitieren, sofern genügend Wasser vorhanden ist (Takkis et al., 2018).

Für zwei untersuchte Lippenblütler wurden Optima von etwa 25 bis 26 °C beziehungsweise 29 bis 33 °C ermittelt (Takkis et al., 2015). Bei Sonnenblumen nahm die produzierte Nektarzuckermenge bis zu einem Optimum von ungefähr 32 °C zu. Gleichzeitig beeinflusste die Luftfeuchtigkeit die Konzentration und das Volumen des Nektars (Chabert et al., 2020).

Diese Befunde erklären, weshalb warme Jahre durchaus sehr gute Trachtjahre sein können. Wärme ist nicht grundsätzlich negativ. Sie kann die Nektarproduktion fördern, solange das Temperaturoptimum der jeweiligen Pflanze nicht überschritten wird und ausreichend Wasser zur Verfügung steht.

Mit fortschreitender Erwärmung steigt jedoch die Zahl der Tage, an denen einzelne Pflanzenarten oberhalb ihres optimalen Bereichs liegen. Weil die Temperaturansprüche artspezifisch sind, werden nicht alle Trachten gleichzeitig beeinträchtigt. Eine frühe Obst- oder Löwenzahntracht kann profitieren, während spätere Trachten unter Hitze und Trockenheit leiden.

Die Form der Temperaturreaktion lässt sich grundsätzlich übertragen. Die in einzelnen Studien gemessenen Schwellenwerte dagegen nicht. Für wichtige Schweizer Trachtpflanzen sind die optimalen Temperaturen der Nektarsekretion nur unzureichend bekannt.

2.6 Was am Waagstock sichtbar wird

Auf der Ebene des Bienenvolkes lassen sich die Folgen von Hitze und Trockenheit am Gewichtsverlauf beobachten.

In einer mediterranen Untersuchung wurden Bienenvölker mit elektronischen Stockwaagen und regelmässigen Volkskontrollen begleitet. Im besonders heissen und trockenen Jahr 2017 war die Blühperiode gegenüber dem Vorjahr um etwa drei Wochen verkürzt. Die durchschnittliche Gewichtszunahme der Völker betrug nur 7,67 Kilogramm, gegenüber 18,92 Kilogramm im Jahr 2016. Gleichzeitig wurden Auswirkungen auf die Volksentwicklung sowie auf Honig- und Pollenvorräte festgestellt (Flores et al., 2019).

Der Vergleich umfasst lediglich zwei Jahre und belegt für sich allein keinen langfristigen Klimatrend. Er zeigt jedoch, wie gross die Unterschiede zwischen einem günstigen und einem heiss-trockenen Trachtjahr ausfallen können.

Eine breiter angelegte polnische Untersuchung erfasste 60 Bienenstände während dreier Vegetationsperioden. Standorte in Gebieten mit erhöhtem Trockenheitsrisiko wiesen höhere Temperaturen und eine geringere Luftfeuchtigkeit auf. Besonders in den trockenen Monaten Juli und August waren ihre Gewichtsveränderungen geringer als an Standorten ausserhalb dieser Risikogebiete (Kędzior et al., 2025).

Auch die Vielfalt der verfügbaren Trachtressourcen kann abnehmen. Eine europäische Analyse von rund 2’500 Pollenproben aus 310 Standorten zeigte, dass steigende Temperaturen und sinkende Niederschläge die Vielfalt der von Honigbienen genutzten Pflanzen verringern können. Besonders problematisch ist die Kombination aus Erwärmung und Austrocknung: Fallen beide zusammen, werden die Möglichkeiten geringer, den Verlust einzelner Ressourcen zeitlich oder räumlich auszugleichen (Quaresma et al., 2026).

Für die Praxis ergibt sich daraus eine wichtige Unterscheidung: Der sichtbare Blühbestand zeigt das potenzielle Angebot. Erst der Gewichtsverlauf des Volkes zeigt, ob tatsächlich mehr Nahrung eingetragen als verbraucht wird.

2.7 Honigtau und Melezitose

Neben dem Blütennektar verdient in der Schweiz auch der Honigtau besondere Aufmerksamkeit. Dies gilt insbesondere für Waldtrachtgebiete und inneralpine Trockentäler.

In einer Untersuchung wurden 620 Honigtauproben aus vier Jahren ausgewertet. Dabei wurden meteorologische, geografische, botanische und zoologische Einflussgrössen gemeinsam berücksichtigt. Höhere Temperaturen und eine niedrigere relative Luftfeuchtigkeit waren mit einer erhöhten Melezitoseproduktion verbunden. Melezitosehaltiger Honigtau wurde zudem häufiger in Gebieten gesammelt, deren Böden nur begrenzt Wasser speichern konnten (Seeburger et al., 2022).

Als möglicher Mechanismus wird angenommen, dass eine eingeschränkte Wasserversorgung der Wirtsbäume die Zusammensetzung des Phloemsaftes verändert und dadurch indirekt die Zuckerproduktion der Honigtauerzeuger beeinflusst. Gleichzeitig hängt die Zuckerzusammensetzung stark von der jeweiligen Blattlaus- oder Schildlausart ab. Nicht allein der Baum oder das Klima entscheidet somit darüber, ob problematischer Honigtau entsteht (Shaaban et al., 2020).

Dass Melezitose für Bienen belastend sein kann, wurde experimentell gezeigt. Mit melezitosereichem Futter versorgte Bienen nahmen mehr Nahrung auf, hatten ein höheres Darmgewicht und zeigten eine erhöhte Mortalität. Beobachtet wurden ausserdem geschwollene Hinterleiber, Bewegungsstörungen und Veränderungen der Milchsäurebakterien im Darm (Seeburger et al., 2020).

Die Schweizer Klimaszenarien erwarten für Sommer und Herbst eine leichte Abnahme der relativen Luftfeuchtigkeit, besonders im Alpenraum und auf der Alpensüdseite, sowie häufigere und intensivere Sommertrockenheit. Diese Veränderungen entsprechen jenen Umweltfaktoren, die in der Honigtauuntersuchung mit Melezitose in Verbindung standen.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Melezitosehonig in der Schweiz generell häufiger wird. Der Zusammenhang ist biologisch plausibel, aber bisher nicht durch eine langfristige Schweizer Untersuchung belegt. Neben Klima und Wasserversorgung spielen die lokalen Honigtauerzeuger, die Wirtsbäume und der konkrete Witterungsverlauf eine entscheidende Rolle.

2.8 Trachtpflanzen verändern sich ebenfalls

Imkerinnen und Imker berichten regional, dass gewisse Trachtpflanzen wie Weidenröschen oder Brombeere zurückgehen, während wärmeliebende oder invasive Arten wie der Götterbaum zunehmen.

Solche Beobachtungen sind plausibel, dürfen aber nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Veränderungen des Pflanzenbestandes können neben dem Klima auch auf Landnutzung, Mahd, Verbuschung, Waldentwicklung, invasive Arten oder Veränderungen in der Landwirtschaft zurückgehen.

Für eine belastbare Aussage zur Schweiz wären langfristige Vegetationsdaten erforderlich, die mit der imkerlichen Nutzung der Pflanzen verknüpft werden. Die Beobachtung gehört deshalb vorerst in die Kategorie der regional plausiblen, aber nicht ausreichend untersuchten Entwicklungen.

2.9 Zwischenfazit: Entscheidend ist nicht die Blüte, sondern der Eintrag

Der Blühbeginn verliert als alleiniger Indikator an Aussagekraft. Damit eine Pflanze tatsächlich eine Tracht liefert, müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:

  • genügend Wasser im Boden,
  • Temperaturen innerhalb des artspezifischen Optimums,
  • eine geeignete Luftfeuchtigkeit,
  • günstiges Flugwetter,
  • ein ausreichend starkes und sammelbereites Bienenvolk.

Diese Bedingungen verschieben sich nicht im gleichen Tempo und treten nicht zwingend gleichzeitig ein. Eine frühere Blüte kann deshalb eine gute Tracht eröffnen, wirkungslos bleiben oder sogar in eine Trachtlücke münden, wenn die Völker noch nicht bereit sind oder die Pflanzen unter Wasserstress nur wenig Nektar produzieren.

Für die imkerliche Beobachtung bedeutet dies: Der Blick auf den blühenden Bestand bleibt wichtig, reicht aber nicht aus. Fluglochbeobachtung, Polleneintrag, Vorratsentwicklung und insbesondere die Stockwaage liefern verlässlichere Hinweise darauf, ob eine sichtbare Blüte tatsächlich zu einem Nektarfluss führt.

Dieses Kapitel hat die Pflanzenseite beschrieben. Das folgende Kapitel richtet den Blick auf die Bienenvölker: Wie reagieren sie auf frühere, kürzere oder unzuverlässigere Trachten – und weshalb kann eine stärkere Volksentwicklung zugleich das Varroarisiko erhöhen?


3. Mehr Brut, mehr Milben

Dieses Kapitel erklärt den Zielkonflikt zwischen intensiver Volksentwicklung und wachsendem Reproduktionsraum für Varroa.

3.1 Die naheliegende Anpassung

Wenn die Tracht früher einsetzt, sollte auch das Bienenvolk früher bereit sein. Ein rascher Aufbau im Frühjahr erscheint deshalb zunächst als passende Reaktion auf den Klimawandel: Mehr Arbeiterinnen stehen rechtzeitig für frühe Trachten zur Verfügung, und das Volk kann ein zeitlich nach vorne verschobenes Nahrungsangebot besser nutzen.

Dieser Vorteil hat jedoch eine Kehrseite. Eine intensivere und länger anhaltende Bruttätigkeit schafft zugleich mehr Reproduktionsmöglichkeiten für Varroa. Die Anpassung an frühere Trachten kann damit genau jene Parasitenentwicklung begünstigen, welche die Volksstärke im weiteren Jahresverlauf wieder schwächt.

3.2 Ein Versuch zeigt beide Seiten des Zielkonflikts

Dieser Zusammenhang wurde in einem mitteleuropäischen Versuch untersucht, in dem die saisonale Entwicklung von Bienenvölkern gezielt verschoben wurde. Das Experiment bildete damit Unterschiede nach, wie sie auch durch veränderte klimatische Bedingungen entstehen können (Nürnberger et al., 2019).

Völker mit verzögerter Entwicklung hatten im Frühjahr kleinere Arbeiterinnenpopulationen und in den folgenden Monaten geringere Honigvorräte. Sie waren damit schlechter auf frühe Trachten abgestimmt.

Im Sommer zeigte sich jedoch die Gegenrichtung: Die Varroabelastung war in den nicht verzögerten Völkern ungefähr dreimal so hoch wie in den Völkern mit späterer Entwicklung. Eine hohe sommerliche Varroabelastung war zudem mit einem geringeren Wachstum der Arbeiterinnenpopulation verbunden.

Der Faktor drei ist ein Ergebnis dieses konkreten Versuchs und keine allgemeingültige Rechenregel. Der Befund macht aber die Grössenordnung des möglichen Zielkonflikts sichtbar: Eine frühe und starke Volksentwicklung kann den Trachtertrag verbessern und zugleich den Aufbau der Varroapopulation fördern.

Die Völker erwiesen sich insgesamt als bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber der zeitlichen Verschiebung. Der Versuch zeigt daher nicht, dass eine veränderte Phänologie zwangsläufig zum Zusammenbruch führt. Er zeigt vielmehr, dass Vorteile im Frühjahr mit Nachteilen im Sommer verbunden sein können.

3.3 Weitere Untersuchungen stützen den Zusammenhang

Eine mitteleuropäische Langzeitauswertung über die Jahre 1991 bis 2020 untersuchte, wie saisonale Temperaturen mit der Varroabelastung im Herbst zusammenhängen. Höhere Temperaturen im Frühjahr sowie im Oktober waren mit einem stärkeren Herbstbefall verbunden. Ebenfalls bedeutsam waren die Zahl der Bienen im Herbst und die Menge der verdeckelten Herbstbrut (Smoliński et al., 2021).

Eine weitere Untersuchung verglich städtische und ländliche Bienenstände in fünf polnischen Regionen. Die Völker an städtischen Standorten zeigten eine stärkere Brutdynamik. Eine grössere Brutmenge im Frühjahr war wiederum mit einer höheren Varroabelastung im Sommer verbunden (Gerula et al., 2025).

Städtische Wärmeinseln können in gewissem Umfang Bedingungen vorwegnehmen, die bei einer allgemeinen Erwärmung häufiger auftreten. Der Vergleich lässt sich jedoch nicht allein auf die Temperatur reduzieren. Auch Unterschiede im Trachtangebot, in der Landnutzung und in der imkerlichen Betreuung können die Volksentwicklung beeinflusst haben.

Trotz dieser Einschränkung weisen die Studien in dieselbe Richtung: Wo mehr Brut vorhanden ist, findet Varroa mehr verdeckelte Brutzellen für ihre Vermehrung.

3.4 Nicht nur der Brutbeginn, sondern vor allem der Brutumfang zählt

Häufig wird der Zusammenhang stark vereinfacht dargestellt:

Wärmere Winter führen zu einem früheren Brutbeginn, dadurch kann sich Varroa länger vermehren.

Diese Erklärung ist plausibel, greift aber zu kurz. Die bisherige Datenlage spricht eher dafür, dass nicht allein der Zeitpunkt des Brutbeginns entscheidend ist. Wichtiger scheint zu sein, wie viel Brut ein Volk über die Saison hinweg pflegt und wie lange grössere Brutflächen vorhanden bleiben.

In der Langzeitauswertung von Smoliński et al. (2021) zeigte sich kein eindeutiger direkter Zusammenhang zwischen einer bloss vorverlegten saisonalen Entwicklung und der Varroahäufigkeit. Die beobachteten Effekte wurden eher mit einer stärkeren Bienenreproduktion in bestimmten Jahresabschnitten in Verbindung gebracht.

