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Alles über Honig

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Honig ist weit mehr als eine konzentrierte Zuckerlösung: Er ist das Ergebnis eines komplexen biologischen Prozesses, geprägt von botanischer Herkunft, der Verarbeitung durch die Bienen sowie den Bedingungen von Reifung und Lagerung. Dieser Referenzartikel beleuchtet Zusammensetzung, physikalische und mikrobiologische Eigenschaften, Qualität, Authentizität, gesundheitliche Risiken und Anwendungen und unterscheidet dabei zwischen gut belegten Erkenntnissen, offenen Fragen und verbreiteten Übertreibungen.

Zusammenfassung

Was die Wissenschaft zeigt

Honig ist keine Substanz mit fester Zusammensetzung, sondern das Produkt eines biologischen Prozesses. Was er enthält, hängt von der gesammelten Ressource – Nektar oder Honigtau –, von der Verarbeitung durch die Bienen, von der Reifung im Volk sowie anschliessend von Ernte, Verarbeitung und Lagerung ab. Zwei vollkommen authentische Honige können sich daher deutlich unterscheiden, ohne dass der eine zwangsläufig von besserer Qualität ist als der andere.

Seine bemerkenswerte Stabilität beruht auf gut verstandenen physikalisch-chemischen Mechanismen: einer hohen Zuckerkonzentration, welche die Verfügbarkeit des Wassers reduziert, einem sauren pH-Wert und mehreren antimikrobiellen Faktoren. Die Kristallisation ist ein natürlicher Vorgang und verändert dieses Gleichgewicht, indem sie die Wasserverfügbarkeit in der verbleibenden flüssigen Phase erhöht. Die Alterung folgt einer Kinetik, die von Zeit und Temperatur gemeinsam bestimmt wird, nicht vom Überschreiten eines einzelnen Grenzwerts: Es gibt keine biologische Grenze bei 40 °C.

Ernährungsphysiologisch ist Honig in erster Linie eine Quelle freier Zucker. Allgemeine gesundheitliche Vorteile durch seinen Verzehr sind nicht überzeugend belegt, und honigspezifische gesundheitsbezogene Angaben wurden von der EFSA nicht anerkannt. Bestimmte klinische Anwendungen sind jedoch für klar abgegrenzte Situationen dokumentiert, insbesondere bei bestimmten Wunden oder Verbrennungen sowie zur Vorbeugung oder Verringerung einer oralen Mukositis in bestimmten onkologischen Behandlungssituationen. Solche Anwendungen gehören in einen kontrollierten therapeutischen Kontext und erlauben keine Übertragung dieser Wirkungen auf gewöhnlichen Speisehonig. Auch das Beispiel Husten zeigt, warum Vorsicht nötig ist: Studien mit einem süssen, sensorisch honigähnlichen Placebo weisen darauf hin, dass der spezifisch pharmakologische Anteil der Wirkung wahrscheinlich geringer ist, als Vergleiche mit einer Nichtbehandlung vermuten lassen. Eine Sicherheitsempfehlung ist hingegen eindeutig: Kein Honig vor dem Alter von zwölf Monaten.

Auch Authentizität ist keine Eigenschaft, die sich mit einem einzigen Test nachweisen lässt. Jede Methode beantwortet eine klar definierte Frage, und Fälschungsmethoden passen sich gerade an die jeweils verwendeten Nachweisverfahren an.

Was sich daraus für die imkerliche Praxis ergibt

Die Verdeckelung bleibt ein sehr guter biologischer Vorfilter, markiert aber nicht das chemische Ende der Reifung. Ist die Situation unklar, liefert die Messung des Wassergehalts die direkteste praktisch nutzbare Information. Drei Ebenen dürfen dabei nicht verwechselt werden: 20 % sind die allgemeine gesetzliche Höchstgrenze, weniger als 17,5 % ein von Agroscope empfohlenes Qualitätsziel und 18,5 % die vom apisuisse-Qualitätssiegel festgelegte Grenze. Der bei der Schleuderung gemessene Wassergehalt ist zudem nicht endgültig: Honig kann bei Kontakt mit der Umgebungsluft wieder Feuchtigkeit aufnehmen. Wie stark dieser Effekt ist, hängt insbesondere von der exponierten Oberfläche, der Luftfeuchtigkeit und der Dauer der Exposition ab.

Kristallisation sollte gesteuert statt bekämpft werden; bei melezitosereichem Honig müssen Entscheidungen früh getroffen werden. Wärme sollte immer zweckbezogen eingesetzt werden: so kurz und so niedrig wie es der jeweilige Verarbeitungsschritt erlaubt, wobei jede Erwärmung zur bisherigen thermischen Belastung hinzukommt. Auch die Verpackung spielt eine Rolle: Dichtheit des Behälters, Qualität des Deckels, Material und Schutz vor Fremdgerüchen tragen zur Erhaltung der Produktqualität bei.

Die Kontrolle von Rückständen beginnt vor der Ernte – mit zugelassenen Produkten, einem geeigneten Behandlungszeitpunkt und einer durchdachten Wachsführung. Auch in der Kommunikation darf nur behauptet werden, was sich durch Herkunft, Analyse und geltendes Recht tatsächlich belegen lässt. Gute imkerliche Praxis besteht daher nicht darin, möglichst viele Erfahrungsregeln anzuhäufen, sondern darin zu wissen, welcher Mechanismus, welche Messung oder welcher rechtliche Rahmen für die jeweilige Entscheidung relevant ist.

 

1. Honig – ein biologisches Produkt, kein feststehender Stoff

Verstehen, warum Honig eine variable biologische Matrix ist, und die biologische, die analytische und die rechtliche Betrachtungsweise voneinander unterscheiden.

Honig wird häufig als konzentrierte Zuckerlösung beschrieben, die von den Bienen aus dem Blütennektar erzeugt wird. Diese Definition ist nützlich, greift aber zu kurz, um seiner tatsächlichen Natur gerecht zu werden. Honig ist kein standardisierter Stoff mit fester Zusammensetzung: Er ist das Ergebnis eines kollektiven biologischen Prozesses, der auf einen selbst schon sehr variablen Rohstoff angewendet wird. Sein chemisches Profil und seine physikalischen Eigenschaften hängen von der botanischen Herkunft beziehungsweise vom Honigtau, von den Umweltbedingungen, von der Verarbeitungsleistung der Bienen und – nach der Ernte – von der Lagerungs- und Behandlungsgeschichte des Produkts ab. Zwei einwandfrei echte Honige können sich deshalb im Wassergehalt, im Zuckerprofil, in der Säure, in der elektrischen Leitfähigkeit, in der Mineralstoffzusammensetzung, in den Enzymen, in den Aromastoffen oder in der Kristallisationsneigung deutlich unterscheiden, ohne dass der eine deswegen von besserer Qualität wäre als der andere (De-Melo et al., 2018; Almeida-Muradian et al., 2020).

1.1 Zwei Ressourcen, zwei Signaturen

Die erste Quelle dieser Vielfalt liegt im eingetragenen Rohstoff. Die meisten Honige stammen aus Nektar, einer zuckerhaltigen Lösung, die von den Nektarien der Pflanzen abgesondert wird und deren Zusammensetzung je nach Pflanzenart, Blühstadium und Umweltbedingungen variiert. Andere Honige stammen zu einem grossen Teil aus Honigtau, das heisst aus zuckerhaltigen Flüssigkeiten, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Schnabelkerfen (Hemiptera) stehen, welche sich vom Pflanzensaft ernähren.

Dieser Herkunftsunterschied ist nicht nur botanischer Natur: Er beeinflusst auch die endgültige Zusammensetzung des Honigs. Honigtauhonige weisen im Mittel besondere Zucker- und Oligosaccharidprofile, eine höhere elektrische Leitfähigkeit und häufig mehr Mineralstoffe auf als viele Nektarhonige, auch wenn sich die Werte zwischen den Gruppen weitgehend überschneiden (Pita-Calvo & Vázquez, 2017). Der Honig trägt somit von seinem Ursprung an die Signatur der vom Volk genutzten Ressource.

Dieser Rohstoff wird aber nicht einfach nur konzentriert und anschliessend eingelagert. Während des Eintrags, des Transports und des Austauschs zwischen den Arbeiterinnen durchläuft er eine Reihe enzymatischer und physikalischer Umwandlungen. Ein Teil der Saccharose wird zu Glucose und Fructose hydrolysiert, andere Zucker werden verändert oder gebildet, die Säure verändert sich und eine grosse Wassermenge wird nach und nach entzogen. Die Glucoseoxidase ist insbesondere an der Bildung von Gluconsäure und, unter bestimmten Bedingungen, von Wasserstoffperoxid beteiligt. Das Endprodukt besitzt damit eine Zusammensetzung und Eigenschaften, die nicht mehr denjenigen des ursprünglichen Nektars oder Honigtaus entsprechen. Von Honig als blossem «konzentriertem Nektar» zu sprechen, übergeht daher einen wesentlichen Teil der biologischen Arbeit, welche die Bienen leisten.

1.2 Ein Vorrat, bevor er ein Lebensmittel ist

Diese Umwandlung wird erst dann verständlich, wenn man die Funktion des Honigs im Volk betrachtet. Für die Bienen ist er in erster Linie ein Energievorrat, der das Überleben sichern soll, wenn die äusseren Ressourcen knapp oder vorübergehend nicht verfügbar sind. Eine sehr wasserreiche Lösung wäre für diese Rolle wenig geeignet: Sie würde mehr Volumen beanspruchen und liesse sich von Mikroorganismen sehr viel leichter nutzen. Die Zuckerkonzentration, die verringerte Verfügbarkeit des Wassers, die Säure und mehrere antimikrobielle Mechanismen machen aus dem eingetragenen Rohstoff dagegen ein wesentlich stabileres Lebensmittel. Mehrere vertraute Eigenschaften des Honigs — seine hohe Viskosität, seine Hygroskopizität, seine Kristallisationsneigung oder seine Fähigkeit, das Wachstum zahlreicher Mikroorganismen zu begrenzen — werden verständlich, sobald man sie in diese Vorratsfunktion einordnet.

