Die Wahl des Königinnen-Typs (F0 oder F1?)
Die Begriffe F0, F1, F2 oder Fx werden in der Königinnenzucht häufig verwendet, sagen für sich allein aber noch nicht, ob eine Königin gut oder schlecht ist. Der Artikel erklärt, was diese Bezeichnungen bedeuten, welche Rolle Heterosis spielen kann und warum Entscheidungen immer auf Herkunft, Paarung und vor allem auf der tatsächlichen Beobachtung des Volkes beruhen sollten.
Die Begriffe F0, F1, F2 oder Fx werden in der Königinnenzucht häufig verwendet. Sie sind nützlich, um die Abstammung einer Königin und den Grad der Kontrolle über ihre Nachkommenschaft zu beschreiben. Sie reichen jedoch allein nicht aus, um die Qualität einer Königin oder den Wert eines Volkes zu beurteilen. Eine gute Königin hängt von mehreren Faktoren ab: genetische Herkunft, Aufzuchtqualität, Paarung, Anpassung an die Umgebung und beobachtete Leistung des Volkes.
1. Worum geht es?
In der Zucht bezeichnet der Buchstabe F eine aus einer Kreuzung entstandene Generation. In der Imkerpraxis werden diese Begriffe oft vereinfacht verwendet:
- F0: Zuchtmutter, Selektionskönigin oder Ausgangskönigin. In der Imkerei handelt es sich meist um eine geprüfte Königin, die zur Erzeugung von Töchtern genutzt wird. In klassischen genetischen Studien kann F0 auch eine stark ingezüchtete Elternlinie bezeichnen, was nicht dasselbe ist.
- F1: erste Generation aus einer F0-Königin oder einer definierten Kreuzung. F1-Königinnen sind oft für die Produktion bestimmt, vor allem wenn die Linienkombination bekannt und geprüft ist.
- F2: Generation aus der Weitervermehrung von F1 oder von F1-Töchtern. Die Merkmale werden dabei neu kombiniert und in der Regel weniger vorhersagbar.
- Fx: spätere oder weniger genau dokumentierte Generation.
Diese Begriffe beschreiben somit vor allem eine Abstammung und einen Grad der Vorhersagbarkeit. Sie stellen kein direktes Urteil über die biologische oder imkerliche Qualität einer Königin dar.
2. Der Heterosis-Effekt
Der Heterosis-Effekt, auch Hybridvigor genannt, bezeichnet eine Verbesserung bestimmter Merkmale bei Nachkommen aus der Kreuzung genetisch unterschiedlicher Linien. Er kann durch die Maskierung ungünstiger rezessiver Allele oder durch günstige genetische Kombinationen entstehen. Bei der Honigbiene kann dieser Effekt individuelle Merkmale betreffen, etwa die Vitalität von Königinnen oder Arbeiterinnen, aber auch Volksmerkmale wie Entwicklung, Thermoregulation, Widerstandsfähigkeit gegenüber bestimmten Belastungen oder Leistung.
Biologisch wird Heterosis vor allem dann erwartet, wenn die Elternlinien genetisch unterschiedlich und relativ stabil sind. In klassischen landwirtschaftlichen Systemen, etwa bei bestimmten Kulturpflanzen, werden sehr homogene Elternlinien gekreuzt, um eine gleichmässigere und oft leistungsfähigere F1-Generation zu erhalten. Bei der Honigbiene ist die Situation komplexer: Ein Volk ist nicht nur Ausdruck einer Königin, sondern eines Gefüges aus Königin, Arbeiterinnen, den sie begattenden Drohnen und der Umwelt.