Dazu passt ein Klimakammerversuch: Höhere Winter- und Frühjahrstemperaturen intensivierten die Bruttätigkeit der untersuchten Bienenvölker, verschoben deren Beginn jedoch nicht entsprechend nach vorne (Villagómez et al., 2021).

Auch die polnische Untersuchung deutet darauf hin, dass vor allem die Brutmenge und die Brutdynamik mit dem späteren Varroaanstieg zusammenhängen (Gerula et al., 2025).

Die Wirkungskette lässt sich deshalb vorsichtig so zusammenfassen:

Wärmere Bedingungen können die Bruttätigkeit intensivieren und grössere Brutflächen über längere Zeit begünstigen. Dadurch entsteht mehr Reproduktionsraum für Varroa, was die Belastung im Sommer und Herbst erhöhen kann.

Für die Praxis ist diese Unterscheidung wichtig. Das Datum, an dem erstmals Brut gefunden wird, beschreibt nur einen kurzen Moment. Entscheidend ist, wie sich der Brutumfang über das Frühjahr, den Sommer und den Herbst entwickelt.

3.5 Der Herbst wird zum zweiten kritischen Fenster

Der Zusammenhang endet nicht mit dem Frühjahr. Auch im Herbst können höhere Temperaturen die Brutaktivität und damit die Vermehrung von Varroa länger aufrechterhalten.

Die erwähnte Langzeitauswertung zeigte, dass höhere Oktobertemperaturen mit einer verstärkten Varroabelastung im Herbst verbunden waren. Gleichzeitig erhöht eine grössere Menge verdeckelter Herbstbrut die Zahl jener Zellen, in denen sich die Milben weiterhin vermehren können (Smoliński et al., 2021).

Damit wird ein für die Varroabekämpfung entscheidender Zustand weniger verlässlich: die Brutfreiheit. Solange verdeckelte Brut vorhanden ist, bleibt ein Teil der Milben vor Behandlungen geschützt. Der geeignete Zeitpunkt für eine wirksame Winterbehandlung lässt sich deshalb immer weniger allein aus dem Kalender ableiten.

Eine Modellstudie für den pazifischen Nordwesten der USA weist auf einen weiteren möglichen Mechanismus hin. Wärmere Herbste könnten die Flugaktivität verlängern und die Altersstruktur der überwinternden Bienen verändern. Nach dem Modell würde dies das Risiko von Volksverlusten im folgenden Frühjahr erhöhen (Rajagopalan et al., 2024).

Diese Ergebnisse beruhen auf einer Modellrechnung und nicht auf Schweizer Feldmessungen. Sie sind daher als Hypothese und nicht als gesicherter Nachweis zu verstehen.

Gut belegt ist hingegen, dass die Qualität der Winterbienen eng mit der Varroabelastung zusammenhängt. Eine niedrige Belastung vor und während der Bildung der Winterbienen führte in einer Untersuchung zu einer längeren Lebensdauer der einzelnen Bienen und zu besseren Überlebenschancen der Völker im Winter (van Dooremalen et al., 2012).

Im Herbst können somit mehrere Belastungen zusammentreffen:

  • fortgesetzte Varroavermehrung in verdeckelter Brut,
  • eine spätere oder ausbleibende Brutpause,
  • ein erhöhter Futterverbrauch,
  • mögliche Veränderungen der Altersstruktur der Winterbienen.

Welcher dieser Mechanismen im Einzelfall überwiegt, ist nicht abschliessend geklärt. Für die imkerliche Praxis zählt vor allem die gemeinsame Folge: Der Zeitpunkt, an dem ein Volk tatsächlich brutfrei ist, wird unsicherer.

3.6 Kann ein starkes Volk die Belastung ausgleichen?

Starke Völker können zeitliche Verschiebungen teilweise kompensieren. Die im Versuch beobachtete Widerstandsfähigkeit gegenüber einer veränderten Phänologie zeigt, dass Bienenvölker über beträchtliche Anpassungsmöglichkeiten verfügen (Nürnberger et al., 2019).

Wärmere Bedingungen können jedoch auch direkte Kosten verursachen. In einem europaweiten Vergleich von 16 genetischen Herkünften unter unterschiedlichen Umweltbedingungen hatten Völker in südlicheren und wärmeren Regionen tendenziell kleinere erwachsene Bienenpopulationen. Die Autoren bringen dies mit einer kürzeren Lebensdauer der Arbeiterinnen unter wärmeren Bedingungen in Verbindung. In nördlicheren Regionen war dagegen die Brutpopulation aufgrund der kürzeren Brutsaison kleiner (Hatjina et al., 2014).

Das bedeutet nicht, dass jedes Volk bei Wärme gleichzeitig mehr Brut und weniger erwachsene Bienen haben muss. Der Vergleich zeigt aber einen möglichen Zielkonflikt: Die Brutproduktion kann intensiv bleiben, während sich die erwachsene Population schneller erneuern muss.

Ein Volk kann dadurch einen hohen biologischen Umsatz aufweisen, ohne dauerhaft stärker zu werden. Gleichzeitig profitiert Varroa von einer grossen und kontinuierlich verfügbaren Brutfläche.

3.7 Schwärmen: ein indirekter Klimaeffekt

Auch eine zunehmende Schwarmneigung wird häufig direkt dem Klimawandel zugeschrieben. Wahrscheinlicher ist ein indirekter Zusammenhang.

Ein warmes Frühjahr kann den Volksaufbau beschleunigen. Wenn die Bienenmasse und das Brutnest rasch wachsen, entsteht früher Raumbedarf. Wird der Raum nicht rechtzeitig erweitert oder werden Schwarmanzeichen zu spät erkannt, kann das Volk früher in Schwarmstimmung geraten.

Das Klima löst den Schwarmtrieb somit nicht unabhängig von der Betriebsweise aus. Es verschiebt vielmehr den Zeitpunkt, an dem Raum, Tracht, Volksstärke und imkerliche Eingriffe aufeinander abgestimmt werden müssen.

In einem europaweiten Vergleich von Bienenvölkern unterschiedlicher genetischer Herkunft war die Variabilität im Schwarm-, Verteidigungs- und Hygieneverhalten zwischen den Standorten grösser als zwischen den genetischen Herkünften (Uzunov et al., 2014). Umwelt und Völkerführung können das beobachtete Verhalten daher stärker prägen als die Herkunft allein.

Für die Praxis folgt daraus: Der Beginn der Schwarmkontrolle sollte sich an der tatsächlichen Volksentwicklung und nicht an einem festen Kalenderdatum orientieren. In einem warmen Frühjahr kann ein bisher bewährter Termin bereits zu spät sein.

3.8 Zwischenfazit: Der Zielkonflikt lässt sich nicht beseitigen

Eine frühe und starke Volksentwicklung bringt reale Vorteile. Sie verbessert die Fähigkeit, frühe Trachten zu nutzen, und kann zu einer höheren Volksstärke und besseren Honigversorgung führen.

Dieselbe Entwicklung kann jedoch eine grössere und länger verfügbare Brutfläche schaffen. Damit erhält Varroa mehr Möglichkeiten zur Vermehrung. Ein starkes Volk im Frühjahr ist deshalb nicht automatisch ein Volk, das für den weiteren Jahresverlauf gut abgesichert ist.

Umgekehrt wäre es ebenfalls falsch, die Volksentwicklung bewusst schwach zu halten, um Varroa zu begrenzen. Das würde Trachtnutzung, Volksstärke und Ertrag beeinträchtigen.

Der Zielkonflikt lässt sich nicht vollständig auflösen. Er muss durch die Völkerführung bewirtschaftet werden. Dazu gehören insbesondere:

  • den Brutumfang über die Saison beobachten,
  • die Varroabelastung wiederholt messen,
  • die Schwarmkontrolle an der tatsächlichen Entwicklung ausrichten,
  • die Brutfreiheit im Herbst und Winter überprüfen, statt sie vorauszusetzen.

Die einfache Formel, alle Arbeiten im Jahreskalender um einige Wochen nach vorne zu verschieben, reicht nicht aus. Denn Volksentwicklung, Tracht und Varroavermehrung verändern sich nicht im gleichen Tempo.

Bisher standen vor allem Frühjahr und Herbst im Zentrum. Doch auch der Sommer wird zunehmend zu einer kritischen Phase. Hitze, Trockenheit und Trachtlücken belasten die Völker in einer Jahreszeit, die lange als vergleichsweise stabil galt.


4. Der Sommer wird zur zweiten kritischen Phase

Dieses Kapitel beschreibt, wie Hitze, Trockenheit und Wassermangel den Sommer zu einer eigenständigen Belastungsphase für Bienenvölker machen.

4.1 Eine Annahme, die zunehmend an Gültigkeit verliert

Der Winter gilt traditionell als die kritische Jahreszeit für Bienenvölker. Der Sommer wurde dagegen lange als vergleichsweise stabile Phase betrachtet: Das Volk ist stark, sammelt Nahrung und kann vorübergehende Belastungen weitgehend selbst ausgleichen.

Diese Einteilung wird unter wärmeren und trockeneren Bedingungen weniger verlässlich. Trachtlücken, hohe Temperaturen und Wassermangel können im Hochsommer gleichzeitig auftreten – zu einem Zeitpunkt, an dem die Völker weiterhin viel Brut pflegen, Jungvölker aufgebaut und Königinnen begattet werden.

Eine Untersuchung des Ernährungszyklus von Bienenvölkern in Sardinien identifizierte innerhalb eines Jahres zwei kritische Phasen: die erwartete Winterzehrung und eine zweite Mangelphase im Sommer. Der Ernährungszustand der Bienen folgte weitgehend dem verfügbaren Nektarfluss. Niederschläge beeinflussten die Völker dabei indirekt über die Vegetation und die demografische Entwicklung der Kolonien (Knoll et al., 2024).

Ein sardischer Jahresverlauf lässt sich nicht direkt auf das Schweizer Mittelland oder alpine Regionen übertragen. Die Grundstruktur ist dennoch relevant: Wo eine ausgeprägte Sommertrachtlücke entsteht, kann der Hochsommer zu einer zweiten Ernährungs- und Belastungsphase werden. In tiefen und trockenen Lagen der Schweiz ist dieses Muster bereits heute plausibel.

4.2 Wasser: ein Vorrat, den das Volk kaum anlegen kann

Honig kann ein Volk über längere Zeit speichern, Pollen zumindest begrenzt. Bei Wasser sind die Reserven dagegen klein. Steigt der Bedarf plötzlich an, muss das Volk rasch zusätzliche Wassersammlerinnen einsetzen.

Wasser erfüllt im Bienenvolk mehrere Funktionen. Es wird für die Futterzubereitung benötigt, dient der Versorgung der Brut und ist bei Hitze für die Verdunstungskühlung entscheidend. Droht das Brutnest zu überhitzen, verteilen die Bienen Wasser auf den Waben und erzeugen durch Ventilation Verdunstungskälte.

Wie diese Reaktion gesteuert wird, ist gut untersucht. Wassersammlerinnen beurteilen den Bedarf des Volkes unter anderem danach, wie leicht sie ihre Ladung an Stockbienen abgeben können. Steigt der Bedarf, werden mehr Bienen für die Annahme und Verteilung des Wassers eingesetzt. Gleichzeitig können Arbeiterinnen aus anderen Aufgabenbereichen zur Wasseraufnahme wechseln (Kühnholz & Seeley, 1997).

Unter Hitzestress steigern die Völker ihre Wasseraufnahme sehr schnell. Ein Teil des Wassers wird vorübergehend in den Honigmägen der Bienen oder in Zellen gespeichert. Dieser Puffer bleibt jedoch klein und reicht nicht aus, um eine länger dauernde Versorgungslücke zu überbrücken (Ostwald et al., 2016).

Für die Praxis ergibt sich daraus ein entscheidender Unterschied zur Futterversorgung: Wassermangel lässt sich nicht einfach durch vorhandene Vorräte kompensieren. Versiegt eine bisher genutzte Wasserquelle während einer Hitzewelle oder liegt sie weit vom Bienenstand entfernt, steigen der Sammelaufwand und die Belastung der dafür eingesetzten Bienen unmittelbar.

4.3 Wie das Volk auf eine Hitzewelle reagiert

Bienenvölker können hohe Temperaturen erstaunlich wirksam abpuffern. Diese Fähigkeit darf jedoch nicht mit Kostenfreiheit verwechselt werden.

In einem Versuch mit simulierten Hitzewellen nahm die Aktivität der Völker um rund 70 % zu. Wahrscheinlich wurden dafür Bienen mobilisiert, die zuvor wenig oder keine sichtbare Tätigkeit ausgeübt hatten. Das Sammeln von Nektar und Pollen blieb im Versuch weitgehend stabil. Gleichzeitig nahm die Zahl der Wassersammlerinnen zu, während weniger Bienen ohne sichtbare Last ausflogen (Bordier et al., 2017).

Auf der Ebene der einzelnen Arbeiterinnen wurden keine eindeutigen Einbussen der Immunfunktion festgestellt. Die Vitellogeninwerte stiegen, möglicherweise als Teil einer Schutzreaktion gegen oxidativen Stress. Auch die Belastung mit dem Flügeldeformationsvirus nahm im Versuch nicht zu.

Das Ergebnis zeigt die hohe Anpassungsfähigkeit eines Bienenvolkes. Es zeigt aber ebenso, dass diese Anpassung auf der Mobilisierung personeller Reserven beruht. Ein Volk kann eine Hitzewelle scheinbar ohne sichtbaren Schaden überstehen und dabei dennoch einen Teil seiner inneren Puffer aufbrauchen.