Diese Geschichte endet nicht mit der Ernte: Zeit, Temperatur, Feuchtigkeit, Kristallisation und allfällige Verflüssigungsschritte können einzelne Eigenschaften weiter verändern. Eine Honigprobe ist deshalb immer als Ergebnis einer durchgehenden Kette zu verstehen: Herkunft der Ressource → Umwandlung durch die Bienen → Reifung → Ernte → Behandlung und Lagerung. Diese Logik erklärt, weshalb die grossen europäischen Studien keinen universellen Durchschnittshonig beschreiben, sondern Werteverteilungen und charakteristische Profile verschiedener Honigtypen (Persano Oddo & Piro, 2004).

1.3 Biologie, Analytik und Recht: drei Arten, über Honig zu sprechen

Ebenso sind mehrere Arten zu unterscheiden, über Honig zu sprechen. Die Biologie will verstehen, wie das Volk eine Nahrungsressource umwandelt und haltbar macht. Die Laboranalytik misst Merkmale wie den Wassergehalt, das Zuckerprofil, die Enzymaktivität, die elektrische Leitfähigkeit oder den Gehalt an Hydroxymethylfurfural. Das Recht schliesslich legt fest, unter welchen Bedingungen ein Produkt als Honig in Verkehr gebracht werden darf, und definiert bestimmte Zusammensetzungs- oder Qualitätskriterien. Diese drei Ebenen überschneiden sich, sind aber nicht gleichbedeutend: Ein typischer Wert ist nicht zwingend ein gesetzlicher Grenzwert, eine rechtliche Höchstgrenze entspricht nicht zwangsläufig einer biologischen Grenze, und ein Qualitätsmarker ist nicht automatisch ein Indikator für die Lebensmittelsicherheit.

Dieselbe Vorsicht ist geboten, wenn von «Honigqualität» die Rede ist. Der Begriff kann die biologische Reife, die physikalische und mikrobiologische Stabilität, die chemische und technologische Qualität, die sensorischen Eigenschaften, die Echtheit oder auch die Lebensmittelsicherheit bezeichnen. Ein kristallisierter Honig kann völlig echt und von hoher Qualität sein; ein Honig, der die rechtlichen Grenzwerte einhält, kann nach längerer Lagerung einen Teil seiner Aromafrische verloren haben; ein ungewöhnliches botanisches Profil ist für sich genommen kein Hinweis auf eine Verfälschung. Es gibt somit keinen einzelnen Parameter, der alle Dimensionen der Qualität zusammenfassen könnte.

Der rote Faden dieses Artikels geht von diesem einfachen Gedanken aus: Um Honig zu verstehen, muss man verstehen, wie er entsteht und weshalb sich seine Matrix so verhält, wie sie es tut. Die folgenden Kapitel behandeln daher nacheinander seine Reifung, seine Zusammensetzung, die Methoden zu deren Messung, die Rolle von Wasser und Zuckern für seine Stabilität und seine Kristallisation, den Einfluss der botanischen Herkunft oder des Honigtaus, dann die Auswirkungen der Lagerung, die mikrobiologischen Eigenschaften, die Echtheit, die Ernährungsfragen, die gesundheitlichen Risiken und die therapeutischen Anwendungen. Honig erscheint dann weniger als chemisch einheitliches Produkt denn als Endausdruck eines komplexen biologischen, physikalisch-chemischen und umweltbezogenen Systems.

2. Vom Nektar oder Honigtau zum reifen Honig

Die Umwandlung von Nektar oder Honigtau in reifen Honig nachvollziehen und die Rolle der Enzyme, des Wasserentzugs und der Verdeckelung verstehen.

Wenn die Flugbiene mit Nektar oder Honigtau zum Bienenstock zurückkehrt, bringt sie noch keinen Honig mit. Der eingetragene Rohstoff enthält in der Regel sehr viel mehr Wasser, seine Zuckerzusammensetzung ist eine andere und seine mikrobiologische Stabilität ist deutlich geringer. Die anschliessende Umwandlung ist ein kollektiver Prozess, in dessen Verlauf das Volk gleichzeitig die chemische Zusammensetzung und die physikalischen Eigenschaften der Ressource verändert. Die Arbeiterinnen verdunsten also nicht bloss Wasser: Sie verwandeln eine verderbliche Zuckerlösung schrittweise in einen äusserst konzentrierten und dauerhaften Nahrungsvorrat. Diese Reifung beginnt bereits beim Eintrag und setzt sich während des Austauschs zwischen den Bienen, der Ablage in den Zellen und den aufeinanderfolgenden Konzentrationsphasen fort (Nicolson, 2009; Wright et al., 2018; Almeida-Muradian et al., 2020).

2.1 Was die Enzyme verändern

Eine erste Umwandlung findet bereits während des Transports und der trophallaktischen Übergaben statt. Enzyme überwiegend bienenbürtigen Ursprungs werden dem eingetragenen Rohstoff beigemischt. Die Invertase, auch α-Glucosidase, hydrolysiert insbesondere Saccharose zu Glucose und Fructose. Weitere enzymatische Reaktionen verändern parallel dazu das Zuckerprofil und tragen zur Bildung von Di- und Oligosacchariden bei. Das Endergebnis ist also nicht einfach eine stärker konzentrierte Fassung des ursprünglichen Nektars: Die Zusammensetzung des Zuckergemischs hat sich verändert. Die Glucoseoxidase spielt eine weitere wichtige Rolle, indem sie Glucose umwandelt und zur Bildung von Gluconsäure und Wasserstoffperoxid beiträgt. Die Gluconsäure ist an der charakteristischen Säure des Honigs beteiligt, während das Wasserstoffperoxid unter bestimmten Bedingungen zu einem Bestandteil seiner antimikrobiellen Wirkung wird. Auf diese Mechanismen wird später zurückzukommen sein, da ihre Bedeutung stark von der Konzentration des Honigs und von seiner allfälligen Verdünnung abhängt.

2.2 Der Wasserentzug

Die auffälligste physikalische Umwandlung bleibt jedoch der Wasserentzug. Eine stark verdünnte pflanzliche Ressource könnte keinen dauerhaften Vorrat bilden: Sie würde viel Volumen beanspruchen und günstige Bedingungen für die Entwicklung von Mikroorganismen bieten. Die Bienen beschleunigen die Konzentrierung, indem sie kleine Flüssigkeitsmengen bearbeiten und dadurch die Austauschfläche mit der Luft vergrössern. Einmal in den Waben abgelegt, verliert der Rohstoff aus den offenen Zellen weiter Wasser, während die Belüftung des Stocks den Abtransport des Wasserdampfs begünstigt. Dieser Vorgang hängt vom Stockklima, von der Umgebungsfeuchtigkeit, von der einfliessenden Nektarmenge, von der verfügbaren Wabenfläche und von der Aktivität der Arbeiterinnen ab. Die Reifung lässt sich daher nicht auf eine feste Dauer reduzieren: Sie ergibt sich aus einem dynamischen Gleichgewicht zwischen Eintrag, Umwandlung, Verdunstung und Einlagerung.

In experimentellen MiniPlus-Völkern, die mit kontrollierten Saccharoselösungen gefüttert wurden, haben Eyer, Neumann und Dietemann (2016) gezeigt, dass die Einlagerung dynamisch ist und der Rohstoff während der Reifung umgetragen werden kann. Die aus einer Zelle entnommene Flüssigkeit konnte weniger konzentriert sein als diejenige, die anschliessend dort abgelegt wurde, was darauf hinweist, dass die Umlagerungen am Konzentrationsprozess beteiligt sind. Die Autoren zeigten zudem, dass eine Wabe gleichzeitig Zellen in unterschiedlichen Stadien enthält: Reifender Honig ist somit eine räumlich heterogene Matrix. Diese Ergebnisse erhellen den Reifungsmechanismus, wobei daran zu erinnern ist, dass der Versuch keine natürliche Nektar- oder Honigtautracht unmittelbar nachbildete.

2.3 Die Verdeckelung ist keine chemische Grenze

Diese Beobachtung ist für das Verständnis der Verdeckelung besonders wichtig. In der imkerlichen Praxis ist ein hoher Anteil verdeckelter Zellen zu Recht ein nützlicher Hinweis auf eine weit fortgeschrittene Reifung. Die Verdeckelung entspricht aber keiner scharfen chemischen Grenze. Eyer et al. (2016) beobachteten, dass die letzte Reifungsphase noch andauern kann, während die Verdeckelung bereits begonnen hat; umgekehrt kann Honig in einzelnen noch offenen Zellen bereits stark konzentriert sein. Es ist daher zwischen dem biologischen Signal der Biene und der vom Imker gesuchten analytischen Messgrösse zu unterscheiden, und es darf nicht angenommen werden, dass jeder Wabenbereich exakt denselben Wassergehalt oder denselben physikalisch-chemischen Zustand aufweist.

Diese Unterscheidung erklärt, weshalb die «Reife» des Honigs mehrere Sachverhalte bezeichnen kann. Aus Sicht des Volkes entspricht sie dem funktionalen Abschluss eines Einlagerungsprozesses. Aus physikalischer Sicht interessieren vor allem die Menge und die Verfügbarkeit des Wassers. Aus chemischer Sicht lassen sich die Umwandlungen der Zucker, die Säure oder bestimmte Enzymaktivitäten verfolgen. Aus Sicht des Imkers schliesslich ist die zentrale Frage oft pragmatischer: Kann der Honig ohne übermässiges Gärungsrisiko und ohne Qualitätsverlust geerntet und gelagert werden? Diese Dimensionen hängen zusammen, doch keine von ihnen bildet für sich allein eine allgemeingültige Definition der Reife.

Deshalb ist Vorsicht geboten gegenüber allzu einfachen Regeln nach dem Muster «verdeckelter Honig = reifer Honig» oder umgekehrt «unverdeckelter Honig = unreifer Honig». Die Verdeckelung bleibt ein ausgezeichnetes Kriterium im Feld, um den allgemeinen Fortschritt der Reifung zu beurteilen, sie funktioniert jedoch besser als biologischer Vorfilter denn als analytische Messgrösse. Wenn die Bedingungen untypisch sind — starke Tracht, hohe Luftfeuchtigkeit, frühe Ernte, hoher Anteil offener Zellen oder sichtbare Unterschiede zwischen den Waben —, liefert eine Messung des Wassergehalts eine unmittelbar besser verwertbare Information. Die Honigreifung ist somit besser als Kontinuum zu verstehen: Die Bienen wandeln die Ressource schrittweise um, konzentrieren sie und lagern sie um, bis eine Matrix entsteht, die stabil genug ist, um ihre Vorratsfunktion zu erfüllen.