Biologisch kurz erklärt: Werden genetisch unterschiedliche, in sich stabil geführte Linien kombiniert, können F1-Königinnen beziehungsweise ihre Völker von Heterosis-Effekten profitieren. Ungünstige rezessive Anlagen können teilweise maskiert werden, und günstige genetische Kombinationen können Vitalität oder Leistungsfähigkeit begünstigen. Historische Kreuzungsversuche mit ingezüchteten Honigbienenlinien zeigten solche F1-Effekte bei Legeleistung und Honigertrag (Cale & Gowen 1956); kontrollierte Kreuzungsversuche fanden ähnliche Effekte auch beim Überleben nach bakterieller Belastung und bei der Stabilität der Brutnesttemperatur (Ryals et al. 2024). Neuere Felduntersuchungen zeigen, dass bestimmte F1- oder Intertyp-Kreuzungen unter passenden Bedingungen produktiver sein können als ihre Ausgangsgruppen (Erkan et al. 2024), auch wenn solche Einzelbefunde – etwa bei Karpatenbienen-Kreuzungen (Kovalskyi et al. 2022) – noch nicht breit repliziert sind. Andere Langzeitdaten zeigen jedoch, dass lokal angepasste reine Herkünfte Hybriden übertreffen können, wenn diese weniger gut an die Umweltbedingungen angepasst sind (Ostroverkhova et al. 2024). Heterosis ist deshalb kein Garant für bessere Leistung, sondern ein möglicher Vorteil bestimmter Linienkombinationen unter bestimmten Bedingungen.
Man sollte deshalb zwei Vereinfachungen vermeiden. Die erste wäre zu glauben, eine F1 sei automatisch besser als eine F0. Die zweite wäre zu glauben, eine F2 sei automatisch schlecht. In Wirklichkeit gibt die Generation Auskunft über Abstammung und Vorhersagbarkeit, der tatsächliche Wert zeigt sich aber immer am Volk selbst.
3. F0, F1, F2: zwei Sichtweisen, die zu unterscheiden sind
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Aus Sicht der Zucht Eine F0 ist vor allem als Zuchtmutter oder als Selektionsgrundlage interessant, wenn sie gut dokumentiert, geprüft und aus einem seriösen Programm hervorgegangen ist. Für die Zucht reicht es nicht, dass ein Volk in einem Jahr gut aussieht. Es müssen auch Abstammung, Begattung, Leistung der Verwandten, Gleichmässigkeit der Töchter und Gesundheit berücksichtigt werden. F1-Königinnen können als Produktionstöchter sehr nützlich sein, ersetzen aber die Selektion nicht. Wird anschliessend ohne Kontrolle der Begattung von F1 weitervermehrt, werden die Merkmale neu kombiniert und die Nachkommenschaft wird weniger vorhersagbar. |
Aus Sicht der Produktion Für den Imker kann eine F1 aus seriöser Zucht eine ausgezeichnete Wahl sein, besonders wenn die Linienkombination bereits geprüft wurde. Eine F1 ist aber nicht automatisch gut, nur weil sie F1 ist. Ebenso muss eine F2 oder eine Fx nicht automatisch entfernt werden. Ist das Volk sanftmütig, gesund, gut entwickelt, wenig schwarmlustig, leistungsfähig und gut an den Standort angepasst, kann es für die Produktion durchaus geeignet sein. Es sollte aber ohne umfassendere Beurteilung nicht als Selektionsgrundlage verwendet werden. |
4. Praktischer Anhaltspunkt: Zucht und Produktion
In manchen Zuchtschemata werden F0-Königinnen vorwiegend als Zuchtmütter oder Selektionsköniginnen eingesetzt, während F1-Königinnen für die Produktion bestimmt sind. Diese Unterscheidung ist nützlich, sollte aber nicht als absolute biologische Regel verstanden werden. Eine gut geprüfte F0 kann ein ausgezeichnetes Volk führen, und eine schlecht aufgezogene, schlecht begattete oder schlecht angepasste F1 kann enttäuschen.
Für die Produktion können F1-Königinnen aus seriöser Zucht eine sehr gute Wahl sein. Ihr Wert liegt in der Kombination aus bekannter Abstammung, vorheriger Selektion und, wenn möglich, kontrollierter Begattung. In den folgenden Generationen werden die Merkmale stärker neu kombiniert, und die Ergebnisse können weniger gleichmässig werden. Das ist nicht unbedingt ein Qualitätsverlust, sondern ein Verlust an Vorhersagbarkeit.