Die Kosten erscheinen somit nicht zwingend als unmittelbarer Brutverlust oder als ausbleibender Nektareintrag. Sie können sich darin zeigen, dass beim nächsten Stressereignis weniger Reserven verfügbar sind – etwa bei einer anschliessenden Trachtlücke, einer Varroabelastung oder einer Behandlung.

Wie weit die Versuchsergebnisse auf extreme Schweizer Hitzewellen übertragbar sind, hängt von Dauer und Intensität des jeweiligen Ereignisses ab. Die Studie belegt die grundsätzliche Reaktionsfähigkeit der Völker, nicht ihre unbegrenzte Belastbarkeit.

4.4 Für die einzelne Biene wird Austrocknung zum begrenzenden Faktor

Honigbienen können während des Fluges hohe Körpertemperaturen ertragen. Bei heissen und trockenen Bedingungen wird jedoch nicht allein die Temperatur zum Problem, sondern zunehmend der Wasserverlust.

Nektarbeladene Bienen passten bei einer Lufttemperatur von 40 °C ihren Flug an, indem sie die Flügelschlagfrequenz und damit die eigene Wärmeproduktion reduzierten. Eine grössere Flügelschlagamplitude half ihnen, die geringere Frequenz teilweise auszugleichen. Gleichzeitig nahm die Bedeutung der Verdunstungskühlung zu (Glass et al., 2024).

Die Autoren folgern, dass Austrocknung die Sammeltätigkeit bei heissen und trockenen Bedingungen bereits begrenzen kann, bevor die kritische thermische Höchsttemperatur der Bienen erreicht wird. Die Tiere können Hitze somit physiologisch noch tolerieren, aber nicht mehr genügend Wasser für eine längere Aktivität bereitstellen.

Klassische Freilandbeobachtungen aus der Sonora-Wüste zeigen ein entsprechendes Verhalten. Bei etwa 20 °C kehrten praktisch keine Bienen mit einem sichtbaren Flüssigkeitstropfen auf der Zunge zurück. Bei einer Schattentemperatur von 40 °C waren es rund 40 %. Die Bienen nutzten die Flüssigkeit zur Verdunstungskühlung (Cooper et al., 1985).

In derselben Untersuchung ging das Pollensammeln bei hohen Temperaturen zurück. Pollensammlerinnen führten im Unterschied zu Nektar- und Wassersammlerinnen wenig Flüssigkeit mit sich und erreichten bei 40 °C höhere Brusttemperaturen.

Daraus lässt sich nicht ableiten, dass bei jeder Hitzewelle zuerst der Polleneintrag ausfällt. Die Untersuchung deutet jedoch darauf hin, dass Pollensammlerinnen unter extrem heissen Bedingungen besonders exponiert sein können. Ein rückläufiger Polleneintrag kann deshalb ein früher Hinweis darauf sein, dass die Sammeltätigkeit des Volkes durch Hitze und Trockenheit eingeschränkt wird.

Für inneralpine Trockengebiete ist die Kombination besonders relevant: Hohe Temperaturen und niedrige Luftfeuchtigkeit erhöhen gemeinsam den Wasserverlust. Die Grenze der Sammeltätigkeit kann dadurch erreicht werden, obwohl die Temperatur allein für die Bienen noch nicht unmittelbar tödlich wäre.

4.5 Kleine Einheiten haben geringere Reserven

Nicht alle Bienenvölker können Hitze gleich gut ausgleichen. Entscheidend sind neben Standort und Beute auch Volksstärke und verfügbare Bienenmasse.

Wirtschaftsvölker verfügen über viele Arbeiterinnen, die kurzfristig zur Ventilation oder zum Wassertransport eingesetzt werden können. Ableger und Begattungseinheiten haben dagegen weniger Bienen und geringere personelle Reserven. Auch ihr kleineres Beutenvolumen und ein ungünstiges Verhältnis zwischen Oberfläche und Innenraum können zu stärkeren Temperaturschwankungen beitragen.

In einer semiariden Region Argentiniens wurden Standardbeuten mit der Betriebsweise gestapelter Ablegerkästen verglichen, bei der Völker dauerhaft in kleinerem Raum geführt werden. Die durchschnittliche Innentemperatur betrug in den Standardbeuten 33,2 °C und in den kleineren Einheiten 34,1 °C. Messungen im Randbereich der Beuten zeigten zudem, dass die Einheiten mit reduziertem Raum stärker thermischen Extremen ausgesetzt waren (Bourrel et al., 2025).

Der Unterschied von weniger als einem Grad erscheint zunächst gering. Für die Brutpflege ist jedoch nicht nur der Mittelwert wichtig, sondern auch, wie häufig und wie lange lokal kritische Temperaturen auftreten. Die Untersuchung erfasste allerdings keine Volksstärke; dass kleinere Einheiten zugleich über weniger Arbeiterinnen für Ventilation und Wassertransport verfügen, ist eine naheliegende, aber dort nicht geprüfte Ergänzung.

Besonders aufmerksam zu beobachten sind deshalb:

  • Ableger und Jungvölker,
  • Begattungseinheiten,
  • Kunstschwärme,
  • stark geschröpfte Völker,
  • Einheiten an provisorischen oder vollsonnigen Standorten.

Eine kleine Einheit ist nicht allein aufgrund ihres Volumens gefährdet. Volksstärke, Beschattung, Beutenmaterial, Luftaustausch und Wasserverfügbarkeit wirken zusammen. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass eine Einengung des Raumes bei Hitze kein neutraler Eingriff ist.

4.6 Fortpflanzung unter sommerlichem Stress

Der Sommer ist nicht nur eine Sammelperiode. In dieser Zeit entwickeln sich Drohnen, finden Begattungsflüge statt und werden Jungköniginnen in die Völker eingeweiselt. Störungen der Fortpflanzung können deshalb langfristige Folgen haben, auch wenn das betroffene Volk zunächst unauffällig erscheint.

Für Drohnen ist eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber verschiedenen Belastungen gut dokumentiert. In einem direkten Vergleich reagierten Drohnen stärker auf Kältestress und auf eine Exposition mit Imidacloprid als Arbeiterinnen. Dies war trotz einer hohen Grundausstattung mit bestimmten Stressantwortproteinen der Fall (McAfee et al., 2022).

Auch andere Untersuchungen zeigen, dass die männliche Fortpflanzungsfunktion empfindlich auf Belastungen reagieren kann. Parasiten und Insektizide beeinträchtigten die Spermienqualität von Drohnen deutlich (Kairo et al., 2017). Eine Übersicht nennt neben Ernährung, Krankheiten und chemischen Belastungen auch die Temperatur als Einflussfaktor auf die Reproduktionsqualität. Die Spermienbildung wird bereits während der Puppenentwicklung abgeschlossen, sodass thermische Belastungen vor dem Schlupf besonders relevant sein könnten (Rangel & Fisher, 2019).

Diese Studien belegen eine allgemeine Stressempfindlichkeit der Drohnen und ihrer Fortpflanzungsfunktion. Sie erlauben jedoch keine genaue Temperaturgrenze, ab der Begattungserfolge unter Schweizer Feldbedingungen zurückgehen.

Für Königinnen ist die Datenlage noch dünner. In einem brasilianischen Beschattungsversuch mit afrikanisierten Bienen lebten die Königinnen beschatteter Völker im Mittel 244 ± 71 Tage, jene vollsonnig aufgestellter Völker 193 ± 63 Tage. Der Unterschied war nicht signifikant – bei fünf Völkern je Gruppe hätte der Versuch allerdings auch einen deutlichen Effekt kaum nachweisen können, und die Autoren fordern selbst eine grössere Stichprobe. Signifikant grösser war dagegen die verdeckelte Brutfläche in den beschatteten Völkern (Santos et al., 2023).

Aus den beobachteten Lebensdauerwerten lässt sich daher kein gesicherter Hitzeeffekt auf die Königinnen ableiten. Plausibel ist, dass extreme Temperaturen die Entwicklung von Drohnen, Begattungsflüge, die Lagerung von Sperma oder die spätere Legeleistung beeinträchtigen können. Für eine belastbare Aussage unter Schweizer Feldbedingungen fehlen jedoch direkte Untersuchungen.

Berichte über vermehrte Begattungs- oder Königinnenprobleme während Hitzewellen sollten deshalb ernst genommen, aber nicht als bereits bewiesener allgemeiner Klimaeffekt dargestellt werden.

4.7 Warme Nächte verkürzen die Erholungsphase

Für die thermische Belastung zählt nicht nur die Tageshöchsttemperatur. Entscheidend ist auch, wie stark die Luft während der Nacht abkühlt.

Die Klimaszenarien CH2025 zeigen, dass sich sehr warme Nächte deutlich verändern. Für eine Welt mit einer globalen Erwärmung von 2 °C wird für die Schweiz eine Zunahme der Temperatur der wärmsten Nacht um rund 2,1 °C erwartet. In Lugano könnte die Zahl der Tropennächte von 15 während der Referenzperiode auf 37 pro Jahr steigen. Gleichzeitig verlängert sich die Saison, in der solche Nächte auftreten, von etwa acht auf zehn Wochen (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025).

Bienenvölker können überschüssige Wärme leichter abgeben, wenn die Aussentemperatur nachts deutlich unter die Temperatur des Brutnestes sinkt. Bleibt die Umgebung auch nachts warm, verkürzt sich das Zeitfenster für die passive Abkühlung. Ventilation und Wasserverdunstung können länger erforderlich bleiben.

Dieser Zusammenhang ist physiologisch plausibel. Mit den hier berücksichtigten Studien ist jedoch nicht direkt belegt, wie stark warme Nächte die Energiebilanz, den Wasserverbrauch oder die Brutentwicklung von Schweizer Bienenvölkern verändern. Die Entwicklung verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit, sollte aber vorerst als offene Forschungsfrage behandelt werden.

4.8 Zwischenfazit: Die Kosten zeigen sich oft erst bei der nächsten Belastung

Der Sommer wird in warmen und trockenen Regionen zunehmend zu einer eigenständigen Belastungsphase. Ihre Besonderheit liegt darin, dass die Folgen nicht immer unmittelbar sichtbar werden.

Das Volk hält die Bruttemperatur, indem es mehr Wasser sammelt und Bienen zur Ventilation einsetzt. Es kann die Sammeltätigkeit zeitweise aufrechterhalten, indem es bisher wenig aktive Arbeiterinnen mobilisiert. Diese Anpassungen zeigen die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit des Bienenvolkes. Gleichzeitig verbrauchen sie Reserven.

Kritisch wird die Situation besonders, wenn mehrere Belastungen zusammentreffen:

  • hohe Temperaturen und geringe Luftfeuchtigkeit,
  • fehlende oder entfernte Wasserquellen,
  • eine sommerliche Trachtlücke,
  • kleine oder geschwächte Einheiten,
  • hohe Varroabelastung,
  • Eingriffe oder Behandlungen während einer Hitzewelle.

Ein Volk kann ein einzelnes Ereignis gut bewältigen und dennoch beim folgenden Stressfaktor an seine Grenzen gelangen. Die entscheidende Ressource, die dabei verloren geht, ist nicht immer sofort messbare Volksstärke, sondern der verbleibende Handlungsspielraum des Volkes.

Damit entsteht ein weiterer Zielkonflikt für die Imkerei: Gerade während sommerlicher Belastungsphasen wären Kontrollen und Eingriffe nötig. Gleichzeitig werden die geeigneten Zeitfenster für solche Massnahmen durch Hitze, vorhandene Brut und wechselnde Trachtbedingungen schwieriger vorhersehbar. Darum geht es im folgenden Kapitel.


5. Wenn der richtige Zeitpunkt unsicher wird

Dieses Kapitel untersucht, weshalb Behandlungen, Diagnosen, Prädatorendruck und der Zugang zum Bienenstand zeitlich weniger planbar werden.

5.1 Nicht nur schwieriger, sondern weniger planbar

Die verbreitete Klage lautet, dass imkerliche Behandlungen schwieriger würden. Das trifft zu, beschreibt das Problem aber nur teilweise. Ein schwieriger Eingriff lässt sich mit mehr Aufwand, Erfahrung oder besserer Technik bewältigen. Grundsätzlicher ist, dass sich der geeignete Zeitpunkt immer weniger im Voraus festlegen lässt.

Ein Behandlungskalender beruht auf Annahmen über den Verlauf des Bienenjahres: wann die Haupttracht endet, wie lange Brut vorhanden bleibt, wann die Völker brutfrei werden und welche Temperaturen während der Behandlung zu erwarten sind. Werden die Jahre variabler, verliert auch dieses Modell an Verlässlichkeit.

Das betrifft nicht nur die Varroabekämpfung. Bei Nosema wird die Diagnose durch unspezifische Symptome erschwert. Der Druck durch die Asiatische Hornisse entwickelt sich regional unterschiedlich. Gleichzeitig können Hitze, Waldbrandgefahr oder Starkniederschläge den Zugang zu abgelegenen Bienenständen genau dann einschränken, wenn Kontrollen oder Behandlungen anstehen.

Die gemeinsame Herausforderung lautet deshalb: Die Betriebsführung muss häufiger auf den tatsächlichen Zustand am Bienenstand reagieren, statt sich allein auf ein im Voraus festgelegtes Zeitfenster zu verlassen.

5.2 Die Sommerbehandlung steht unter doppeltem Druck

Die Varroabekämpfung im Sommer ist besonders anspruchsvoll. Die Milbenbelastung soll möglichst früh gesenkt werden, damit gesunde Winterbienen entstehen können. Gleichzeitig ist meist noch viel Brut vorhanden, in der sich ein grosser Teil der Milben vor der Behandlung schützt.