Dieses dynamische Verständnis der Reifung bildet die Grundlage der folgenden Kapitel. Es erklärt, weshalb zwei gleichzeitig geerntete Honige unterschiedliche Zusammensetzungen aufweisen können, weshalb der Wassergehalt allein die mikrobiologische Stabilität nicht erklärt und weshalb die Zucker nicht nur den Energiegehalt des Honigs bestimmen, sondern auch seine Viskosität, seine Kristallisation und sein Verhalten bei der Lagerung. Reifer Honig ist also nicht einfach «Nektar ohne Wasser»: Er ist das Ergebnis eines kollektiven biologischen Prozesses, der den Rohstoff grundlegend umwandelt, noch bevor der Imker eingreift.

3. Die chemische Matrix – viel Zucker, aber nicht nur

Die wichtigsten Bestandteile des Honigs erkennen und ihr analytisches Vorkommen von ihrer mengenmässigen, funktionalen und ernährungsphysiologischen Bedeutung unterscheiden.

Die Zusammensetzung des Honigs spiegelt sowohl den eingetragenen Rohstoff als auch die von den Bienen vorgenommenen Umwandlungen wider. Mengenmässig ist der Befund einfach: Honig ist vor allem eine Matrix aus Zucker und Wasser. Die Kohlenhydrate machen in der Regel rund vier Fünftel seiner Masse aus, während das Wasser den grössten Teil des Restes bildet. Diese scheinbare Einfachheit verbirgt jedoch eine grosse chemische Vielfalt. Man findet darin mehrere Dutzend verschiedene Zucker, organische Säuren, Proteine, Enzyme, Aminosäuren, Mineralstoffe, phenolische Verbindungen und eine Vielzahl flüchtiger Moleküle. Ihre Bedeutung ist allerdings nicht proportional zur Anzahl der identifizierten Substanzen: Ein Molekül, das mit einer sehr empfindlichen Analysemethode nachweisbar ist, kann biologisch interessant sein, ohne eine ernährungsphysiologisch bedeutsame Menge darzustellen (Doner, 1977; da Silva et al., 2016; De-Melo et al., 2018).

3.1 Die Hauptzucker

Fructose und Glucose dominieren die Kohlenhydratfraktion bei Weitem. In vielen Honigen ist Fructose der häufigste Zucker, gefolgt von Glucose, doch ihre Anteile hängen stark von der botanischen Herkunft ab. Diese Beziehung ist weit über den Geschmack hinaus bedeutsam. Fructose ist in Wasser besser löslich als Glucose; das Verhältnis der beiden trägt somit dazu bei, die Kristallisationsneigung des Honigs zu bestimmen. Die Zucker beeinflussen ausserdem die Viskosität, die Hygroskopizität und die glykämische Antwort des Produkts. Saccharose ist in einem reifen Honig gewöhnlich sehr viel weniger häufig, unter anderem weil sie während der Reifung durch die Enzyme der Bienen hydrolysiert wird. Ein verhältnismässig hoher Saccharosegehalt kann mehrere Ursachen haben — eine besondere botanische Herkunft, eine unvollständige Reifung oder, in bestimmten Zusammenhängen, ein Echtheitsproblem —, doch er erlaubt für sich allein keine Entscheidung zwischen diesen Hypothesen.

Die Kohlenhydratfraktion beschränkt sich indessen nicht auf Fructose, Glucose und Saccharose. Honig enthält auch verschiedene Di-, Tri- und Oligosaccharide. Einige stammen bereits aus dem Nektar oder dem Honigtau, während andere während der Umwandlung durch die Bienen gebildet oder verändert werden können. Ihr Profil bildet mitunter eine eigentliche Signatur der Honigherkunft. Das gilt insbesondere für bestimmte Honigtauhonige, in denen die Oligosaccharide in der Regel bedeutender sind als in Blütenhonigen. Melezitose ist dafür das eindrücklichste Beispiel: Dieses Trisaccharid kann in gewissen Honigtautrachten so häufig werden, dass es das physikalische Verhalten des Honigs grundlegend verändert. Darauf wird im Kapitel über Honigtauhonige und Melezitose zurückzukommen sein.

3.2 Proteine, Aminosäuren und Enzyme

Neben den Zuckern finden sich Verbindungen, die in sehr viel geringeren Mengen vorliegen, biologisch oder analytisch aber bedeutsam sind. Die Proteine machen in der Regel nur einen kleinen Anteil der Gesamtmasse aus. Ein Teil davon entfällt auf Enzyme, welche die Bienen eintragen, insbesondere Invertase, Glucoseoxidase und Diastase. Ihr Interesse ist vor allem funktional: Sie sind an der Umwandlung des Nektars beteiligt oder dienen als Indikatoren für die Reifung und die thermische Geschichte des Honigs. Ihr Vorhandensein bedeutet nicht, dass Honig eine bedeutende Proteinquelle in der Ernährung wäre.

Selbst bei einem verhältnismässig hohen Gehalt in der Grössenordnung von einigen Gramm Protein pro Kilogramm lieferte eine Portion von 20 g Honig nur einige Dutzend Milligramm. Zum Vergleich: Der Tagesbedarf eines Erwachsenen an Protein liegt im Bereich von mehreren Dutzend Gramm. Die Enzyme des Honigs sind daher biologisch interessant, ohne als Nahrungsproteine ernährungsphysiologisch bedeutsam zu sein.

Dieselbe Unterscheidung gilt für die Aminosäuren. Prolin ist in der Regel die dominierende freie Aminosäure des Honigs, und ihre Bestimmung wurde lange als ergänzende Information zur Reifung oder zur Echtheit herangezogen. Die beobachteten Werte schwanken jedoch mit der botanischen Herkunft und den Produktionsbedingungen, und ein empirischer Grenzwert darf nicht zu einer biologischen Konstanten umgedeutet werden. Ernährungsphysiologisch bleiben die Mengen an freien Aminosäuren gering. Ihr wesentliches Interesse liegt eher in der Charakterisierung des Honigs und im Verständnis seiner Herkunft als in ihrem Beitrag zur menschlichen Proteinversorgung.

3.3 Säuren, Mineralstoffe und phenolische Verbindungen

Die organischen Säuren bilden eine weitere kleine Fraktion, die für die Produkteigenschaften besonders wichtig ist. Gluconsäure ist in der Regel die wichtigste unter ihnen. Sie entsteht grösstenteils durch die Einwirkung der Glucoseoxidase auf Glucose und trägt zur Säure des Honigs bei. Weitere organische Säuren sind in unterschiedlichen Anteilen vorhanden und wirken am sensorischen Profil und an der chemischen Stabilität mit. Auch hier übersteigt ihre funktionale Bedeutung ihr Gewichtsanteil bei Weitem: Einige in niedriger Konzentration vorliegende Verbindungen können den pH-Wert, das Aroma oder bestimmte chemische Reaktionen merklich verändern, ohne deswegen einen bedeutenden Anteil der Nahrungsration auszumachen.

Die Mineralstoffe folgen derselben Logik. Kalium dominiert in der Regel die Mineralstofffraktion, begleitet unter anderem von Calcium, Magnesium, Natrium, Phosphor und verschiedenen Spurenelementen. Honigtauhonige enthalten im Mittel mehr davon als viele Blütenhonige, was zu ihrer höheren elektrischen Leitfähigkeit beiträgt (Pita-Calvo & Vázquez, 2017; Solayman et al., 2016). Der Ausdruck «reich an Mineralstoffen» wäre für die meisten Honige jedoch irreführend. Enthält ein Honig als Grössenordnung 0,1 % Mineralstoffe, so liefert eine Portion von 20 g insgesamt rund 20 mg; selbst bei Verdoppelung dieses Werts bleibt der Beitrag gering im Vergleich zum Tagesbedarf, der bei den wichtigsten Mineralstoffen in Hunderten oder Tausenden von Milligramm liegt. Das analytische Vorkommen von Mineralstoffen ist somit für die Charakterisierung des Honigs wichtig, in der Ernährung aber im Allgemeinen zweitrangig.

Die phenolischen Verbindungen und die Flavonoide erregen besondere Aufmerksamkeit, weil sie an der Farbe, an bestimmten im Labor gemessenen antioxidativen Eigenschaften und an der botanischen Unterscheidung der Honige beteiligt sein können. Ihre Konzentration schwankt von Honig zu Honig beträchtlich, wobei dunkle Honige oft höhere Gehalte aufweisen als sehr helle. Die Ergebnisse werden jedoch in der Regel in Milligramm pro Kilogramm Honig ausgedrückt: Selbst ein verhältnismässig phenolreicher Honig liefert in einer üblichen Portion daher nur einige Milligramm.

Diese Menge kann chemisch messbar und interessant sein, ohne mit der über einen Tag aufsummierten Zufuhr aus Kaffee, Tee, Früchten, Gemüse oder anderen pflanzlichen Lebensmitteln vergleichbar zu sein. Vor allem aber ist ein hoher Polyphenolgehalt oder eine starke Aktivität in einem DPPH- oder FRAP-Test für sich genommen kein Beleg für einen klinischen Nutzen beim Menschen.

Vitamine sind noch weniger häufig. Mehrere wasserlösliche Vitamine lassen sich im Honig nachweisen, in der Regel aber nur in Spuren oder in geringen Konzentrationen. Sie zeugen von der Komplexität der Matrix und von ihrem biologischen Ursprung, erlauben es jedoch nicht, Honig als bedeutende Vitaminquelle darzustellen. Auch Lipide sind nur in sehr geringen Mengen vorhanden und spielen für seinen Energiegehalt praktisch keine Rolle.

Die flüchtigen Substanzen bilden eine Ausnahme von dieser Rangordnung. Mengenmässig verschwindend gering, sind sie sensorisch von zentraler Bedeutung: In verschiedenen Honigen wurden Hunderte von Aromamolekülen identifiziert, und einige tragen dazu bei, eine florale Herkunft zu erkennen oder sensorische Profile zu unterscheiden. Ihre geringe Masse sagt somit nichts über ihre Bedeutung aus — wenige Mikrogramm einer Duftverbindung können das Aroma stark beeinflussen, während mehrere Milligramm eines Mineralstoffs geschmacklich unmerklich bleiben.