Die Entscheidung, eine Königin zu behalten oder zu ersetzen, sollte sich deshalb auf die tatsächliche Beobachtung des Volkes stützen: Sanftmut, Wabensitz, Regelmässigkeit des Brutbildes, Entwicklung, Gesundheitszustand, Schwarmverhalten, Überwinterung und Leistung.
5. Belegstelle oder Standbegattung?
Die Belegstellenbegattung erlaubt eine bessere Kontrolle der Drohnenherkunft und erhöht damit die Vorhersagbarkeit der Nachkommenschaft. Sie ist besonders wichtig, wenn das Ziel die Selektion oder die Produktion von Königinnen für die Zucht ist. Sie garantiert allein jedoch keine gute Königin: Die Qualität der Mutter, die Larvenaufzucht, die Begattungsbedingungen und die spätere Beurteilung bleiben entscheidend.
Eine Belegstellenbegattung mit nur sehr wenigen Ablegern schränkt die Selektionsmöglichkeiten stark ein. Nach den Verlusten durch Begattung, Zusetzen, Überwinterung und Merkmalsbeurteilung bleibt oft nur eine kleine Anzahl wirklich interessanter Königinnen übrig. Wenn die Grösse des Bienenstandes diese Arbeit nicht erlaubt, ist es oft sinnvoller, sich an einen Zuchtbetreuer oder eine anerkannte Zuchtorganisation zu wenden.
Die Standbegattung bleibt möglich, um Produktionsköniginnen zu erzeugen. Sie ist jedoch weniger vorhersagbar, da die Drohnenherkunft unbekannt oder nur teilweise bekannt ist. Das bedeutet nicht, dass die erhaltenen Königinnen schlecht sind, aber ihre Nachkommenschaft sollte aufmerksam beobachtet werden, bevor sie breiter eingesetzt wird.
6. Auswahl einer Zuchtmutter für das Umlarven
Das Umlarven sollte von einer Königin ausgehen, deren Leistungen über einen ausreichenden Zeitraum beobachtet wurden. Eine als Zuchtmutter genutzte Königin sollte idealerweise gute Produktionsergebnisse, eine gute Gesundheit, eine geringe Schwarmneigung, ein sanftmütiges Volk und ein regelmässiges Brutbild gezeigt haben.
Es ist besser, sich nicht allein auf ein aussergewöhnliches Einzeltier zu stützen. In der Selektion ist es wichtig, auch Schwestern, Töchter und die Regelmässigkeit der Merkmale innerhalb der Familie zu berücksichtigen. Ein sehr leistungsfähiges Volk kann das Ergebnis eines günstigen Umfelds, eines guten Jahres oder einer zufälligen Kombination sein. Um vorhersagbarere Töchter zu erzeugen, sollte man nach Linien oder Familien suchen, die sich regelmässig als gut erweisen.
Für den Imker beobachtbare Kriterien sind unter anderem Sanftmut, Vitalität, Qualität und Regelmässigkeit des Brutbildes, Entwicklungsstärke, geringe Schwarmneigung, äusserlich erkennbare Gesundheit, Überwinterung und Leistung. Komplexere gesundheitliche Merkmale, etwa bestimmte Formen der Resistenz oder Toleranz gegenüber Krankheiten und Parasiten, erfordern oft strukturierte Tests und einen Vergleich zwischen Völkern.
Auch das Alter der Zuchtmutter muss berücksichtigt werden. Eine sehr junge Königin wurde noch nicht ausreichend geprüft. Eine zu alte Königin kann für die Zucht weniger verlässlich sein oder nicht mehr verfügbar sein, wenn ihre Töchter beurteilt werden. In der Praxis bieten Königinnen, die über zwei Saisons beurteilt wurden, oft eine solidere Grundlage als Königinnen, die nur nach ihrem ersten Jahr bewertet werden.