Hinzu kommt die Witterung. Einige Verfahren benötigen bestimmte Temperaturbereiche oder reagieren empfindlich auf Hitze, Luftfeuchtigkeit, Beutenvolumen und Volksstärke. Gerade während der zunehmend heissen Sommer kann das biologische Behandlungsfenster deshalb mit ungünstigen Anwendungsbedingungen zusammenfallen.

Wie stark der Zeitpunkt den weiteren Verlauf beeinflusst, zeigt eine mehrjährige Untersuchung zur saisonalen Entwicklung von Varroa. Nach Winter- und Frühjahrsbehandlungen dauerte es unter den untersuchten Bedingungen ungefähr vier bis fünf Monate, bis die Milbenpopulation den festgelegten Schwellenwert erneut erreichte. Nach Sommer- und Herbstbehandlungen wurde dieser Wert in weniger als drei Monaten wieder überschritten (Jack et al., 2023).

Diese Monatsangaben stammen aus einem spezifischen nordamerikanischen Kontext und lassen sich nicht direkt auf die Schweiz übertragen. Der grundlegende Befund ist dennoch wichtig: Der Wiederanstieg der Milbenpopulation hängt stark von Jahreszeit, vorhandener Brut und Ausgangsbefall ab. Der Behandlungstermin ist somit kein nebensächliches Detail, sondern beeinflusst das Ergebnis wesentlich.

Eine weitere Untersuchung derselben Forschungsgruppe zeigte, dass die Wirksamkeit gebräuchlicher Behandlungen zwischen den Jahreszeiten erheblich variierte. Nicht jedes Verfahren, das zu einem Zeitpunkt gut wirkte, kontrollierte die Milbenpopulation im Sommer oder Herbst gleich zuverlässig (Jack et al., 2024).

Daraus folgt: Eine Behandlung kann technisch korrekt durchgeführt sein und dennoch nicht ausreichen, wenn Brutumfang, Befallsentwicklung und Jahreszeit ungünstig zusammentreffen.

5.3 Ameisensäure: Ein Wirkstoff, verschiedene Anwendungsfenster

Ameisensäure besitzt den wichtigen Vorteil, dass sie grundsätzlich auch Milben in verdeckelter Brut erreichen kann. Ihre Wirkung und Verträglichkeit hängen jedoch stark von der konkreten Anwendung ab.

In einer achtjährigen mitteleuropäischen Untersuchung wurden Behandlungen mit 60- und 85-prozentiger Ameisensäure verglichen. Die 60-prozentige Anwendung zeigte eine grössere Schwankung der Wirksamkeit und schnitt besonders in zweiräumigen Beuten häufiger schwächer ab. Die 85-prozentige Ameisensäure erreichte unter den untersuchten Bedingungen eine höhere und gleichmässigere Wirksamkeit und war weniger stark von der Umgebungstemperatur abhängig (Steube et al., 2021).

Der Schwerpunkt dieser Untersuchung lag auf kühlen Spätsommer- und Herbstbedingungen. Sie belegt deshalb vor allem Unterschiede zwischen den geprüften Verfahren bei tieferen Temperaturen. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass eine höhere Konzentration bei Hitze grundsätzlich unproblematisch oder für jedes Produkt geeignet wäre.

Eine luxemburgische Befragung über fünf Winter ergab für die Anwendung von 60-prozentiger Ameisensäure keinen eindeutigen Zusammenhang mit den späteren Völkerverlusten. Die Anwendung von 85-prozentiger Ameisensäure im August war dagegen mit geringeren Verlusten verbunden (Beyer et al., 2018). Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, können daraus Zusammenhänge, aber keine sicheren Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet werden.

Für die häufig genannte pauschale Regel, oberhalb von 30 °C dürfe keine Ameisensäure eingesetzt werden, liefert die hier berücksichtigte wissenschaftliche Literatur keinen allgemeinen Nachweis. Das bedeutet nicht, dass diese Grenze unbegründet wäre. Sie kann aus den Anwendungsvorschriften bestimmter Präparate, aus Verdunstungseigenschaften und aus praktischen Erfahrungen hervorgehen.

Problematisch wäre jedoch, dieselbe Temperaturgrenze auf alle Produkte und Verfahren zu übertragen. Konzentration, Trägermaterial, Verdunster, Beutentyp, Beutenvolumen, Volksstärke und Behandlungsdauer beeinflussen gemeinsam, wie viel Säure freigesetzt wird und wie das Volk darauf reagiert. Massgebend sind deshalb die Anwendungsvorschriften des konkret verwendeten Präparats.

Daraus darf umgekehrt nicht abgeleitet werden, eine Anwendung oberhalb der produktspezifischen Temperaturgrenzen sei unbedenklich. Verbindlich sind die aktuellen Fachinformationen des in der Schweiz zugelassenen Präparats und die dazugehörige Applikationsform.

5.4 Nebenwirkungen sind möglich

Ameisensäure ist wirksam, aber nicht frei von Belastungen für das Bienenvolk.

In einem sommerlichen Versuch an zwei Standorten in Korea zeigte 60-prozentige Ameisensäure die höchste Wirksamkeit gegen die untersuchten Milbenarten. Beide geprüften Verfahren verringerten jedoch die Brutfläche, in den ameisensäurebehandelten Völkern eines Standorts besonders deutlich (Oh & Jung, 2025).

In einer kanadischen Untersuchung entwickelten sich die mit Ameisensäure behandelten Völker während des Sommers langsamer. Sie erzielten geringere Honigerträge und waren am Saisonende schwächer als die Vergleichsvölker. Während des Versuchs gingen fünf Königinnen verloren, alle in Gruppen mit Ameisensäurebehandlung (Giovenazzo & Dubreuil, 2011).

Eine solche Beobachtung beweist nicht, dass Ameisensäure generell Königinnenverluste verursacht. Sie zeigt jedoch, dass Wirksamkeit und Belastung gemeinsam beurteilt werden müssen. Produkt, Dosierung, Witterung und Zustand des Volkes können das Risiko wesentlich verändern.

Auch ein Schweizer Feldversuch, in dem eine Ameisensäurebehandlung als Vergleichsverfahren eingesetzt wurde, zeigte mögliche Folgekosten. Häufigere späte Umweiselungen trugen dort zu Belastungen während der Überwinterung bei (Sandrock et al., 2024).

Die Schlussfolgerung lautet deshalb nicht, auf Ameisensäure zu verzichten. Sie lautet, nicht von einem einheitlichen Temperaturfenster für den Wirkstoff auszugehen. Jede Applikationsform besitzt eigene Bedingungen, Vorteile und Risiken.

5.5 Alternativen sind ebenfalls nicht unabhängig von den Bedingungen

Der Wunsch nach einem weniger temperaturabhängigen Verfahren ist nachvollziehbar. Die untersuchten Alternativen zeigen jedoch, dass die Abhängigkeit von der Witterung häufig durch andere Unsicherheiten ersetzt wird.

Oxalsäure in Glycerin

Formulierungen mit Oxalsäure und Glycerin werden international intensiv untersucht. Die Ergebnisse unterscheiden sich erheblich.

In einer kanadischen Untersuchung erreichten Oxalsäure-Glycerin-Streifen bei einer Anwendung Mitte August eine Wirksamkeit von 55,8 ± 3,2 %. Damit lagen sie unter den dortigen Bedingungen über einer Behandlung mit 65-prozentiger Ameisensäure, die 42,6 ± 3,2 % erreichte, und über einer Oxalsäure-Träufelbehandlung mit 39,5 ± 4,3 % (Thurston et al., 2025).

Eine griechische Vierjahresstudie berichtete für eine Formulierung mit 21 % Oxalsäure in Glycerin dagegen korrigierte Wirksamkeiten zwischen 90,4 und 94,5 %, obwohl während der Anwendung Brut vorhanden war und sich die Witterung zwischen den Jahren unterschied (Kanelis et al., 2024).

In einer weiteren kanadischen Untersuchung senkten Oxalsäure-Glycerin-Pads zwar den Befall, brachten ihn jedoch nicht zuverlässig unter den vorgesehenen Herbstschwellenwert. Gleichzeitig nahmen die behandelten Völker weniger stark an Gewicht zu (Plamondon et al., 2024).

Die Spannweite von ungefähr 56 bis über 90 % zeigt, dass nicht allein die Wirkstoffkombination über den Erfolg entscheidet. Konzentration, Träger, Zahl und Position der Streifen oder Pads, Volksstärke, Brutumfang, Behandlungsdauer und klimatische Bedingungen wirken zusammen.

Die Untersuchungen belegen somit das Potenzial des Verfahrens, aber keine überall gleich wirksame Standardanwendung. Zudem ist die arzneimittelrechtliche Zulassung länderspezifisch. Eine im Ausland geprüfte Formulierung ist nicht automatisch für die Anwendung in der Schweiz zugelassen.

Brutunterbrechung und biotechnische Verfahren

Eine Brutunterbrechung vermindert die Zahl verdeckelter Zellen, in denen Varroamilben geschützt sind. Dadurch kann eine anschliessende Oxalsäurebehandlung einen wesentlich grösseren Anteil der Milben erreichen. Das Verfahren ist weniger unmittelbar von hohen Sommertemperaturen abhängig als eine Verdunstungsbehandlung.

Eine europäische Multizentrenstudie untersuchte 370 Völker an elf Standorten in zehn Ländern. Bei der Käfigung der Königin lagen die ermittelten Wirksamkeiten je nach anschliessender Oxalsäureanwendung zwischen 48,2 und 89,6 %. Die höchsten Werte wurden mit dem Träufeln einer 4,2-prozentigen Lösung mit 89,6 % sowie mit der Sublimation von zwei Gramm Oxalsäure mit 88,3 % erreicht. Rein biotechnische Verfahren wie Fangwabe und vollständige Brutentnahme unterschieden sich in der Untersuchung nicht signifikant von der Käfigmethode (Büchler et al., 2020).

Die grosse Spannweite ist selbst ein wesentlicher Befund. Sie zeigt, wie stark das Ergebnis von Zeitpunkt, Durchführung und nachfolgender Behandlung abhängt.

Eine unabhängige Untersuchung kam unter anderen Bedingungen zu einem ungünstigeren Ergebnis. Oxalsäureverdampfung in Verbindung mit einer Brutunterbrechung kontrollierte den Befall nicht ausreichend. Eine im Herbst durchgeführte Käfigung beeinträchtigte zudem Volksstärke und Überleben; einzelne Behandlungsgruppen wiesen eine hohe Mortalität auf (Jack et al., 2020).

Brutunterbrechung ist deshalb kein einfacher witterungsunabhängiger Ersatz. Sie tauscht einen Teil der Abhängigkeit von den äusseren Bedingungen gegen hohe Anforderungen an Planung, Ausführung und Zeitpunkt ein.

5.6 Brutfreiheit muss festgestellt werden

Die Unsicherheit betrifft nicht nur die Sommerbehandlung. Auch die Winterbehandlung verliert an Planbarkeit, wenn die Völker im Herbst und Winter länger Brut pflegen.

Oxalsäure erreicht Milben in verdeckelten Zellen nur unzureichend. Ihre hohe Wirksamkeit setzt deshalb einen brutfreien oder nahezu brutfreien Zustand voraus. Warme Herbstperioden können jedoch dazu führen, dass Brut länger vorhanden bleibt oder nach einer kurzen Unterbrechung erneut angelegt wird.

Das Kalenderdatum allein reicht daher nicht aus, um Brutfreiheit anzunehmen. Entscheidend ist der tatsächliche Zustand des Volkes. Die Beobachtung der Witterung oder der Flugaktivität kann Hinweise geben, ersetzt aber keine Beurteilung der Brutverhältnisse.

Damit wird die Winterbehandlung ebenfalls von einem festen Termin zu einer zustandsabhängigen Entscheidung.

5.7 Nosema ist nicht in erster Linie eine Klimafolge

Nosema ceranae wird häufig als unmittelbare Folge des Klimawandels dargestellt. Diese Einordnung ist zu einfach.

Der Wechsel von Nosema apis zu N. ceranae ist zunächst eine Ausbreitungs- und Einschleppungsgeschichte. N. ceranae gilt als vergleichsweise neuer Parasit der Westlichen Honigbiene. Seine weltweite Verbreitung wird unter anderem mit dem internationalen Handel und der Verlagerung von Bienen in Verbindung gebracht (Goblirsch, 2018; Marín-García et al., 2022).

Das Klima kann beeinflussen, wo sich der Erreger etabliert und wie sich eine Infektion entwickelt. Umweltbedingungen, Völkerführung, genetische Herkunft der Bienen, Ernährung, Pestizidbelastung und weitere Krankheitserreger wirken jedoch gemeinsam (Meixner et al., 2015; Martín-Hernández et al., 2018).

Für die Imkerei ist N. ceranae besonders deshalb schwierig, weil eine Infektion lange ohne eindeutige äussere Zeichen bestehen kann. Die klassische, klar sichtbare Frühjahrsnosemose mit Kotspuren tritt nicht zwingend auf. Schwache Entwicklung, geringe Volksstärke oder schlechte Leistung können zahlreiche andere Ursachen haben.

Nosema wird damit nicht primär zu einem Terminproblem, sondern zu einem Diagnoseproblem.

5.8 Wechselwirkungen mit Pflanzenschutzmitteln

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass Nosema-Infektionen die Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Insektiziden erhöhen können.

Nach einer Exposition gegenüber subletalen Dosen von Fipronil oder Thiacloprid war die Sterblichkeit bei mit N. ceranae infizierten Bienen höher als bei nicht infizierten Bienen (Vidau et al., 2011). In einer weiteren Untersuchung führten die geprüften Kombinationen von Nosema und Insektiziden zu einer über die Einzelwirkungen hinausgehenden Belastung des Überlebens (Aufauvre et al., 2012).