Der Unterschied zwischen analytischem Vorkommen und mengenmässiger Bedeutung wird wesentlich sein, wenn weiter hinten die gesundheitlichen Wirkungen des Honigs behandelt werden. Der chemische Reichtum des Produkts ist real, darf aber nicht mit einem ernährungsphysiologischen Reichtum in allen Nährstoffkategorien verwechselt werden. Die Masse des Honigs bleibt von Zucker und Wasser dominiert; die Nebenbestandteile verleihen dem Produkt zu einem grossen Teil seine botanische, sensorische, enzymatische und biologische Vielfalt. Das Verständnis dieser Rangordnung erlaubt es, zwei entgegengesetzte Vereinfachungen zu vermeiden: Honig auf «Zucker und Wasser» zu reduzieren oder umgekehrt jedem Molekül, das die moderne Analytik darin nachzuweisen vermag, eine grosse ernährungsphysiologische Bedeutung zuzuschreiben.

4. Wie wird Honig gemessen – und was bedeuten die Laborwerte tatsächlich?

Verstehen, was die wichtigsten Laborparameter messen, wie sie gewonnen werden und welche Grenzen ihrer Auslegung gesetzt sind.

Die Zahlen, mit denen Honig beschrieben wird, sind keine blossen Eigenschaften, die sich direkt am Produkt ablesen liessen: Sie hängen von einer Messmethode, von einem Protokoll, von einer Temperatur, von einer Probenvorbereitung und von einer Auslegungskonvention ab.

Diese methodische Dimension ist wichtig, denn ein Wassergehalt, eine Diastaseaktivität oder eine Hydroxymethylfurfural-Konzentration (HMF) ergeben nur dann einen Sinn, wenn man weiss, wie sie gewonnen wurden und womit sie verglichen werden. Das BEEBOOK zu den standardisierten Methoden der Honigforschung an Apis mellifera bietet heute eine besonders breite methodische Übersicht, während die Methoden der International Honey Commission (IHC), des Codex Alimentarius und der AOAC weiterhin wesentliche Referenzen für die konkreten analytischen Bestimmungen bleiben (Almeida-Muradian et al., 2020).

4.1 Was jeder Parameter misst

Der Wassergehalt ist dafür ein gutes Beispiel. In der imkerlichen Praxis und in zahlreichen Laboratorien wird er in der Regel indirekt mit einem Refraktometer bestimmt: Man misst den Brechungsindex des Honigs und rechnet ihn anschliessend über eine experimentell ermittelte Beziehung in den Wassergehalt um. Die Messung wirkt einfach, ihre Genauigkeit hängt jedoch unter anderem von der Temperatur, von der Kalibrierung des Geräts, von der Homogenität der Probe und von der Qualität der Probenahme ab. Ein Unterschied von wenigen Zehntelprozent kann bedeutsam werden, wenn ein Wert nahe bei einem Qualitätsziel oder einem gesetzlichen Grenzwert liegt. Das erklärt, weshalb der sachgerechte Umgang mit dem Refraktometer eine eigenständige praktische Kompetenz ist, die im gesonderten Artikel zu dieser Messung behandelt wird.

Andere Parameter sagen weniger über den unmittelbaren physikalischen Zustand des Honigs aus als über seine Geschichte. HMF bildet sich fortschreitend während der Alterung und unter Wärmeeinwirkung; es wird deshalb als Marker für Lagerung und Wärmebehandlung verwendet. Für seine Bestimmung bestehen mehrere Methoden, insbesondere spektrophotometrische Verfahren und die Flüssigchromatographie. Die historisch bedeutsame Methode nach Winkler verwendet p-Toluidin und ist heute aus Gründen der analytischen Sicherheit weniger erwünscht; die Methoden nach White und mittels HPLC sind in den methodischen Referenzwerken gängige Alternativen. Eine hohe HMF-Konzentration kann auf eine lange Lagerung oder eine erhebliche Wärmebelastung hinweisen, sie erlaubt es jedoch nicht, eine genaue frühere Temperatur zu rekonstruieren. Zwei Honige mit unterschiedlichen Zeit-Temperatur-Kombinationen können vergleichbare Gehalte aufweisen.

Die Enzymaktivität liefert eine andere Information. Die Diastase, auch Amylase, wird seit Langem als Qualitätsindikator verwendet, da ihre Aktivität mit der Zeit und mit der Wärme abnimmt. Die Invertase ist oft wärmeempfindlicher und kann eine ergänzende Information liefern. Diese Parameter sind jedoch keine biologischen Thermometer. Die Ausgangsaktivitäten unterscheiden sich naturgemäss je nach Honigherkunft, und eine geringe Aktivität bedeutet nicht zwingend, dass ein Produkt stark erhitzt wurde. Umgekehrt garantiert ein konformer Wert für sich allein keine einwandfreie Geschichte. Erban et al. (2021) haben sogar gezeigt, dass in bestimmten Honigen fremde Amylasen mikrobieller Herkunft nachweisbar sein können: Die Zugabe eines exogenen Enzyms kann die Diastaseaktivität künstlich erhöhen, ohne die übrigen Merkmale eines veränderten Honigs wiederherzustellen. Ein klassischer Indikator bleibt somit nützlich, ist für sich allein aber kein Beweis für Echtheit oder Frische.

Prolin, die wichtigste freie Aminosäure vieler Honige, wird ebenfalls als ergänzender Parameter zur Charakterisierung verwendet. Wie bei der Diastase erfordert seine Auslegung jedoch, die Natur des betrachteten Werts zu kennen: Eine in bestimmten Honigen häufig beobachtete Konzentration ist nicht automatisch ein biologischer Mindestwert und noch weniger ein allgemeingültiger gesetzlicher Grenzwert.

Die elektrische Leitfähigkeit veranschaulicht eine weitere wichtige methodische Entwicklung. Ältere Arbeiten beschrieben häufig den Aschegehalt als Indikator für die Mineralstofffraktion. Die Leitfähigkeit hat nach und nach eine zentrale Stellung eingenommen, da sie einfacher zu messen ist und die Konzentration an Ionen, Säuren und Mineralstoffen eng abbildet. Sie ist besonders nützlich, um viele Blütenhonige von Honigtauhonigen zu unterscheiden, ohne deswegen in allen Fällen ein unfehlbares Kriterium zu sein.

Auch die Bestimmung der botanischen Herkunft beruht selten auf einer einzigen Messung. Die Melissopalynologie untersucht die im Honig vorhandenen Pollenkörner und bleibt eine grundlegende Methode zur Beurteilung der floralen Herkunft. Der Pollenanteil bildet den Nektaranteil jedoch nicht unmittelbar ab: Bestimmte Pflanzen produzieren viel Pollen, der im Honig leicht vertreten ist, andere sehr viel weniger. Die Auslegung stützt sich daher idealerweise auf die Kombination pollenanalytischer, physikalisch-chemischer und sensorischer Daten, heute teilweise ergänzt durch molekulare oder spektrometrische Methoden. Die harmonisierten Arbeiten der IHC zu den europäischen Honigen haben den Nutzen dieses kombinierten Vorgehens gerade gezeigt (Persano Oddo & Piro, 2004; von der Ohe et al., 2004).

4.2 Fünf Arten von Zahlenwerten

Daraus ergibt sich ein allgemeiner Grundsatz: Derselbe Zahlenwert kann je nach Zusammenhang, in dem er verwendet wird, sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.

Fünf Arten von Zahlenwerten zur Auslegung von Honig
Art des Werts Frage, die er beantwortet
Typischer Wert Was wird bei diesem Honigtyp häufig beobachtet?
Biologische Variabilität Welche Werte können natürlicherweise vorkommen?
Qualitätsziel Welcher Wert ist wünschenswert, um ein stabiles oder hochwertiges Produkt zu erhalten?
Gesetzlicher Grenzwert Welcher Wert muss für die Rechtskonformität eingehalten werden?
Toxikologischer Referenzwert Ab welcher Exposition kann eine gesundheitliche Besorgnis entstehen?

Die Vermischung dieser Kategorien ist eine der wichtigsten Fehlerquellen in Diskussionen über Honig. Ein Mittelwert ist keine Norm. Ein gesetzlicher Grenzwert ist nicht zwingend die Grenze zwischen einem «guten» und einem «schlechten» Honig. Ein Qualitätsziel, das strenger ist als das Gesetz, bedeutet nicht, dass ein Produkt zwischen beiden Werten gefährlich wäre. Und ein Grenzwert, der zur Kontrolle der Frische oder der technologischen Behandlung festgelegt wurde, darf nicht in eine toxikologische Schwelle umgedeutet werden.

Zu diesen fünf Kategorien kommt eine letzte Quelle von Missverständnissen hinzu: die Messunsicherheit. Ein Laborergebnis ist nie eine unendlich genaue Abbildung der Wirklichkeit; es besteht eine Variabilität, die vom Gerät, von der Methode, von der Probenahme und von der Probenvorbereitung abhängt, und diese Unsicherheit wird in der Nähe einer Entscheidungsgrenze besonders bedeutsam. Die Konsequenz für den Imker deckt sich mit der oben getroffenen Unterscheidung: Der Umgang mit dem Gerät, die Kalibrierung und die Repräsentativität der Probe gehören zur Praxis, doch die Werte, ab denen ein Honig als konform, stabil oder problematisch gilt, müssen aus wissenschaftlichen oder rechtlichen Referenzen stammen und nicht aus einer beruflichen Gewohnheit.

5. Wasser, Wasseraktivität und Kristallisation – die Physik der Honigstabilität

Wassergehalt, Wasseraktivität, Hygroskopizität, Viskosität und Kristallisation mit der physikalischen und mikrobiologischen Stabilität des Honigs in Beziehung setzen.