7. Was tun mit F2 oder Fx?
F2- oder Fx-Königinnen sollten nicht ohne Kontrolle oder Beurteilung als Selektionsgrundlage verwendet werden. Ihre väterliche Herkunft ist oft unbekannt, und die aus der F1 stammenden Merkmale können sich unterschiedlich neu kombinieren. Dies erhöht die Streuung der Ergebnisse zwischen den Völkern.
Daraus sollte man aber nicht schliessen, dass eine F2 automatisch schlecht ist. Ein gut entwickeltes, sanftmütiges, gesundes, leistungsfähiges und gut an den Standort angepasstes F2-Volk kann für die Produktion durchaus geeignet sein. Umgekehrt kann eine F1 mittelmässig sein, wenn sie aus schlechter Aufzucht, ungünstiger Begattung oder einer für den Standort wenig geeigneten Linienkombination stammt.
Eine gute Praxisregel besteht darin, nicht nach dem Etikett, sondern nach dem Volk zu entscheiden. Ist die Kolonie aggressiv, schwach, schwarmlustig, unregelmässig, krank oder trotz korrekter Führung wenig leistungsfähig, ist ein Austausch der Königin gerechtfertigt. Verhält sie sich gut, sollte ihr Austausch nicht allein mit der Bezeichnung F2 oder Fx begründet werden.
8. Schwarmlust, Aggressivität und andere Merkmale: Vorsicht vor Abkürzungen
Bestimmte Merkmale wie Schwarmneigung, Sanftmut, Wabensitz oder Frühjahrsentwicklung haben eine genetische Komponente. Sie werden aber auch von der Betriebsweise, der Volksstärke, dem verfügbaren Raum, der Tracht, der Witterung, dem Alter der Königin, dem Krankheitsdruck und der Umgebung beeinflusst.
Es wäre deshalb zu vereinfachend zu behaupten, ein Merkmal wie Schwarmlust oder Aggressivität sei allein an eine Generation F1, F2 oder Fx gebunden. Schlecht kontrollierte Kreuzungen können die Variabilität tatsächlich erhöhen und unerwünschte Verhaltensweisen hervortreten lassen. Doch diese Verhaltensweisen müssen am Volk selbst festgestellt werden, bevor eine Entscheidung getroffen wird.
Wenn ein Volk stark schwärmt oder sich dauerhaft aggressiv zeigt, kann es sinnvoll sein, die Königin auszutauschen und zu vermeiden, dieses Volk als Drohnen- oder Larvenquelle für die Zucht zu verwenden. Diese Entscheidung sollte sich jedoch auf mehrere Beobachtungen stützen und nicht auf ein einziges, isoliertes Ereignis.
9. Zum Merken
- Die Generation F0, F1, F2 oder Fx gibt Auskunft über Abstammung und Vorhersagbarkeit, aber nicht allein über die Qualität.
- F1-Königinnen können für die Produktion sehr interessant sein, wenn die Linienkombination bekannt, geprüft und an den Standort angepasst ist.
- Heterosis ist ein möglicher Vorteil, keine Garantie.
- F2 und Fx sind nicht automatisch schlecht, ihre Leistungen sind aber oft weniger vorhersagbar.
- Für die Zucht braucht es eine bekannte Abstammung, eine kontrollierte Begattung und eine Leistungsbeurteilung.
- Für die Produktion muss die Kolonie unter den realen Bedingungen des Bienenstandes überzeugen.
Kernaussage: F0, F1, F2 und Fx sind nützliche Anhaltspunkte, ersetzen aber weder die Selektion noch die Beobachtung noch die Beurteilung des Volkes. Eine Königin muss danach beurteilt werden, was ihr Volk tatsächlich zeigt: Sanftmut, Gesundheit, Entwicklung, Verhalten, Überwinterung und Leistung.
Bibliographie
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Siehe auch:
- F1-Königinnenzucht
- Grundsätze und Methoden der Königinnenzucht bei Honigbienen
- Drohnenzucht
- Merkblatt: 4.7 Beurteilung und Selektion von Völkern
- Die Zuchtbetreuer