Der Effekt ist jedoch nicht unter allen Bedingungen gleich. Eine spätere Transkriptomstudie fand zwar eine erhöhte Mortalität bei kombinierten Belastungen, aber keine eindeutige Synergie (Aufauvre et al., 2014). Für Thiacloprid wurde zudem gezeigt, dass die Stärke der Wechselwirkung von der verwendeten Dosis abhängt (Retschnig et al., 2014).

Daraus lassen sich keine pauschalen Prozentwerte ableiten. Insbesondere die gelegentlich genannte Aussage, Nosema erhöhe die Empfindlichkeit gegenüber Pestiziden generell um 70 bis 80 %, wird durch diese Untersuchungen nicht gestützt.

Für die Praxis bleibt: Eine unklare Volksschwäche sollte nicht vorschnell dem Klima oder einem einzelnen Erreger zugeschrieben werden. Sie erfordert eine systematische Beurteilung von Varroa, Ernährung, Königin, Viren, Nosema und möglichen Umweltbelastungen.

5.9 Die Asiatische Hornisse: Klima ist ein Faktor, aber nicht der einzige

Die Asiatische Hornisse stellt eine neue Belastung für die europäischen Bienenvölker dar. Ihre Auswirkungen auf das Sammelverhalten und die Volksentwicklung sind gut dokumentiert.

Feldbeobachtungen und Modellierungen zeigen, dass die Prädation nicht nur direkte Verluste heimkehrender Bienen verursacht. Sie kann auch zu einer Sammellähmung führen: Die Arbeiterinnen verlassen das Volk seltener, wodurch weniger Nektar und Pollen eingetragen werden. Dieser Mechanismus kann die Volksentwicklung und die Überwinterung beeinträchtigen (Requier et al., 2019).

In einer französischen Untersuchung bestanden 38,1 % der identifizierten Beutereste aus Honigbienen. Der Höhepunkt der Prädation wurde Anfang Oktober beobachtet (Rome et al., 2021). Diese Zahl stammt aus einem bestimmten regionalen und ökologischen Kontext und darf nicht als allgemeiner Anteil für sämtliche Standorte verstanden werden.

Klimatische Bedingungen beeinflussen, wo sich Vespa velutina dauerhaft etablieren kann. Modelle erwarten eine weitere Ausdehnung des geeigneten Lebensraums in Europa. Temperatur und saisonale Klimaverhältnisse spielen dabei eine wichtige Rolle (Nie et al., 2024).

Die bisherige Ausbreitung ist jedoch nicht allein klimatisch bedingt. Menschlicher Transport hat wesentlich zur Verschleppung beigetragen. Bei frühen britischen Funden wurden beispielsweise Verbindungen zu Reisegepäck beziehungsweise Campingmaterial und zu importiertem Holz vermutet (Budge et al., 2017).

Auch der tatsächliche Druck auf die Imkerei unterscheidet sich regional stark. Eine Befragung von 1’678 Imkerinnen und Imkern in Frankreich und Deutschland ergab in Deutschland ein deutlich geringeres hornissenbedingtes Risiko als in Frankreich. Höhere Temperaturen waren mit einem stärkeren Risiko verbunden, eine grössere Entfernung vom ursprünglichen Einschleppungsgebiet dagegen mit einem geringeren (Requier et al., 2025).

Für die Schweiz bedeutet dies: Die weitere Ausbreitung ist ernst zu nehmen. Französische Prädations- oder Verlustwerte dürfen jedoch nicht unverändert auf alle Schweizer Regionen übertragen werden. Entscheidend sind der regionale Ausbreitungsstand, das lokale Klima, die Nestdichte und die Entwicklung der Populationen.

Die konkreten Schutz- und Bekämpfungsmassnahmen werden in einem späteren Abschnitt behandelt. Für dieses Kapitel ist entscheidend, dass auch der Hornissendruck zeitlich und regional weniger vorhersehbar ist als ein traditionelles saisonales Problem.

5.10 Wenn der Bienenstand nicht erreichbar ist

Klimatische Extremereignisse erschweren nicht nur biologische Abläufe. Sie können auch verhindern, dass Imkerinnen und Imker ihre Völker rechtzeitig erreichen.

Für Sion projiziert CH2025 eine Zunahme der Tage mit hoher wetterbedingter Waldbrandgefahr von 18 während der Referenzperiode auf 27 in einer Welt mit 2 °C globaler Erwärmung. Bei 3 °C globaler Erwärmung steigt der Wert auf 44 Tage (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025).

Starkniederschläge werden häufiger und intensiver erwartet. Besonders kurze, heftige Ereignisse können Überschwemmungen, Hangrutschungen oder Murgänge auslösen. Für Hagel weisen die Szenarien ebenfalls auf eine mögliche Zunahme von Häufigkeit und Korngrösse hin, insbesondere auf der Alpennordseite.

Für abgelegene Bienenstände können solche Ereignisse konkrete Folgen haben:

  • gesperrte Forst- und Bergstrassen,
  • Zufahrtsverbote während hoher Waldbrandgefahr,
  • beschädigte Wege und Brücken,
  • verschüttete oder überschwemmte Zufahrten,
  • direkte Schäden an Beuten und Material.

Besonders problematisch ist, dass solche Einschränkungen mit den ohnehin engen Zeitfenstern für Kontrollen, Fütterung oder Varroabehandlungen zusammenfallen können. Eine Behandlung kann fachlich geplant sein und dennoch zu spät erfolgen, weil der Standort vorübergehend nicht erreichbar ist.

Die Zugänglichkeit eines Bienenstandes wird damit selbst zu einem Bestandteil der klimatischen Risikobeurteilung.

5.11 Zwischenfazit: Vier Probleme mit einer gemeinsamen Folge

Die in diesem Kapitel beschriebenen Belastungen haben unterschiedliche Ursachen:

  • Varroa ist zunehmend ein Problem des richtigen Zeitpunkts und des tatsächlichen Brutumfangs.
  • Nosema ist vor allem ein Diagnoseproblem mit zahlreichen möglichen Wechselwirkungen.
  • Die Asiatische Hornisse ist ein regional unterschiedlich verlaufendes Ausbreitungs- und Prädationsproblem.
  • Extremereignisse können zu einem logistischen Problem werden, wenn der Bienenstand nicht erreichbar ist.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich weniger zuverlässig nach einem festen Jahreskalender behandeln lassen. Nicht jede Entwicklung lässt sich im Voraus terminieren, und nicht jedes geeignete biologische Zeitfenster fällt mit günstiger Witterung oder einem erreichbaren Standort zusammen.

Die Antwort darauf kann nicht in einem einzelnen neuen Verfahren liegen. Benötigt werden mehrere Handlungsoptionen, eine engere Beobachtung der Völker und Massnahmen, die an unterschiedliche Bedingungen angepasst werden können.

Das folgende Kapitel untersucht fünf solcher Hebel – und die Kosten, Grenzen und Zielkonflikte, die mit ihnen verbunden sind.


6. Anpassung in der Praxis: fünf zentrale Hebel

Dieses Kapitel bewertet fünf betriebliche Anpassungshebel und zeigt deren Nutzen, Grenzen und mögliche Nebenwirkungen.

6.1 Weshalb sich Rezepte aus heissen Regionen nicht einfach übertragen lassen

Wenn die Sommer in der Schweiz heisser und trockener werden, liegt es nahe, Erfahrungen aus wärmeren Regionen zu übernehmen. Dort werden Bienenvölker seit langem unter Bedingungen gehalten, die in Teilen der Schweiz künftig häufiger auftreten könnten.

Ein solcher Vergleich ist sinnvoll, aber nur begrenzt übertragbar.

Erstens beziehen sich viele Untersuchungen auf andere Unterarten oder Populationen der Honigbiene, teilweise auch auf afrikanisierte Bienen oder stachellose Bienen. Unterschiede in Körpergrösse, Verhalten, Brutentwicklung und Thermoregulation können beeinflussen, wie ein Volk auf Hitze reagiert. Eine Modellstudie zeigte beispielsweise, dass der Körperbau einer Unterart den Aufwand für die thermische Regulation des Brutnestes mitbestimmen kann (Mitchell, 2022).

Zweitens müssen Schweizer Bienenvölker zwei gegensätzliche Anforderungen bewältigen: sommerliche Hitze und kalte Überwinterungsbedingungen. Eine Massnahme, die im Hochsommer vorteilhaft ist, kann im Frühjahr oder Winter Nachteile verursachen.

Drittens ist die Forschung zu konkreten Anpassungsmassnahmen auf Ebene des Bienenstandes noch begrenzt. Viele Studien erklären biologische Mechanismen, prüfen aber nicht, ob eine bestimmte Betriebsweise unter Schweizer Bedingungen langfristig bessere Ergebnisse bringt.

Die folgenden fünf Hebel sind deshalb unterschiedlich gut belegt. Keiner löst das Problem allein, und jede Massnahme hat ihren Preis oder ihre Grenze.

6.2 Hebel 1: Standort und saisonale Beschattung

Der Standort bestimmt wesentlich, wie stark eine Beute der Sonneneinstrahlung, Hitze, Wind und nächtlichen Abkühlung ausgesetzt ist. Beschattung gehört deshalb zu den naheliegendsten Möglichkeiten, sommerliche Hitzebelastungen zu vermindern.

Ein älterer Feldversuch bei Tucson (Arizona) verglich Beschattung, zusätzliche Lüftung und eine Kombination beider Massnahmen. Weder Beschattung allein noch Lüftung allein senkte die Bruttemperatur gegenüber den Kontrollvölkern signifikant. Eine deutlichere Wirkung zeigte sich erst bei der Kombination aus Beschattung und Lüftung. Beschattung wirkte zudem besser als ein heller Beutenanstrich. Die beschatteten Völker benötigten weniger Wassersammlerinnen und brachten geringere Wassermengen in die Beute; am frühen Nachmittag war zudem der Anteil der Nektar- und Pollensammlerinnen höher. Auf verdeckelte Brutfläche und Volksgewicht wirkte sich keine der Massnahmen signifikant aus (Glaiim, 1985).

Die Untersuchung ist mehrere Jahrzehnte alt, als Dissertation nicht begutachtet und kann nicht ohne Weiteres auf heutige Schweizer Beuten und Betriebsweisen übertragen werden. Die Grundrichtung wird jedoch durch neuere Studien gestützt – wobei der ausbleibende Effekt auf Brutfläche und Gewicht zeigt, dass Beschattung vor allem die Wärme- und Wasserlast senkt und nicht selbstverständlich die Leistung steigert.

Ein brasilianischer Versuch in einem semiariden Gebiet verglich vollsonnig aufgestellte mit künstlich beschatteten Völkern afrikanisierter Bienen; alle erhielten Schwesterköniginnen gleichen Alters. Die beschatteten Völker hatten eine signifikant grössere verdeckelte Brutfläche, rund 21 % gegenüber rund 16 % der untersuchten Fläche. Bei Eiern, offener Brut, Honig und Pollen ergaben sich dagegen keine gesicherten Unterschiede (Santos et al., 2023). Der Versuch umfasste lediglich fünf Völker je Gruppe; die Richtung stimmt jedoch mit den übrigen Beschattungsversuchen überein.

Eine aktuelle Untersuchung aus Ägypten und Saudi-Arabien, die kühlere und heissere Jahreszeiten miteinander verglich, macht den Zielkonflikt besonders deutlich. Während der kühleren Monate entwickelten sich unbeschattete Völker besser: Sie zeigten mehr Flug- und Pollensammeltätigkeit, grössere Brut- und Pollenflächen, eine höhere Volksstärke und einen höheren Honigertrag. In den heissen Monaten waren dagegen die beschatteten Völker im Vorteil (Taha et al., 2026).

Die Autoren empfehlen daraus ausdrücklich, Beuten im Sommer zu beschatten und die Beschattung in Winter und Frühjahr wieder zu entfernen. Daraus folgt ein wichtiges Prinzip: Beschattung sollte möglichst saisonal und umkehrbar sein.

Ein fest unter dichtem Baumbestand aufgestelltes Volk erhält auch im zeitigen Frühjahr weniger Sonne, obwohl Wärme dann die Volksentwicklung unterstützen kann. Ein Schattennetz, ein saisonales Dach oder eine andere veränderbare Lösung erlaubt dagegen, im Sommer Schatten zu schaffen und im Frühjahr wieder mehr Sonneneinstrahlung zuzulassen.

Beschattung allein ersetzt keine ausreichende Wasserverfügbarkeit und keine geeignete Beutenaufstellung. Sie kann die Wärmelast reduzieren, beseitigt aber nicht sämtliche Ursachen des Hitzestresses.

Preis und Grenze: Aufwand für Aufbau und Unterhalt; bei dauerhaftem Schatten mögliche Nachteile während der kühlen Jahreszeit.

6.3 Hebel 2: Beutenklima, Isolation und Raum

Isolation wird in der Imkerei häufig als Winterthema betrachtet. Tatsächlich beeinflusst das Beutenmaterial das Innenklima während des ganzen Jahres.

Eine über sieben Monate durchgeführte Untersuchung verglich Beuten aus Polyurethan mit Holzbeuten. Die Polyurethanbeuten hielten eine höhere durchschnittliche Innentemperatur von 34,3 °C gegenüber 32,8 °C in den Holzbeuten und eine geringere relative Luftfeuchtigkeit. Der Gewichtsverlust fiel in den Holzbeuten mit 4,8 Kilogramm deutlich grösser aus als in den Polyurethanbeuten mit 0,8 Kilogramm. Bei Brutproduktion, Varroabelastung und Virenlast wurden jedoch keine signifikanten Unterschiede festgestellt (Alburaki et al., 2026).