Die Stabilität des Honigs hängt eng mit dem Wasser zusammen, aber nicht allein mit der Gesamtmenge des enthaltenen Wassers. Zwei Honige mit demselben Wassergehalt können sich je nach ihrer Zuckerzusammensetzung, ihrer botanischen Herkunft, ihrem flüssigen oder kristallisierten Zustand und der Art, wie das Wasser in der Matrix gebunden ist, unterschiedlich verhalten. Deshalb sind zwei einander ergänzende Begriffe zu unterscheiden: der Wassergehalt, der den Gesamtanteil des im Produkt vorhandenen Wassers ausdrückt, und die Wasseraktivität, die angibt, welcher Anteil dieses Wassers für chemische Reaktionen und vor allem für das Wachstum von Mikroorganismen tatsächlich verfügbar ist. Der Wassergehalt bleibt der für den Imker und die Qualitätskontrolle praktischste Parameter, doch die Wasseraktivität erlaubt es, genauer zu verstehen, weshalb ein Honig stabil ist oder im Gegenteil anfällig für Gärung wird.

Die Wasseraktivität ist eine thermodynamische Grösse zwischen 0 und 1. Sie entspricht vereinfacht dem Verhältnis zwischen dem Dampfdruck des Wassers über einem Lebensmittel und demjenigen von reinem Wasser bei derselben Temperatur. In einem stark zuckerkonzentrierten Honig steht ein grosser Teil des Wassers in Wechselwirkung mit den gelösten Molekülen und ist daher nicht so verfügbar wie in freiem Wasser. Das ist einer der Hauptgründe für die bemerkenswerte mikrobiologische Stabilität von reifem Honig: Die meisten Bakterien können sich darin nicht vermehren, und selbst zahlreiche Hefen und Schimmelpilze sind stark eingeschränkt.

Bestimmte osmophile Hefen, insbesondere der Gattung Zygosaccharomyces, sind allerdings imstande, bei aussergewöhnlich niedrigen Wasseraktivitäten zu wachsen. Werte um 0,61 bis 0,62 werden häufig als unterer Bereich genannt, in dem sich die tolerantesten Arten noch entwickeln können, doch es handelt sich dabei nicht um eine allgemeingültige Grenze: Das Ergebnis hängt von der Hefeart und vom Hefestamm, von der Temperatur, von der anfänglichen Zellzahl, von der Lagerdauer und von der Zusammensetzung des Honigs ab (Beuchat, 1983; Chirife et al., 2006; Snowdon & Cliver, 1996). Sorptionsversuche an Kiefern- und Zitrushonigen veranschaulichen diesen Abstand: Ein sichtbares Hefewachstum an der Oberfläche trat dort erst oberhalb einer Wasseraktivität von 0,7 auf, also deutlich über dem theoretischen Wachstumsminimum (Arslan & Turhan, 2022).

Diese Unterscheidung erklärt auch, weshalb sich aus dem Wassergehalt nicht mechanisch eine eindeutige Wasseraktivität ableiten lässt. Die beiden Parameter sind eng korreliert, doch die Beziehung ist von Honig zu Honig verschieden. Gleiter, Horn und Isengard (2006) beobachteten an einer Reihe von 249 Proben insbesondere, dass flüssige Honigtauhonige bei vergleichbarem Wassergehalt eine höhere Wasseraktivität aufweisen konnten als Blütenhonige. Das bedeutet nicht, dass Waldhonig allgemein stärker gärungsgefährdet wäre. Der Befund ist präziser: Bei gleichem Wassergehalt und unter vergleichbaren Bedingungen kann die Zusammensetzung eines Honigtauhonigs einen geringfügig grösseren Wasseranteil verfügbar lassen. Der Wassergehalt bleibt somit ein ausgezeichneter praktischer Indikator, ist aber ein Näherungswert für ein komplexeres physikalisch-chemisches Phänomen.

5.1 Hygroskopizität und Viskosität

Das Wasser ist auch an der Hygroskopizität des Honigs beteiligt. Dieser kann Wasser aufnehmen oder abgeben, bis er sich einem Gleichgewicht mit der relativen Feuchtigkeit der Umgebungsluft annähert, und dieses Gleichgewicht liegt tiefer, als oft angenommen wird. Ein Honig mit rund 82,4 bis 82,5 % Trockensubstanz steht mit einer Luft von etwa 58 % relativer Feuchtigkeit bei 21 °C im Gleichgewicht und mit 54,4 % bei 34,5 °C (Doull & Mew, 1977). Australische Sortenhonige nahmen ab etwa 68 % relativer Feuchtigkeit Wasser auf und gaben unterhalb von rund 51 % bei 30 °C Wasser ab (Yao et al., 2003). Da die Luft in einem Wohnraum diese Werte häufig übersteigt, neigt ein offen stehender Honig dazu, Wasser aufzunehmen; dafür ist keinerlei Temperaturunterschied erforderlich.

Die Sorption beginnt an der Oberfläche, anschliessend diffundiert das Wasser langsam ins Innere, bis sich die Wasseraktivität ausgleicht (Arslan & Turhan, 2022). Die Wirkung ist daher dort am grössten, wo der Austausch mit der Atmosphäre am unmittelbarsten ist, und sie hängt stark von der freiliegenden Oberfläche und von der Expositionsdauer ab. Diese Eigenschaft erklärt die Bedeutung einer Lagerung in gut verschlossenen Gefässen und eines umsichtigen Umgangs mit Honigzargen und geschleudertem Honig. Sie trägt auch zum Verständnis bei, weshalb ein anfänglich stabiler Honig örtlich feuchter werden kann, ohne dass unmittelbar Wasser zugesetzt worden wäre.

Die sehr hohe Zuckerkonzentration erklärt auch die aussergewöhnliche Viskosität des Honigs. Sie steigt stark an, wenn die Temperatur sinkt und wenn der Wassergehalt abnimmt. Ein kalter und trockener Honig kann äusserst schwierig zu pumpen, zu sieben oder zu mischen sein, während eine mässige Temperaturerhöhung ihn deutlich flüssiger macht. Die Viskosität ist jedoch nicht nur eine Frage der Handhabung: Sie wirkt auch auf die Diffusion der Moleküle und damit auf die Geschwindigkeit der Kristallisationsvorgänge. Bei tiefer Temperatur nimmt die Löslichkeit der Glucose ab und die Übersättigung zu, was die Kristallisation thermodynamisch begünstigt; gleichzeitig steigt jedoch die Viskosität und verlangsamt die Molekularbewegungen. Die Kristallisationsgeschwindigkeit ergibt sich somit aus dem Zusammenspiel dieser beiden gegenläufigen Effekte.

5.2 Eine an Glucose übersättigte Lösung

Flüssiger Honig ist nämlich in der Regel eine an Glucose übersättigte Lösung: Er enthält mehr gelöste Glucose, als im Gleichgewicht dauerhaft in Lösung bleiben könnte. Dieser Zustand ist metastabil — der Honig kann eine gewisse Zeit flüssig bleiben, doch die Kristallisation wird thermodynamisch begünstigt.

Sie beginnt mit der Nukleation, das heisst mit der Bildung oder dem Vorhandensein winziger Strukturen, die als Ausgangspunkt für den Kristall dienen können. Bereits vorhandene Mikrokristalle, aber auch bestimmte Schwebeteilchen können diesen Vorgang erleichtern: Pollen kann somit Nukleationsflächen bereitstellen, doch es wäre zu einfach zu behaupten, «Pollen löst die Kristallisation aus». Die endgültige Geschwindigkeit hängt hauptsächlich von der Glucoseübersättigung, von der Temperatur, von der Viskosität und von der Zahl der verfügbaren Kristallisationskeime ab.

5.3 Weshalb die Kristallisation die Gärung begünstigen kann

Wenn Glucose kristallisiert, bildet sie vorwiegend Glucosemonohydrat. Ein Teil der Glucose verlässt dabei die flüssige Phase und ordnet sich in einem Kristallgitter an, wobei je Glucosemolekül ein Wassermolekül eingebaut wird. Die Zusammensetzung der verbleibenden flüssigen Phase verändert sich gleichzeitig: Sie wird im Verhältnis zur noch gelösten Glucose relativ reicher an Fructose und an Wasser. Das ist ein wesentlicher Punkt, denn die Kristallisation verändert nicht nur die sichtbare Textur des Honigs; sie verändert auch die Eigenschaften der zwischen den Kristallen verbleibenden flüssigen Fraktion. Zamora und Chirife (2006) und danach Gleiter et al. (2006) haben gezeigt, dass die Wasseraktivität nach der Kristallisation in der Regel zunimmt, häufig um einige Hundertstel einer Einheit. In der Studie von Gleiter et al. betrug der mittlere Unterschied zwischen dem kristallisierten Zustand und demselben Honig nach vollständiger Auflösung der Kristalle rund 0,04.

Diese Zunahme macht aus einem stabilen Honig nicht automatisch einen gärungsfähigen. Sie wird vor allem für Honige bedeutsam, die sich bereits nahe an einem kritischen Bereich befinden. Ein Honig mit sehr tiefer Wasseraktivität kann kristallisieren und dabei weit unterhalb der für osmophile Hefen günstigen Bedingungen bleiben; in einem feuchteren Honig kann die Kristallisation dagegen die Sicherheitsmarge der flüssigen Phase verringern. Dieser Mechanismus hilft, bestimmte Gärungsfälle bei teilweise kristallisierten Honigen oder bei Honigen mit einer Trennung zwischen einer kristallisierten Schicht und einer wasserreicheren flüssigen Phase zu verstehen. Die Kristallisation ist somit nicht die allgemeine Ursache der Gärung; sie kann unter bestimmten Bedingungen eine für Hefen günstigere flüssige Phase entstehen lassen.

5.4 Was die Kristallisationsgeschwindigkeit bestimmt

Die Kristallisationsneigung hängt stark vom Zuckerprofil ab. Das Verhältnis Fructose/Glucose, oft als F/G bezeichnet, ist ein empirischer Indikator: Je höher der Fructoseanteil im Verhältnis zur Glucose ist, desto eher bleibt der Honig in der Regel flüssig. Grenzwerte wie 1,1 oder 1,3 tauchen in der Literatur häufig auf, sie dürfen jedoch nicht als natürliche Grenzen ausgelegt werden. Auch das Verhältnis Glucose/Wasser, G/W, kann eine nützliche Information liefern: Ein glucosereicher und verhältnismässig wasserarmer Honig enthält mehr Glucose im Überschuss gegenüber ihrer Löslichkeit und kristallisiert grundsätzlich leichter. Auch hier sind die in der Literatur vorgeschlagenen Werte — beispielsweise um 1,7 oder 2,0 — empirische Kategorien und keine absoluten Regeln. Die botanische Herkunft, die Oligosaccharide, die Temperatur, die Schwebeteilchen und die Geschichte des Produkts tragen ebenfalls zum Ergebnis bei.