Eine frühere Untersuchung derselben Forschungsrichtung zeigte im Winter ebenfalls geringere Temperaturschwankungen in isolierten Polyurethanbeuten (Alburaki & Corona, 2022).

Auch einfache äussere Abdeckungen können das Winterklima beeinflussen. In einem randomisierten Versuch in Illinois verbrauchten geschützte Völker weniger Futter und zeigten ein um 22,5 % höheres Überleben als ungeschützte Kontrollvölker (St. Clair et al., 2022).

Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass eine gute Isolation Temperaturschwankungen und Energieverluste vermindern kann. Sie bedeuten jedoch nicht, dass jede stark isolierte Beute im Sommer automatisch günstiger ist. Physikalisch ist zugleich plausibel, dass eine starke Isolation den Wärmeaustausch in beide Richtungen verlangsamt und damit auch die Abgabe bereits eingedrungener Wärme verzögern kann. Die hier zitierten Beutenversuche haben das nicht direkt geprüft.

Beutenmaterial, Beschattung, Flugloch, Boden, Deckel, Volksstärke und nächtliche Abkühlung müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.

Für die Praxis besonders relevant ist der verfügbare Raum. Die in Kapitel 4 erwähnte Untersuchung aus einer semiariden Region mass in gestapelten Ablegereinheiten eine höhere mittlere Innentemperatur als in Standardbeuten und eine stärkere Exposition der kleineren Einheiten gegenüber thermischen Extremen (Bourrel et al., 2025).

Eine Einengung des Raumes ist im Sommer daher kein neutraler Eingriff. Sie kann zwar die Verteidigung eines schwachen Volkes erleichtern und den zu pflegenden Raum an die Bienenmasse anpassen. Unter Hitze kann ein geringes Volumen jedoch schneller auf Temperaturveränderungen reagieren, während kleinen Völkern weniger Bienen für Ventilation und Wassertransport zur Verfügung stehen.

Das betrifft besonders Ableger, Begattungseinheiten, Kunstschwärme und stark geschröpfte Völker. Für sie müssen Raum, Schatten und Wasser besonders sorgfältig zusammenspielen.

Preis und Grenze: Investitionen in Beuten oder Isolation; möglicher Zielkonflikt zwischen Sommer- und Winterbedingungen; erhöhtes Hitzerisiko bei kleinen und stark eingeengten Einheiten.

6.4 Hebel 3: Wasser zuverlässig bereitstellen

Die physiologische Bedeutung von Wasser ist gut begründet. Bienenvölker speichern nur geringe Wassermengen und müssen ihre Aufnahme bei Hitze rasch steigern. Eine längere Versorgungslücke lässt sich kaum durch Vorräte im Volk überbrücken (Ostwald et al., 2016).

Eine Tränke in der Nähe des Bienenstandes kann deshalb lange und riskante Sammelflüge vermindern und eine verlässliche Quelle bieten, wenn natürliche Wasserstellen austrocknen.

Der direkte Nutzen einer Tränke für Volksentwicklung oder Ertrag ist jedoch weniger gut belegt, als die physiologische Bedeutung des Wassers vermuten lässt.

In einer kanadischen Untersuchung wurden eigens entwickelte Tränken rasch angenommen und während der Saison intensiv genutzt. Sie boten den Bienen Wasser mit einer geringeren Pestizidbelastung als verschiedene natürliche Quellen und reduzierten das Risiko des Ertrinkens. Ein Einfluss auf die Mortalität der Arbeiterinnen oder auf die Gewichtsentwicklung der Völker konnte jedoch nicht nachgewiesen werden (McCune et al., 2021).

Eine Tränke ist deshalb eher als Vorsorgemassnahme denn als Mittel zur Ertragssteigerung zu verstehen. Sie verhindert nicht zwangsläufig messbare Verluste in einem durchschnittlichen Jahr, kann aber in einer Hitzewelle eine kritische Versorgungslücke vermeiden.

Zur bevorzugten Wasserqualität liefern Untersuchungen widersprüchliche Ergebnisse. In der kanadischen Studie zeigten Bienen eine deutliche Vorliebe für leicht gesalzenes Wasser. Eine französische Untersuchung unter Halbfreilandbedingungen beobachtete dagegen eine Präferenz für destilliertes oder nur schwach mineralisiertes Wasser. Mit steigender Temperatur nahm die Zahl der Besuche zu, ohne dass sich die grundlegende Präferenz veränderte (Le Bivic et al., 2025; McCune et al., 2021).

Diese unterschiedlichen Ergebnisse können mit den angebotenen Konzentrationen, den Versuchsbedingungen, dem lokalen Nahrungsangebot oder dem physiologischen Zustand der Völker zusammenhängen. Für die Praxis ist deshalb nicht eine bestimmte Rezeptur entscheidend.

Wichtiger sind:

  • eine ganzjährig zuverlässige Verfügbarkeit,
  • die Nähe zum Bienenstand,
  • ein sicherer Lande- und Ertrinkungsschutz,
  • regelmässige Reinigung,
  • eine frühe Gewöhnung der Bienen an die Wasserquelle.

Die Tränke sollte möglichst eingerichtet sein, bevor akuter Wassermangel eintritt. Haben die Bienen bereits andere Quellen erschlossen, wechseln sie nicht zwingend sofort.

Preis und Grenze: geringer materieller Aufwand, aber laufende Kontrolle und Hygiene; ein messbarer Ertrags- oder Überlebenseffekt ist bisher nicht eindeutig nachgewiesen.

6.5 Hebel 4: Höhenwanderung und Standortwechsel

Die Schweizer Topografie bietet grundsätzlich die Möglichkeit, Völker aus heissen und trockenen Tieflagen zeitweise in kühlere Höhenlagen zu verstellen. Damit können spätere Blühphasen oder bessere Trachtverhältnisse erschlossen werden.

Internationale Untersuchungen und Fallbeispiele zeigen, dass Imkerinnen und Imker bereits auf diese Weise auf Klimaveränderungen reagieren.

In einer chilenischen Befragung berichteten 82 % der Imkerinnen und Imker von einer zurückgehenden Honigproduktion. 80 % hatten Anpassungsmassnahmen ergriffen, und 74 % beurteilten diese als wirksam. Besonders in der trockeneren und wärmeren mediterranen Region waren die Rückgänge ausgeprägt. Die Verlagerung der Völker in gemässigtere Regionen gehörte zu den genannten Reaktionen (Gajardo-Rojas et al., 2022).

Aus den katalanischen Pyrenäen wird beschrieben, wie Völker aus Lagen zwischen 600 und 700 Metern auf Weideflächen um etwa 1’300 Meter gebracht werden, weil die sinkende Luftfeuchtigkeit in der tieferen Lage die Nektarproduktion beeinträchtigt (De Musso, 2025). Dieses Beispiel ist als dokumentierte Praxisbeobachtung, nicht als kontrollierter Wirksamkeitsnachweis zu verstehen.

In einer spanischen Analyse mediterraner Bienenstände gehörte die Verlegung in grössere Höhen zu den wichtigsten Managementkriterien. Insgesamt erwies sich die Qualität des Lebensraums als besonders bedeutsam. Orographische Vielfalt und eine grosse Höhenspanne erhöhten die Möglichkeit, auf unterschiedliche Bedingungen zu reagieren (Asensio et al., 2016).

Für die Schweiz ist dieser Hebel grundsätzlich plausibel. Er hat jedoch mehrere Grenzen.

Erreger und Völkerdichte

Wanderung bringt Völker unterschiedlicher Herkunft an denselben Standort. Dadurch können Völkerdichte, Verflug und die Übertragung von Parasiten oder Krankheitserregern zunehmen.

Eine systematische Übersicht kam zum Schluss, dass Wanderimkerei tendenziell mit einer höheren Prävalenz von Erregern und Parasiten verbunden ist. Die Ergebnisse der einbezogenen Studien waren jedoch sehr heterogen. Von 52 identifizierten Arbeiten untersuchten lediglich 16 den Einfluss der Wanderimkerei tatsächlich direkt (Martínez-López et al., 2022).

Der Zusammenhang ist daher plausibel, aber nicht für jede Form der Wanderung gleich stark. Eine kurze Höhenverlegung weniger Völker ist nicht mit einer kommerziellen Bestäubungswanderung über grosse Distanzen und mit sehr hoher Völkerdichte gleichzusetzen.

Belastung durch den Transport

In einem mehrjährigen Feldvergleich war die Lebensdauer erwachsener Bienen unter Wanderbedingungen verkürzt. Auch Marker des oxidativen Stresses wurden beeinflusst. Gleichzeitig hatte Futtermangel einen noch stärkeren negativen Effekt. Ein besseres Trachtangebot konnte daher einen Teil der Nachteile der Wanderung ausgleichen (Simone-Finstrom et al., 2016).

Diese Abwägung ist für die Praxis entscheidend. Wanderung ist dann sinnvoll, wenn sie einen erheblichen Tracht- oder Wassermangel behebt. Als routinemässige Verlagerung ohne klaren Nutzen kann sie zusätzliche Belastungen verursachen.

Auch das Höhenrefugium verschiebt sich

Kühlere Höhenlagen bleiben nicht unverändert. Die in Kapitel 1 beschriebenen Verschiebungen — steigende Nullgradgrenze, abnehmender Schneewasserspeicher zwischen 1’000 und 1’500 Metern, frühere Schneeschmelze und geringerer Abfluss im Sommerhalbjahr — betreffen genau jene Lagen, die heute als Ausweichraum dienen. Zugleich werden bislang weitgehend hitzefreie Regionen der Alpen und Voralpen häufiger von Hitzetagen betroffen sein (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025).

Der geeignete Sommerstandort von heute muss deshalb nicht der geeignete Standort der kommenden Jahrzehnte sein. Neben Temperatur und Höhenlage sind Wasserversorgung, Vegetation, Exposition, Zufahrt und Völkerdichte am Zielort zu berücksichtigen.

Hinzu kommt eine Grenze, die bereits bei den Trachtressourcen sichtbar wurde: Wenn Erwärmung und Trockenheit grossräumig gleichzeitig auftreten, werden die Möglichkeiten geringer, den Mangel durch eine räumliche Verschiebung auszugleichen (Quaresma et al., 2026).

Preis und Grenze: Transportaufwand und Kosten; Bewilligungs- und Seuchenbestimmungen; mögliches Erregerrisiko; Belastung der Bienen; steigende Völkerdichte am Zielstandort; ein klimatisch geeignetes Refugium ist nicht dauerhaft garantiert.

6.6 Hebel 5: Beobachten statt terminieren

Die ersten vier Hebel betreffen Standort, Infrastruktur und Versorgung. Der fünfte verändert die Entscheidungsgrundlage.

Wenn der traditionelle Kalender an Verlässlichkeit verliert, muss die tatsächliche Entwicklung am Bienenstand stärker gewichtet werden. Das bedeutet nicht, ohne Planung zu arbeiten. Es bedeutet, geplante Abläufe anhand aktueller Beobachtungen zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen.

Mehrere Befunde aus den vorangegangenen Kapiteln weisen in diese Richtung:

  • Nicht allein der Brutbeginn, sondern vor allem Brutumfang und Brutdynamik beeinflussen den Aufbau der Varroapopulation (Gerula et al., 2025; Smoliński et al., 2021).
  • Der tatsächliche Trachteintrag lässt sich am Gewichtsverlauf besser beurteilen als allein am sichtbaren Blühbestand (Flores et al., 2019; Kędzior et al., 2025).
  • Brutfreiheit kann bei warmen Herbst- und Winterbedingungen nicht zuverlässig aus dem Kalender abgeleitet werden.
  • Der Erfolg einer Varroabehandlung hängt nicht nur vom eingesetzten Verfahren, sondern auch von Zeitpunkt, Brutumfang, Ausgangsbefall und Ausführung ab.

Eine indirekte Bestätigung für den Wert betrieblicher Flexibilität liefert eine Auswertung von 3’210 Imkerbefragungen in Pennsylvania. Betriebe, die mehrere Bekämpfungsverfahren kombinierten, erreichten über unterschiedliche Witterungsbedingungen hinweg höhere Überlebensraten als Betriebe, die nur auf ein einzelnes Verfahren setzten (Gray et al., 2024).

Die Studie prüfte nicht direkt eine beobachtungsbasierte gegen eine kalenderbasierte Völkerführung. Sie zeigt jedoch, dass Betriebe mit mehreren verfügbaren Handlungsoptionen weniger stark von den Bedingungen abhängig waren, unter denen ein einzelnes Verfahren funktioniert.

Für eine zustandsbezogene Betriebsführung sind insbesondere vier Grössen gemeinsam zu beurteilen:

Gewichtsverlauf

Eine Stockwaage zeigt, ob tatsächlich Nahrung eingetragen wird oder ob ein Volk trotz sichtbarer Blüte an Gewicht verliert. Auch ohne elektronische Waage kann das regelmässige Anheben oder Wiegen Hinweise auf die Vorratsentwicklung liefern.

Brutumfang

Nicht nur das Vorhandensein von Brut, sondern auch ihre Menge und jahreszeitliche Entwicklung sind relevant. Eine grosse und lang anhaltende Brutfläche kann den Aufbau von Varroa begünstigen und den Zeitpunkt der Brutfreiheit verschieben.

Vorräte und Versorgung

Pollen- und Futtervorräte müssen nicht mit der sichtbaren Vegetation übereinstimmen. Besonders bei Hitze und Trockenheit kann eine reichliche Blüte nur wenig verwertbaren Nektar liefern.

Varroabelastung

Der Befallsgrad muss gemessen werden. Aus Volksstärke, Jahreszeit oder einer bereits durchgeführten Behandlung lässt sich nicht zuverlässig ableiten, wie viele Milben tatsächlich vorhanden sind.