Die Temperatur spielt eine besonders interessante Rolle, weil ihre Wirkung nicht linear ist. Bei verhältnismässig hoher Temperatur bleibt Glucose besser löslich und die Triebkraft der Kristallisation nimmt ab. Bei sehr tiefer Temperatur steigt die Übersättigung, doch die hohe Viskosität verlangsamt die Molekularbewegungen und das Kristallwachstum. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein Bereich, in dem Nukleation und Wachstum besonders begünstigt sind: Bei vielen Honigen verläuft die Kristallisation in einem ungefähren Bereich von 10 bis 15 °C rasch, und mehrere experimentelle Arbeiten verorten ein Optimum um 14 °C. Dieser Wert darf allerdings nicht zu einer allgemeingültigen Konstanten gemacht werden, denn unterschiedliche Zuckerprofile und unterschiedliche Wassergehalte verschieben die Kinetik.

Der Unterschied zwischen einer feinen und einer groben Kristallisation ist genau das, worauf die Herstellung von Cremehonig beruht. Statt zu versuchen, einen thermodynamisch natürlichen Vorgang unbegrenzt zu verhindern, kann der Imker versuchen, ihn zu steuern. Das Einbringen einer kleinen Menge Honig, der bereits feine Kristalle aufweist, liefert zahlreiche Kristallisationskeime; die Kristallisation verteilt sich dann auf eine grosse Zahl von Stellen, was die Bildung kleinerer Kristalle und eine gleichmässigere Struktur begünstigt. Temperatur und Rühren beeinflussen anschliessend das Wachstum und die Verteilung dieser Kristalle.

Die Gesamtheit dieser Phänomene zeigt, weshalb ein blosser Wassergehaltswert die Stabilität des Honigs nicht allein beschreiben kann — ohne dass dies seinem praktischen Nutzen etwas nähme. Die Wasseraktivität direkt zu messen erfordert eine besondere Ausrüstung und ist in einem Imkereibetrieb in der Regel nicht nötig. Die Wasseraktivität liefert vor allem das mechanistische Verständnis: Sie erklärt, weshalb zwei Honige mit demselben Wassergehalt nicht genau gleichwertig sein müssen, weshalb die Kristallisation die flüssige Phase verändert und weshalb die mikrobiologische Stabilität nie auf einer einzigen Zahl beruht.

Die Physik des Honigs lässt sich damit als ein System in einem ständigen Gleichgewicht zwischen Wasser, Zuckern, Temperatur und Phasenzustand zusammenfassen. Die Wassermenge bestimmt einen grossen Teil der Stabilität, doch ihre Verfügbarkeit hängt von der Zusammensetzung der Matrix ab. Die Glucose bestimmt weitgehend die Kristallisationsneigung, doch die Geschwindigkeit dieses Vorgangs hängt von der Temperatur, von der Viskosität und von den vorhandenen Keimen ab. Und die Kristallisation verändert ihrerseits die Zusammensetzung und die Wasseraktivität der flüssigen Phase. Das Verständnis dieser Wechselwirkungen erlaubt es, über vereinfachende Regeln hinauszugehen und zu erklären, weshalb ein Honig jahrelang stabil bleiben kann, während ein anderer, äusserlich durchaus ähnlicher, rasch kristallisiert, sich trennt oder zu gären beginnt.

6. Blütenhonige, Honigtauhonige und Melezitose – die Herkunft bestimmt auch das Verhalten

Verstehen, wie die florale oder die Honigtauherkunft die Zusammensetzung und das Verhalten des Honigs beeinflusst, mit der Melezitose als Sonderfall.

Die Herkunft des Honigs bestimmt nicht nur seine Farbe, sein Aroma oder seinen Geschmack. Sie beeinflusst auch seine chemische Zusammensetzung und damit sein physikalisches Verhalten. Die wichtigste Unterscheidung stellt die überwiegend aus Blütennektar stammenden Honige den Honigtauhonigen gegenüber. Im ersten Fall tragen die Bienen unmittelbar ein pflanzliches Sekret ein, das von den Nektarien erzeugt wird; im zweiten nutzen sie zuckerhaltige Flüssigkeiten, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Schnabelkerfen (Hemiptera) stehen, welche sich vom Pflanzensaft ernähren. Beide Wege führen nach der Umwandlung durch die Bienen zu Honig, doch sie gehen nicht vom selben Rohstoff aus. Die anfänglichen Unterschiede bei Zuckern, Mineralstoffen und weiteren Bestandteilen finden sich daher zumindest teilweise im Endprodukt wieder (Pita-Calvo & Vázquez, 2017; Seraglio et al., 2019).

6.1 Zwei Gruppen, die sich überschneiden

Auf der Ebene grosser Probenkollektive weisen Honigtauhonige in der Regel eine höhere elektrische Leitfähigkeit auf als viele Blütenhonige. Diese Eigenschaft hängt mit ihrem höheren Gehalt an ionischen Substanzen zusammen, insbesondere an Mineralstoffen und organischen Säuren, und erklärt, weshalb die Leitfähigkeit ein nützliches analytisches Kriterium für ihre Charakterisierung ist. Auch ihr pH-Wert ist häufig höher, wenngleich sie saure Lebensmittel bleiben. Honigtauhonige sind oft dunkler und können höhere Gehalte an bestimmten phenolischen oder stickstoffhaltigen Verbindungen aufweisen. Diese Tendenzen sind gut dokumentiert, bilden aber keine absoluten Grenzen: Bestimmte dunkle Blütenhonige wie Kastanienhonig können Merkmale aufweisen, die denjenigen mancher Honigtauhonige nahekommen, während sich die Verteilungen bei mehreren Parametern überschneiden (Pita-Calvo & Vázquez, 2017).

Das Zuckerprofil ist besonders wichtig, weil es die Herkunft des Honigs unmittelbar mit seinen physikalischen Eigenschaften verbindet. Blütenhonige werden in der Regel von Fructose und Glucose dominiert, doch ihre Anteile schwanken je nach Pflanzenart stark. Honigtauhonige enthalten diese beiden Monosaccharide ebenfalls, weisen aber oft einen höheren Anteil an Di-, Tri- und Oligosacchariden auf. Ihre Zusammensetzung spiegelt zugleich den Pflanzensaft, den Stoffwechsel des Honigtau erzeugenden Insekts und die anschliessenden Umwandlungen durch die Bienen wider. Diese Abfolge von Schritten erklärt, weshalb bestimmte Zucker zu nützlichen Herkunftsmarkern werden können und zugleich unmittelbare Folgen für die Viskosität, die Löslichkeit und die Kristallisation des Produkts haben.

Die grossen harmonisierten Studien zu den europäischen Honigen zeigen, dass es daher sachgerechter ist, von charakteristischen Profilen als von festen Werten zu sprechen. Ein Sortenhonig ist nicht durch ein einzelnes Molekül oder eine einzelne Zahl definiert, sondern durch eine stimmige Kombination pollenanalytischer, physikalisch-chemischer und sensorischer Kriterien. Das Programm der International Honey Commission hat so gezeigt, dass die wichtigsten europäischen Sortenhonige charakteristische Verteilungen für Parameter wie Leitfähigkeit, Zucker, Säure oder bestimmte Enzymaktivitäten aufweisen, mit gleichwohl bestehenden Überschneidungsbereichen zwischen den Honigtypen (Persano Oddo & Piro, 2004). Die botanische Herkunft lässt sich somit nicht wie ein einfacher chemischer Strichcode ablesen: Sie wird über das Zusammenlaufen mehrerer Hinweise rekonstruiert.

Der Fall der Melezitose veranschaulicht diesen Zusammenhang zwischen Herkunft und Verhalten besonders gut. Melezitose ist ein Trisaccharid, das vor allem in bestimmten Honigtauarten vorkommt. Ihr Vorhandensein ist nicht für alle Honigtauhonige kennzeichnend, und ihre Konzentration kann je nach den erzeugenden Insekten, den Wirtspflanzen, der Jahreszeit und den Trachtverhältnissen stark schwanken. Es wäre daher falsch, den Honigtauhonig als einen Honig darzustellen, der stets einen hohen Melezitoseanteil enthält. In bestimmten Situationen wird dieser Zucker jedoch so häufig, dass er die Kristallisation des Honigs tiefgreifend verändert.

Diese Besonderheit beruht auf seinen Löslichkeitseigenschaften und auf seiner Wechselwirkung mit dem übrigen Zuckergemisch. Ist der Melezitoseanteil hoch, kann die Kristallisation sehr rasch einsetzen, mitunter bereits in den Wabenzellen. Der Honig verliert dann seine Fliessfähigkeit, noch bevor der Imker ihn auf normalem Weg schleudern kann. Die Kristalle bilden sich in der Honigmasse und machen es äusserst schwierig, den Zellinhalt durch Zentrifugation auszuschleudern. Diese Situation wird gemeinhin als «Zementhonig» oder als Melezitosehonig bezeichnet. Sie zeigt auf besonders eindrückliche Weise, dass eine Veränderung einiger weniger Elemente des Kohlenhydratprofils nicht nur die Textur des Endprodukts, sondern auch die gesamte Logik der Ernte und der Verarbeitung umwälzen kann.

6.2 Melezitose – wenn die Zuckerchemie zum Betriebsproblem wird

Die Ursachenkette lässt sich so zusammenfassen: Honigtauquelle → besonderes Zuckerprofil → hoher Melezitosegehalt → veränderte Löslichkeits- und Übersättigungsverhältnisse der Matrix → starke Neigung zu rascher Kristallisation → Kristallisation in den Waben → schwierige oder unmögliche Schleuderung. Die verhältnismässig begrenzte Löslichkeit der Melezitose und ihre Wechselwirkungen mit den übrigen Zuckern tragen zu diesem Verhalten bei, doch die Kinetik hängt von der gesamten Matrix ab. Das Vorhandensein von Melezitose ist weder eine Verfälschung noch ein Reifungsmangel: Es handelt sich um ein natürliches Merkmal bestimmter Honigtautrachten. Für den Imker ist das Problem zunächst technologischer Art — ein durchaus natürlicher Honig von guter Qualität kann mit den üblichen Methoden praktisch nicht mehr schleuderbar sein — und, wie weiter unten zu sehen sein wird, können sehr melezitosereiche Vorräte den Bienen während der Überwinterung zusätzlich ein physiologisches Problem bereiten. Die chemische Zusammensetzung bestimmt somit nicht nur, was Honig ist, sondern auch, was der Imker damit tun kann.

Diese Kristallisation darf allerdings nicht mit derjenigen eines gewöhnlichen glucosereichen Honigs verwechselt werden. In beiden Fällen spielen die Löslichkeit der Zucker und der Übersättigungszustand eine zentrale Rolle, doch das besondere Kohlenhydratprofil melezitosereicher Honigtauarten verändert Kinetik und Struktur des Phänomens erheblich: Die Textur wird sehr kompakt, und das Fest­werden kann eintreten, während sich der Honig noch in den Waben befindet. Die Melezitose steht damit genau am Scharnier der vorangehenden Kapitel, zwischen trophischer Herkunft, Zuckerchemie und Kristallisationsphysik.

Sie zeigt auch, weshalb eine blosse Einteilung in «floral» und «Honigtau» nicht immer genügt, um das Verhalten eines Honigs vorherzusehen. Zwei Honigtauhonige können je nach beteiligten Pflanzen und Insekten sehr unterschiedliche Profile aufweisen. Der eine bleibt verhältnismässig fliessfähig und leicht schleuderbar; der andere kristallisiert rasch. Ebenso können bestimmte Blütenhonige aufgrund ihres Glucosereichtums äusserst rasch kristallisieren, ohne nennenswerte Mengen Melezitose zu enthalten. Die Herkunft liefert somit eine wesentliche Information, ersetzt aber weder die Analyse des Zuckerprofils noch die Beobachtung des tatsächlichen Trachtverlaufs.

Die Melezitose ist indessen nicht nur ein technologisches Problem für den Imker. Experimentelle Daten weisen darauf hin, dass eine melezitosereiche Ernährung auch die Physiologie der Bienen unmittelbar beeinträchtigen kann. In drei unabhängigen Fütterungsversuchen im Käfig nahmen die Bienen, die Melezitose erhielten, mehr Nahrung auf, wiesen ein höheres Darmgewicht und eine erhöhte Mortalität auf als die Kontrolltiere, die eine Kontrollzuckerlösung ohne Melezitose erhielten. Ausgeprägte Symptome, insbesondere ein aufgeblähtes Abdomen, eine abnorme Abdomenhaltung und Bewegungsstörungen, wurden ebenfalls beobachtet. Zudem war die Zusammensetzung der Milchsäurebakterien im Darm verändert (Seeburger et al., 2020).

Die Ergebnisse legen nahe, dass Melezitose nur teilweise und verhältnismässig langsam verstoffwechselt wird. Ein Teil kann von der Biene oder ihrem Mikrobiom umgewandelt werden, doch diese Fähigkeit scheint bei hoher Aufnahme nicht auszureichen: Der Zucker kann sich dann im Enddarm ansammeln (Seeburger et al., 2020). Diese Eigenschaft wird während der Überwinterung besonders bedeutsam. Die Bienen vermeiden es normalerweise, im Stock zu koten, und sind auf Reinigungsflüge angewiesen, um den Darminhalt zu entleeren. Wenn lange Kälteperioden diese Flüge verunmöglichen, erhöht eine schwer verdauliche Nahrung die Darmbelastung und kann Verdauungsstörungen, Ruhr und eine erhöhte Mortalität begünstigen.

Die Daten auf Volksebene sind weniger unmittelbar als die Käfigversuche. Eine österreichische Erhebung an 33'651 Völkern hat gleichwohl gezeigt, dass das Vorliegen einer Melezitosetracht signifikant mit höheren Winterverlusten verbunden war, während eine Honigtautracht im Allgemeinen diesen Zusammenhang nicht aufwies (Oberreiter & Brodschneider, 2020). Diese Unterscheidung legt nahe, dass die Überwinterungsprobleme, die herkömmlich pauschal dem Honigtauhonig zugeschrieben werden, nicht allein durch dessen höheren Mineralstoffgehalt erklärt werden können. Die Melezitose besitzt aller Wahrscheinlichkeit nach eine eigene physiologische Wirkung, auch wenn bislang kein kontrollierter Versuch auf der Ebene ganzer Völker deren Beitrag genau quantifiziert hat.

Das Melezitoseproblem hat somit zwei unterschiedliche, aber zusammenhängende Dimensionen: Während der Ernte ist ihr besonderes Löslichkeits- und Übersättigungsprofil mit einer raschen Kristallisation in den Waben verbunden und macht aus der Zuckerchemie ein technologisches Problem; während der Überwinterung kann ihre schlechte Verdaulichkeit dieselbe chemische Besonderheit in eine physiologische Belastung für die Bienen verwandeln.

Der Umgang mit der Melezitose ist besonders in den Waldgebieten Mitteleuropas von Bedeutung, wo Honigtautrachten einen erheblichen Teil der Produktion ausmachen können. Er zeigt auch die Grenzen eines Ansatzes, der die Honigqualität allein anhand einiger rechtlicher Parameter beurteilen würde. Ein Honig kann die üblichen chemischen Kriterien einhalten und aufgrund seines Zuckerprofils dennoch ein erhebliches technologisches Problem darstellen. Umgekehrt sagt seine rasche Kristallisation nichts Negatives über seine Echtheit aus: Sie kann gerade die Folge seiner natürlichen Herkunft sein.

Die Betrachtung der Blüten- und der Honigtauhonige lässt somit ein allgemeineres Prinzip erkennen. Der Rohstoff bestimmt einen Teil der Zusammensetzung, diese Zusammensetzung beeinflusst die physikalischen Eigenschaften, und diese Eigenschaften bestimmen ihrerseits, wie der Honig geerntet, gelagert und verarbeitet werden kann. Farbe und Aroma sind der unmittelbar wahrnehmbare Teil der Herkunft; das Verhalten des Honigs ist ein weiterer, weniger sichtbarer, aber ebenso wichtiger Ausdruck davon. Die Melezitose ist dafür der Extremfall: Sie macht den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Trachtökologie, Zuckerchemie und Honigphysik bis in die tägliche Arbeit des Imkers hinein sichtbar.

7. Wie Zeit, Wärme und Lagerung den Honig verändern

Verstehen, wie Zeit, Temperatur, Lagerung und Verarbeitungsschritte die Honigqualität nach und nach verändern.

Ein grosser Teil der Diskussionen über das Erwärmen von Honig dreht sich um eine vermeintlich kritische Temperatur: 35 °C, 40 °C oder 45 °C, je nach Quelle. Diese Denkweise ist verlockend, weil sie eine einfache Regel liefert, doch sie entspricht nicht der Art, wie chemische und enzymatische Reaktionen tatsächlich ablaufen. Die Honigqualität wird nicht dadurch bestimmt, dass eine bestimmte Temperatur überschritten wurde; sie hängt vom Zusammenspiel von Zeit, Temperatur, Zusammensetzung des Honigs und dem Parameter ab, den man erhalten will. Einige Minuten bei verhältnismässig hoher Temperatur bewirken nicht zwingend dasselbe wie mehrere Tage bei tieferer Temperatur, und zwei verschiedene Honige können auf dieselbe Wärmeeinwirkung unterschiedlich reagieren. Die thermische Geschichte des Honigs ist daher als kumulative Belastung zu denken und nicht als Überschreitung einer einzigen Grenze (Tosi et al., 2002, 2008; Manickavasagam et al., 2024).

7.1 Das HMF: was die Zahl erzählt

Hydroxymethylfurfural, kurz HMF, veranschaulicht dieses Prinzip besonders gut. Es entsteht insbesondere aus den Zuckern während der Alterung und unter Wärmeeinwirkung, in einem sauren Milieu wie dem Honig. Seine Konzentration nimmt daher mit der Zeit und mit der Temperatur tendenziell zu, doch die Bildungsgeschwindigkeit hängt auch vom pH-Wert, vom Zuckerprofil, vom Wassergehalt und von der botanischen Herkunft ab. Ein sehr frischer Honig enthält in der Regel wenig HMF; ein lange gelagerter oder stark wärmebelasteter Honig enthält mehr davon. Eine HMF-Messung erlaubt es jedoch nicht, die genaue Geschichte des Produkts zu rekonstruieren. Dieselbe Konzentration kann von einer verhältnismässig langen Lagerung bei mässiger Temperatur oder von einer kürzeren und intensiveren Erwärmung herrühren. HMF ist somit ein Marker der thermischen Geschichte und der Alterung, kein Thermometer, das die erreichte Höchsttemperatur anzeigen könnte.

 

7.2 Die Enzyme entwickeln sich in umgekehrter Richtung

Die Enzyme liefern eine ergänzende Information, weil sie sich in die entgegengesetzte Richtung entwickeln. Die Diastase wird seit Langem als Qualitätsindikator verwendet: Ihre Aktivität nimmt bei der Lagerung und unter Wärmeeinwirkung fortschreitend ab. Die Invertase ist gegenüber Wärmeeinwirkung oft noch empfindlicher und kann in bestimmten Zusammenhängen eine Veränderung früher anzeigen. Es wäre allerdings falsch, diese Enzyme als allgemeingültige Zeitmesser zu betrachten. Ihre Ausgangsaktivität schwankt je nach Honig stark, und manche Typen weisen von Natur aus eine geringere Diastaseaktivität auf als andere. Ein tiefer Wert kann daher eine ungünstige thermische Geschichte widerspiegeln, aber ebenso gut ein natürliches Merkmal des Produkts sein. Umgekehrt garantiert eine noch hohe Aktivität nicht, dass alle übrigen Eigenschaften des Honigs erhalten geblieben sind.

Die Glucoseoxidase verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie die thermische Geschichte unmittelbar mit den antimikrobiellen Eigenschaften des Honigs verbindet. Wie bei vielen Enzymen kann ihre Aktivität durch Wärme und längere Lagerung abnehmen. Die Fähigkeit des Honigs, nach Verdünnung Wasserstoffperoxid zu bilden, kann dann vermindert sein. Diese Reaktion fällt jedoch von Honig zu Honig unterschiedlich aus und lässt sich nicht auf eine einzige Temperatur zurückführen, ab der das Enzym plötzlich zerstört würde. Der Aktivitätsverlust verläuft fortschreitend und hängt von der Zeit und von der Matrix ab. Deshalb sind Behauptungen des Typs «über 40 °C werden alle Enzyme des Honigs zerstört» wissenschaftlich nicht haltbar.