Keine dieser Beobachtungen ist neu. Neu ist ihre wachsende Bedeutung, weil sie weniger verlässlich aus Monatsregeln und Erfahrungswerten erschlossen werden können.

Der fünfte Hebel verursacht kaum Materialkosten. Er verlangt jedoch mehr Kontrollen, mehr Datenerfassung und mehr Entscheidungen. Zudem setzt er voraus, dass eingeübte Abläufe verändert werden, wenn die aktuelle Situation nicht zum Kalender passt.

Preis und Grenze: höherer Beobachtungs- und Entscheidungsaufwand; keine einzelne Messgrösse liefert allein ein vollständiges Bild.

6.7 Wären südliche Bienen besser angepasst?

Wenn die Schweizer Sommer wärmer werden, liegt der Gedanke nahe, Bienen aus südlicheren Regionen einzuführen. Eine südliche Unterart oder Zuchtlinie könnte vermeintlich besser mit Hitze und Trockenheit umgehen.

Die verfügbaren Untersuchungen stützen eine solche allgemeine Schlussfolgerung nicht.

In einem europaweiten Genotyp-Umwelt-Experiment wurden 597 Völker aus fünf Unterarten und 16 genetischen Herkünften an 20 Standorten untersucht. Die Völker wurden im Versuch nicht gegen Varroa behandelt. Umweltbedingungen beeinflussten die Überlebensdauer stärker als Genotyp und Herkunft. Völker mit Königinnen lokaler Herkunft überlebten im Durchschnitt 83 Tage länger als Völker mit nicht lokaler Herkunft (Büchler et al., 2014).

Die 83 Tage sind ein Mittelwert über sehr unterschiedliche Standorte und dürfen nicht als feste Regel für jedes einzelne Volk verstanden werden. Der Befund zeigt aber, dass lokale Anpassung im Versuch einen deutlichen Vorteil hatte.

Ergänzende Auswertungen ergaben, dass Populationen, die in ihrer Herkunftsregion als widerstandsfähig galten, ausserhalb dieser Region nicht automatisch eine höhere Überlebensrate oder bessere Resistenz zeigten (Meixner et al., 2015).

Ein kroatischer Vergleich verdeutlicht den Zielkonflikt. Eine nicht lokale Zuchtlinie aus einem langjährigen deutschen Zuchtprogramm zeigte besonders günstige Werte bei Sanftmut, Ruhe und Schwarmträgheit. Gleichzeitig wies ihr niedrigerer Überwinterungsindex auf eine unzureichende Anpassung an den Standort hin (Kovačić et al., 2020).

Eine genetische Herkunft kann somit bei gut sichtbaren Leistungs- oder Verhaltenseigenschaften überzeugen und trotzdem bei Überwinterung oder saisonaler Entwicklung Nachteile haben.

Auch die Annahme, südliche Bienen seien grundsätzlich hitzefest, ist zu einfach. Im europaweiten Vergleich hatten Völker unter südeuropäischen Bedingungen tendenziell kleinere Populationen erwachsener Bienen. Die Autoren bringen dies mit der kürzeren Lebensdauer der Arbeiterinnen in wärmeren Klimazonen in Verbindung (Hatjina et al., 2014).

Südliche Herkunft verhindert somit nicht automatisch die physiologischen Kosten hoher Temperaturen.

Hinzu kommt, dass eine Unterart nicht nur Eigenschaften wie Sanftmut oder Körpergrösse mitbringt. Sie besitzt auch eine saisonale Anpassung: Zeitpunkt und Umfang der Brut, Reaktion auf Trachten, Einwinterungsverhalten und Futterverbrauch sind Teil dieses Gesamtpakets. Eine südliche Population in ein Klima einzuführen, dessen jahreszeitliche Abläufe selbst instabiler werden, kann daher neue Fehlanpassungen schaffen.

Ein ernstzunehmender Einwand bleibt: Lokale Anpassung bezieht sich auf die bisherigen Bedingungen. Wenn sich das Klima stark verändert, kann eine heute gut angepasste Population künftig weniger geeignet sein.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Importe die beste Lösung sind. Naheliegender ist eine fortlaufende Selektion innerhalb lokal oder regional angepasster Populationen. Dabei sollte nicht nur auf Höchstleistung unter idealen Bedingungen, sondern auf Robustheit gegenüber unterschiedlichen Jahren und Standorten geachtet werden.

Eine österreichische Auswertung zeigte ausgeprägte Genotyp-Umwelt-Interaktionen selbst zwischen nahe gelegenen Prüfstandorten. Die Autoren sahen darin dennoch keinen Widerspruch zu überregionalen Zuchtprogrammen, sofern diese auf allgemeine Anpassungsfähigkeit und stabile Leistung unter verschiedenen Bedingungen ausgerichtet sind (Brascamp et al., 2022).

Auch für Schwarm-, Verteidigungs- und Hygieneverhalten war die Variabilität zwischen Standorten grösser als zwischen den untersuchten genetischen Herkünften (Uzunov et al., 2014).

Die entscheidende Aufgabe ist deshalb nicht, eine vermeintlich klimafeste Biene zu importieren, sondern innerhalb geeigneter Populationen auf Robustheit zu selektieren. Für Hitze- und Trockenheitstoleranz fehlen in den üblichen Zuchtprogrammen allerdings noch etablierte und praxistaugliche Prüfmerkmale.

Jeder Import birgt zudem Risiken der Einschleppung von Parasiten und Krankheitserregern und kann bestehende Schutz- und Zuchtprogramme beeinträchtigen. Vor einer Einfuhr sind die schweizerischen Einfuhrbestimmungen, kantonale Regelungen und der Status von Schutzgebieten zu beachten.

6.8 Zwischenfazit: Kein Hebel wirkt ohne Gegenleistung

Keiner der fünf Hebel löst die Folgen des Klimawandels allein.

Saisonale Beschattung kann im Sommer entlasten, aber im Frühjahr die Entwicklung bremsen. Isolation stabilisiert das Beutenklima, wirkt jedoch in beide Richtungen. Eine Tränke ist physiologisch sinnvoll, garantiert aber keinen höheren Ertrag. Höhenwanderung kann eine Trachtlücke ausgleichen, verursacht jedoch Aufwand und kann neue Risiken schaffen. Genetische Herkunft allein bietet keine einfache Lösung.

Der wichtigste Hebel bleibt deshalb der unspektakulärste: den Zustand der Völker und ihres Standortes genauer zu beobachten und die Betriebsführung daran anzupassen.

Der traditionelle Kalender verschwindet dadurch nicht. Er bleibt eine Orientierung. Er kann aber nicht mehr als Beweis dafür dienen, dass eine Tracht begonnen hat, ein Volk brutfrei ist oder eine Behandlung unter den aktuellen Bedingungen funktioniert.

An die Stelle eines starren Kalenders tritt zunehmend ein Frühwarnsystem aus lokaler Beobachtung, Stockwaage, Brutumfang, Vorräten, Befallskontrolle und Witterungsverlauf. Was daraus konkret für den Betrieb folgt, fasst das abschliessende Kapitel zusammen.


7. Was sich daraus für den Betrieb ergibt

Dieses Kapitel bündelt die praktischen Konsequenzen des Artikels und ordnet sie nach wissenschaftlicher Absicherung und betrieblicher Übertragbarkeit.

Die folgenden Empfehlungen bündeln die praktischen Konsequenzen aus den vorangegangenen Kapiteln. Sie sind danach gekennzeichnet, worauf sie sich stützen:

Wissenschaftlich gestützt: Der zugrunde liegende Zusammenhang wurde untersucht; die Übertragbarkeit auf die konkrete Schweizer Betriebssituation kann begrenzt sein.

Betriebliche Ableitung: Die Empfehlung folgt nachvollziehbar aus untersuchten Mechanismen, wurde aber nicht direkt als betriebliche Massnahme geprüft.

Diese Einteilung ist keine formale Evidenzbewertung. Sie zeigt an, wie weit der Weg von der zitierten Untersuchung bis zur Handlung am Schweizer Bienenstand ist.

7.1 Tracht und Volksentwicklung beobachten

Die Waage stärker gewichten als den sichtbaren Blühbestand

Eine reichliche Blüte bedeutet nicht automatisch, dass die Pflanzen genügend Nektar liefern oder dass das Volk einen Überschuss einträgt. Unter Hitze und Trockenheit kann die Nektarsekretion stark zurückgehen, obwohl die Pflanzen weiterhin blühen.

Der Gewichtsverlauf zeigt deshalb zuverlässiger, ob tatsächlich Nahrung eingetragen wird. Wo keine elektronische Stockwaage vorhanden ist, können regelmässige Kontrollwägungen oder das Anheben der Beute zumindest die Tendenz erkennen lassen.

Wissenschaftlich gestützt (Flores et al., 2019; Kędzior et al., 2025)

Den Brutumfang statt nur den Brutbeginn beachten

Für den Aufbau der Varroapopulation ist nicht allein entscheidend, wann ein Volk zu brüten beginnt. Wesentlich ist, wie viel Brut über die Saison vorhanden ist und wie lange grössere verdeckelte Brutflächen bestehen bleiben.

Ein warmes Frühjahr mit starker Volksentwicklung kann daher eine frühere und häufigere Befallskontrolle erforderlich machen.

Wissenschaftlich gestützt (Nürnberger et al., 2019; Smoliński et al., 2021; Gerula et al., 2025)

Schwarmkontrolle an die Entwicklung anpassen

Ein warmes Frühjahr kann zu einem schnelleren Volksaufbau und damit früher zu Raumenge und Schwarmstimmung führen. Der Beginn der Schwarmkontrolle sollte sich deshalb an Volksstärke, Brutumfang und Raumverhältnissen orientieren und nicht ausschliesslich an einem gewohnten Kalenderdatum.

Betriebliche Ableitung, mit der bekannten Wirkung der Volksentwicklung vereinbar

Polleneintrag als mögliches Frühwarnsignal nutzen

Bei sehr hohen Temperaturen kann das Pollensammeln früher eingeschränkt werden als der Nektarflug. Pollensammlerinnen führen weniger Flüssigkeit mit sich und können dadurch stärker von Überhitzung und Austrocknung betroffen sein.

Ein deutlich rückläufiger Polleneintrag während einer Hitzeperiode kann auf eine beginnende Belastung der Völker oder eine schlechtere Eiweissversorgung hinweisen. Er sollte jedoch immer zusammen mit Brutumfang, Tracht und Volkszustand beurteilt werden.

Betriebliche Ableitung auf gut untersuchter physiologischer Grundlage (Cooper et al., 1985; Glass et al., 2024)

7.2 Standort und Beutenklima anpassen

Im Sommer beschatten – im Frühjahr wieder Sonne zulassen

Beschattung kann die sommerliche Wärmelast senken. Dauerhafter Schatten kann jedoch im Frühjahr und in kühlen Perioden die Volksentwicklung beeinträchtigen.

Geeignet sind deshalb reversible Lösungen wie Schattennetze, saisonale Dächer oder Standorte unter Laubbäumen, die im Frühjahr mehr Sonne und im Sommer mehr Schutz bieten.

Wissenschaftlich gestützt; die saisonale Umkehrbarkeit wird von den Autoren selbst empfohlen, allerdings für ägyptisch-saudische Verhältnisse (Taha et al., 2026)

Beschattung nicht mit Lüftung verwechseln

Zusätzliche Lüftung allein löst das Hitzeproblem nicht zwingend. In einem Feldversuch sank die Bruttemperatur erst bei der Kombination aus Beschattung und Lüftung deutlich. Auch ein heller Beutenanstrich war weniger wirksam als tatsächlicher Schatten.

Hinweis aus einer älteren, nicht begutachteten Einzelstudie (Glaiim, 1985)

Kleine Einheiten zuerst schützen

Ableger, Begattungseinheiten, Kunstschwärme und stark geschröpfte Völker verfügen über weniger Bienen für Ventilation und Wassertransport. Ihr geringeres Volumen kann zudem schneller auf äussere Temperaturschwankungen reagieren.

Bei Hitze sollten deshalb besonders diese Einheiten auf Beschattung, ausreichenden Raum und eine sichere Wasserversorgung kontrolliert werden.

Betriebliche Ableitung auf Basis gemessener Temperaturunterschiede (Bourrel et al., 2025)

Im Sommer nicht unnötig stark einengen

Eine an die Volksstärke angepasste Beutengrösse bleibt sinnvoll. Eine starke Raumverknappung ist bei Hitze jedoch kein neutraler Eingriff. Kleine Räume können sich schneller erwärmen, während schwächere Völker weniger Kapazität zur Kühlung besitzen.

Wissenschaftlich gestützt für die untersuchten Beutenkonfigurationen (Bourrel et al., 2025)

7.3 Wasser zuverlässig bereitstellen

Eine Tränke frühzeitig einrichten

Bienenvölker verfügen nur über geringe Wasserreserven. Bei Überhitzung müssen sie ihre Wasseraufnahme rasch steigern. Eine plötzlich versiegende Quelle lässt sich deshalb kaum aus Vorräten im Volk kompensieren.

Die Tränke sollte bereits vor einer Hitzeperiode verfügbar sein, damit die Bienen sie kennen und regelmässig nutzen.

Betriebliche Ableitung auf gut untersuchter physiologischer Grundlage (Ostwald et al., 2016)

Verfügbarkeit und Sicherheit vor eine bestimmte Rezeptur stellen

Untersuchungen zur bevorzugten Wasserqualität kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Entscheidend sind daher vor allem:

  • eine kurze Entfernung zum Bienenstand,
  • eine dauerhaft verfügbare Wasserquelle,
  • sichere Landeplätze,
  • guter Ertrinkungsschutz,
  • regelmässige Reinigung.

Praxisorientierte Ableitung aus uneinheitlichen Befunden (McCune et al., 2021; Le Bivic et al., 2025)

Die Tränke als Vorsorge verstehen

Eine Tränke hat in Untersuchungen nicht automatisch zu einer höheren Gewichtszunahme oder einer geringeren Arbeiterinnensterblichkeit geführt. Sie ist deshalb nicht in erster Linie eine Ertragsmassnahme.

Ihr Nutzen liegt darin, eine Versorgungslücke bei stark erhöhtem Wasserbedarf zu vermeiden und den Kontakt mit belasteten oder gefährlichen Wasserquellen zu vermindern.

Wissenschaftlich gestützt (McCune et al., 2021)

7.4 Varroa nicht nach Kalender behandeln

Nach einem warmen Frühjahr früher kontrollieren

Eine starke Brutentwicklung bietet Varroa mehr Reproduktionsmöglichkeiten. Ein leistungsfähiges Volk kann deshalb im Sommer zugleich eine hohe Milbenbelastung aufweisen.

Der Befall sollte nach warmen Frühjahren nicht aus Volksstärke oder Kalenderdatum geschätzt, sondern mit einer geeigneten Methode gemessen werden.

Wissenschaftlich gestützt (Nürnberger et al., 2019; Gerula et al., 2025)

Brutfreiheit feststellen, nicht voraussetzen

Warme Herbst- und Winterperioden können dazu führen, dass Brut länger vorhanden bleibt oder erneut angelegt wird. Das Datum allein zeigt daher nicht zuverlässig, ob eine Oxalsäurebehandlung unter brutfreien Bedingungen stattfindet.

Entscheidend ist der tatsächliche Brutstatus des Volkes.

Wissenschaftlich gestützt hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Temperatur, Brut und Herbstbefall (Smoliński et al., 2021)

Mehr als ein zugelassenes Verfahren beherrschen

Wer nur ein einziges Varroaverfahren einsetzt, bleibt von dessen Temperatur- und Anwendungsbedingungen abhängig. Mehrere geeignete und zugelassene Verfahren erhöhen die Möglichkeit, auf Brutstatus, Witterung und Befall zu reagieren.

In einer Befragungsauswertung waren kombinierte Bekämpfungsstrategien über unterschiedliche Witterungsbedingungen hinweg mit höheren Überlebensraten verbunden.

Wissenschaftlich gestützt als Zusammenhang, nicht als Nachweis für jede konkrete Kombination (Gray et al., 2024)

Bei Ameisensäure die Produktangaben beachten

Für Ameisensäure gibt es kein einheitliches Temperaturfenster, das für alle Konzentrationen, Verdunster und Präparate gilt. Konzentration, Beutentyp, Volksstärke und Applikationsform beeinflussen die Verdunstung und die Verträglichkeit.

Massgebend sind deshalb die aktuellen Anwendungsvorschriften des konkret eingesetzten und in der Schweiz zugelassenen Präparats.

Wissenschaftlich gestützt hinsichtlich der unterschiedlichen Temperaturabhängigkeit verschiedener Anwendungen (Steube et al., 2021)

Den Behandlungserfolg kontrollieren

Die Wirksamkeit derselben Grundmethode kann je nach Zeitpunkt und Durchführung stark schwanken. In einer europäischen Untersuchung lagen die Ergebnisse von Käfigung und anschliessender Oxalsäurebehandlung zwischen rund 48 und 90 %.

Eine abgeschlossene Behandlung beweist deshalb noch nicht, dass der Befall ausreichend gesenkt wurde.

Wissenschaftlich gestützt (Büchler et al., 2020)

7.5 Bei Honigtau und Melezitose aufmerksam bleiben

Trockenheit und niedrige Luftfeuchtigkeit als Warnzeichen beachten

Höhere Temperaturen, niedrige relative Luftfeuchtigkeit und eine geringe Wasserspeicherfähigkeit des Standortes waren in einer Untersuchung mit einer stärkeren Melezitoseproduktion im Honigtau verbunden.

In gefährdeten Waldtrachtgebieten können diese Bedingungen ein Anlass sein, die Honigentwicklung und die Schleuderbarkeit frühzeitig zu kontrollieren.

Wissenschaftlich gestützt für die untersuchten Honigtauproben (Seeburger et al., 2022)

Melezitosehonig nicht unkritisch als Winterfutter belassen

Melezitosereiches Futter führte in Versuchen zu einer erhöhten Futteraufnahme, einem höheren Darmgewicht und einer höheren Mortalität. Problematisch ist es besonders während längerer Perioden ohne Reinigungsflug.

Betriebliche Ableitung; Grundlage ist ein Fütterungsversuch mit Bienen, keine kontrollierte Überwinterungsstudie ganzer Völker (Seeburger et al., 2020)

7.6 Wanderung gezielt einsetzen

Nur bei einem klaren Vorteil wandern

Eine Verlegung kann sinnvoll sein, wenn sie einen ausgeprägten Tracht- oder Wassermangel behebt. Wanderung verursacht jedoch Transportstress und kann die Lebensdauer der Bienen verkürzen.

In einer Untersuchung war Futtermangel noch belastender als die Wanderung. Ein gutes Trachtangebot konnte deshalb einen Teil der Transportnachteile ausgleichen.

Wissenschaftlich gestützt, allerdings unter Bedingungen der nordamerikanischen Wanderimkerei (Simone-Finstrom et al., 2016)

Völkerdichte und Erregerrisiken berücksichtigen

Wo viele Völker unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, können Verflug, Rückinvasion und die Übertragung von Erregern zunehmen.

Die Forschung zeigt tendenziell ein erhöhtes Erregerrisiko durch Wanderimkerei, wobei die Ergebnisse zwischen den Studien stark variieren.

Wissenschaftlich gestützt als Tendenz (Martínez-López et al., 2022)

Den Zielstandort langfristig beurteilen

Auch Höhenlagen erwärmen sich. Die Nullgradgrenze steigt, Schnee schmilzt früher, und bisher weitgehend hitzefreie Voralpen- und Alpenregionen werden künftig häufiger von Hitze betroffen sein.

Ein Zielstandort sollte deshalb nicht nur nach seiner heutigen Temperatur beurteilt werden, sondern auch nach Wasserverfügbarkeit, Vegetation, Exposition, Zufahrt und erwarteter klimatischer Entwicklung.

Wissenschaftlich gestützt hinsichtlich der Klimaentwicklung; die Standortempfehlung ist eine betriebliche Ableitung (MeteoSchweiz & ETH Zürich, 2025)

7.7 Bei der Asiatischen Hornisse selektiv vorgehen

Verbindlich sind die aktuellen Merkblätter des Bienengesundheitsdienstes und die kantonalen Vorgaben. In der Schweiz stehen derzeit die Erkennung und Meldung, die Nestsuche und -entfernung sowie bei starkem Beflug ein gittergeschütztes Flugloch im Vordergrund.

Vom Aufstellen von Fallen wird abgeraten: Die verfügbaren Fallen gelten als zu wenig selektiv, in einzelnen Kantonen ist ihr Einsatz untersagt, und eine Schutzwirkung für die Völker ist nicht nachgewiesen.

Elektroharfen verringerten in einer Feldstudie den Prädationsdruck; geschützte Völker zeigten mehr Sammelaktivität, Polleneintrag und Brut sowie ein besseres Winterüberleben. Das ist ein Forschungsbefund unter den dort untersuchten Bedingungen und keine allgemeine Empfehlung für Schweizer Bienenstände.

Wissenschaftlich gestützt für die untersuchten Bedingungen; die Schweizer Praxisempfehlung richtet sich nach den Merkblättern des Bienengesundheitsdienstes (Rojas-Nossa et al., 2022; Rome et al., 2021)

7.8 Was sich derzeit nicht empfehlen lässt

Auf natürliche Sommerhitze als Varroabehandlung hoffen

Die für eine kontrollierte Hyperthermie notwendigen Temperaturen werden durch gewöhnliche Hitze am Bienenstand nicht gezielt und gleichmässig erreicht. Eine unkontrollierte Erwärmung kann vielmehr die Brut und das gesamte Volk belasten.

Gerätegestützte Hyperthermie ist ein eigenes technisches Verfahren und nicht mit einer heissen Beute gleichzusetzen. Auch dort zeigte ein Schweizer Feldversuch Nebenwirkungen auf nicht anvisierte Brutstadien (Sandrock et al., 2024).

Südliche Bienen pauschal importieren

Völker lokaler Herkunft überlebten in einem europaweiten Versuch durchschnittlich länger als nicht lokale Völker. Südliche Herkunft schützt zudem nicht grundsätzlich vor den physiologischen Folgen hoher Temperaturen.

Sinnvoller erscheint eine Selektion auf Robustheit innerhalb angepasster regionaler Populationen.

Wissenschaftlich gestützt (Büchler et al., 2014; Hatjina et al., 2014)

Mit pauschalen Verfrühungszahlen planen

Für Schweizer Trachtpflanzen ist nicht belegt, dass sich sämtliche Blüh- und Trachtphasen einheitlich um zwei bis vier Wochen verschieben. Pflanzenarten, Höhenlagen und Standorte reagieren unterschiedlich.

Betriebliche Termine sollten deshalb anhand lokaler Entwicklung und nicht mit einer festen Zahl von Tagen vorverschoben werden.

Eine Temperaturgrenze auf alle Ameisensäureprodukte übertragen

Eine allgemeine Obergrenze für sämtliche Anwendungen ist wissenschaftlich nicht belegt. Die verbindliche Grundlage bilden die jeweiligen Produktinformationen und die aktuellen offiziellen Empfehlungen.


8. Fazit

Dieses Schlusswort fasst zusammen, weshalb der Betriebskalender zunehmend durch lokale Beobachtung und flexible Entscheidungen ergänzt werden muss.

Wer aus den vorangegangenen Kapiteln ableitet, sämtliche Arbeiten im Bienenjahr müssten künftig einfach einige Wochen früher ausgeführt werden, greift zu kurz. Die Klimaerwärmung verschiebt den Jahresablauf nicht gleichmässig nach vorne. Blüte, Nektarfluss, Volksentwicklung, Varroavermehrung und geeignete Behandlungsfenster reagieren unterschiedlich auf Temperatur, Niederschlag, Bodenfeuchte und Tageslänge. Die einzelnen Bestandteile des Kalenders verschieben sich deshalb unterschiedlich schnell und fallen weniger zuverlässig zusammen.

Hinzu kommt, dass die Jahre einander unähnlicher werden. Was in einem Jahr gut funktioniert hat, lässt sich weniger zuverlässig auf das folgende übertragen. Ein bewährter Termin kann im nächsten Jahr zu früh oder zu spät liegen. Eine reichliche Blüte kann eine gute Tracht liefern – oder ohne nennenswerten Eintrag enden. Ein Volk kann im Dezember brutfrei sein – oder bei milder Witterung weiterhin verdeckelte Brut pflegen.

Der traditionelle Betriebskalender wird dadurch nicht wertlos. Er bleibt hilfreich, um Arbeiten vorzubereiten, Material bereitzuhalten und den Jahresverlauf zu strukturieren. Er kann jedoch nicht mehr allein darüber entscheiden, ob eine Tracht tatsächlich eingesetzt hat, wie weit die Brutentwicklung fortgeschritten ist, ob der Varroabefall bereits kritisch wird oder ob ein Volk wirklich brutfrei ist. Der Kalender beschreibt, was unter üblichen Bedingungen zu erwarten wäre. Die Beobachtung zeigt, was am konkreten Standort und im einzelnen Volk geschieht.

Beobachtung allein genügt allerdings nicht, wenn keine Handlungsoptionen bereitstehen. Wer nur ein einziges Varroaverfahren beherrscht, bleibt von dessen Anwendungsbedingungen abhängig. Wer die Beschattung erst während der Hitzewelle improvisiert, reagiert möglicherweise zu spät. Anpassungsfähigkeit entsteht vor dem Problem, nicht in dessen Verlauf.

Dabei verfügen nicht alle Imkerinnen und Imker über dieselben Möglichkeiten. Standort, Zeit, finanzielle Mittel und Betriebsgrösse begrenzen, was sich tatsächlich umsetzen lässt (Meisch et al., 2026). Umso wichtiger ist es, jene Massnahmen zu wählen, die im eigenen Betrieb durchgeführt und kontrolliert werden können.

Die stärkere Orientierung am einzelnen Volk ist kein Bruch mit der imkerlichen Tradition. Sie führt vielmehr zu deren älterem Kern zurück. Imkerliches Wissen entstand aus der Beobachtung von Flugloch, Brutnest, Vorräten, Wetter und Vegetation; der Betriebskalender war eine praktische Verdichtung dieser Erfahrungen. Er funktionierte, weil die jahreszeitlichen Abläufe über längere Zeiträume vergleichsweise ähnlich verliefen. Genau diese Voraussetzung wird schwächer.

Die Schweizer Imkerei steht deshalb nicht vor einem völlig neuen Bienenjahr. Die bekannten Abläufe bleiben bestehen, treten aber häufiger zu ungewohnten Zeitpunkten auf, fallen weniger zuverlässig zusammen und unterscheiden sich stärker zwischen Regionen und Jahren. Die Klimaerwärmung verschiebt somit nicht einfach den Betriebskalender – sie verringert seine Vorhersagekraft.

Aus dem Betriebskalender wird damit ein Frühwarnsystem. Nicht weil imkerliche Erfahrung an Wert verliert, sondern weil sie genauer, lokaler und beweglicher angewendet werden muss.

 


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Autor
Serge Imboden; Claude Pfefferlé et Gianluca Gatti
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