7.3 Aroma und Farbe

Die frühesten Veränderungen sind im Übrigen nicht zwangsläufig diejenigen, die HMF oder Diastase erfassen. Die für das Aroma verantwortlichen flüchtigen Verbindungen reagieren empfindlich auf Temperatur, Sauerstoff und Lagerdauer: Einige verflüchtigen sich, andere werden abgebaut oder gehen neue Reaktionen ein. Ein Honig kann daher einen Teil seiner Aromafrische verlieren, während seine rechtlich massgebenden Parameter einwandfrei konform bleiben. Die Unterscheidung ist wichtig, denn Rechtskonformität ist nicht gleichbedeutend mit einer maximalen Erhaltung der sensorischen Qualität: Ein Honig, der gerade so weit erwärmt wurde, dass er innerhalb der rechtlichen Grenzwerte bleibt, ist aromatisch nicht zwangsläufig identisch mit einem frisch geernteten und wenig bearbeiteten Honig.

Diese innere Entwicklung ist von der Aufnahme äusserer Gerüche zu unterscheiden. Der grösste Teil der während der Lagerung beobachteten Aromaveränderungen beruht auf dem Verlust honigeigener Verbindungen und auf der Bildung von Abbauprodukten, nicht auf einer Kontamination aus der Umgebung (Castro-Vázquez et al., 2008, 2012; Manickavasagam et al., 2024). Eine ungewöhnliche Note in einem gelagerten Honig ist somit häufiger ein Alterungsmarker als ein von aussen aufgenommener Geruchsstoff. Der dokumentierte Fall einer Übertragung aus einem Gebinde wird in Kapitel 13 behandelt.

Mit Zeit und Wärme kann sich auch die Farbe verändern. Die Maillard-Reaktionen, an denen insbesondere reduzierende Zucker und stickstoffhaltige Verbindungen beteiligt sind, tragen zur Bildung neuer Pigmente und Aromamoleküle bei. Der Honig kann fortschreitend nachdunkeln, während bestimmte natürliche Substanzen abgebaut und andere gebildet werden. Diese Reaktionen erklären einen scheinbaren Widerspruch, der in Studien häufig anzutreffen ist: Nach dem Erwärmen nehmen bestimmte chemische Tests zur «antioxidativen Aktivität» wie DPPH oder FRAP mitunter ab, können aber auch zunehmen. Ein Anstieg dieser Werte bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Honig gesundheitlich vorteilhafter geworden wäre; er kann schlicht die Bildung von Maillard-Produkten widerspiegeln, die im analytischen Test reagieren können. Die DPPH- und FRAP-Tests messen eine chemische Kapazität unter Laborbedingungen, keine klinische Wirkung beim Menschen.

Das Licht ist ein eigenständiger Faktor, der oft mit der Wärme verwechselt wird, weil eine Sonnenexposition beides zugleich mit sich bringt. Dort, wo beide getrennt wurden, bleiben Temperatur und Dauer die wichtigsten Triebkräfte der HMF-Bildung und des Verlusts an Diastaseaktivität. Die am besten dokumentierten lichtspezifischen Wirkungen betreffen die Farbe, die phenolischen Verbindungen und die Tests zur antioxidativen Aktivität: Eine mehrtägige Sonnenexposition verringert die Gesamtphenole, die Flavonoide und mehrere Messgrössen der antioxidativen Aktivität (Yalçın, 2021), und eine einjährige Lagerung in durchsichtigem Glas unter natürlichem Licht hat dieselben Parameter stark absinken lassen, besonders bei einem Akazienhonig (Šarić et al., 2012).

Dagegen dokumentiert keine Studie einen Abbau der Aromastoffe, der spezifisch dem Licht und unabhängig von der Wärme zuzuschreiben wäre. Die verbreitete Behauptung, das Licht «zerstöre die Aromen» des Honigs, ist somit nicht belegt; belegt ist der oben beschriebene Verlust durch Wärme und Zeit.

Verpackungsvergleiche liefern widersprüchliche Ergebnisse. Undurchsichtige Gebinde verringerten über zwölf Monate die Farbveränderungen und die allgemeine Verschiebung der physikalisch-chemischen Parameter gegenüber durchsichtigen Flaschen (Idris et al., 2021), während ein anderer Zwölfmonatsvergleich zwischen hellem Glas, dunklem Glas und Metallbehälter keine signifikanten Unterschiede bei HMF, Diastase, Gesamtphenolen oder Katalaseaktivität fand, trotz einer allgemeinen Verschlechterung im Lauf der Zeit (Yiğit et al., 2024). Diese Studien messen selten die tatsächliche Lichtdosis oder die im Gebinde erreichte Temperatur, was ihren Wert als photochemische Prüfung begrenzt. Den Honig vor Licht zu schützen bleibt sinnvoll, doch der zu erwartende Nutzen ist aller Wahrscheinlichkeit nach geringer als derjenige einer Beherrschung von Temperatur und Lagerdauer.

Diese Logik gilt auch für die Lagerung ohne absichtliches Erwärmen. Ein Honigglas, das mehrere Monate in einem kühlen und dunklen Raum aufbewahrt wird, folgt nicht demselben Verlauf wie ein Honig, der in einem warmen Raum, in einem Fahrzeug oder in der Nähe einer Wärmequelle gelagert wird. Selbst Temperaturen, die mässig erscheinen, können bei hinreichend langer Einwirkung die HMF-Bildung beschleunigen, bestimmte Enzymaktivitäten vermindern und das Aromaprofil verändern. Die Zeit ist somit ein eigenständiger Bestandteil der Qualität. Ein Honig, der im imkerlichen Sinn nie «erwärmt» wurde, kann eine hohe Wärmebelastung erfahren haben, schlicht weil er zu lange bei ungünstiger Temperatur gelagert wurde.

Die Verflüssigung eines kristallisierten Honigs ist der Arbeitsschritt, bei dem der Imker am unmittelbarsten in die thermische Geschichte seines Produkts eingreift. Der Zweck ist technologisch: den Honig so fliessfähig zu machen, dass er umgefüllt, abgefüllt, gesiebt oder bearbeitet werden kann. Je stärker er erwärmt wird, desto rascher verläuft die Verflüssigung — doch mit dem Prozess beschleunigen sich auch die Veränderungsreaktionen. Es geht daher darum, einen Kompromiss zwischen technologischer Wirksamkeit und Produkterhaltung zu finden: Eine tiefere Temperatur erfordert mehr Zeit, eine höhere Temperatur verkürzt die nötige Dauer, erhöht aber die Geschwindigkeit der chemischen und enzymatischen Reaktionen.

Dieselben Grundsätze gelten für wiederholtes Erwärmen. Ein erster, mässiger Verflüssigungszyklus mag nur eine begrenzte Wirkung haben, doch jede weitere Exposition kommt zur bisherigen Geschichte hinzu. Es gibt keine allgemeingültige wissenschaftliche Zahl «zulässiger» Verflüssigungen vor dem Qualitätsverlust. Der massgebende Begriff ist die kumulative Wärmebelastung. Das spricht für eine Arbeitsorganisation, die es vermeidet, den gesamten Bestand jedes Mal zu erwärmen, wenn eine kleine Menge abgefüllt werden soll. Eine chargenweise Bewirtschaftung mit bedarfsgerechten Mengen begrenzt wiederholte Expositionen von selbst.

Die Mikrowelle ist ein weiteres, mit Überzeugungen befrachtetes Thema. Die experimentellen Studien zeigen nicht, dass die Mikrowellenerwärmung systematisch schädlicher oder schonender wäre als die herkömmliche Erwärmung. Je nach Leistung, Dauer, Volumen, Honigtyp und tatsächlich erreichter Temperatur können kurze, optimierte Behandlungen bestimmte Wärmeschäden begrenzen, während andere Vorgehensweisen die HMF-Bildung beschleunigen oder empfindliche Bestandteile vermindern. Zudem kann die Erwärmung in einem viskosen Produkt ungleichmässig verlaufen und Hitzestellen erzeugen. Die Technologie lässt sich daher nicht unabhängig vom tatsächlich angewandten Zeit-Temperatur-Profil und von der Gleichmässigkeit der Erwärmung beurteilen (Kowalski, 2013; Al-Ghzawi et al., 2026).

7.4 Vom Bienenstand ins Verkaufsregal – was verändert die Verarbeitung des Honigs tatsächlich?

Zwischen der Schleuderung und dem im Detailhandel verkauften Glas kann der Honig sehr unterschiedliche Wege durchlaufen. Ein Imker kann ihn absetzen lassen, ihn grob sieben, um Wachsteilchen und andere Partikel zu entfernen, und ihn anschliessend mit verhältnismässig wenigen Eingriffen in Gläser abfüllen. In grösserem Massstab müssen die Chargen häufig so fliessfähig gemacht werden, dass sie gepumpt und gemischt werden können, danach werden sie homogenisiert, geklärt oder gesiebt, allenfalls erwärmt, um das Abfüllen zu erleichtern oder die Kristallisation hinauszuzögern, bevor sie transportiert und mitunter über lange Zeiträume gelagert werden. Es ist daher genauer, von wenig verarbeitetem Honig und von industriell abgefülltem Honig zu sprechen, als schlicht einen «Imkerhonig» einem «Handelshonig» gegenüberzustellen, da beide in Verkehr gebrachte Produkte sind.

Diese Arbeitsschritte machen aus dem Honig in der Regel kein chemisch anderes Lebensmittel: Seine dominierende Fraktion besteht weiterhin aus Fructose, Glucose und Wasser, und mässige Behandlungen verändern die Gesamtzusammensetzung der Zucker verhältnismässig wenig. Empfindlicher sind vielmehr die Enzyme, bestimmte Aromastoffe, die Farbe und verschiedene Nebenbestandteile. Wenn die Wärmebelastung zunimmt, kann die Aktivität von Diastase, Invertase oder Glucoseoxidase abnehmen, während die HMF-Konzentration steigt, und flüchtige Verbindungen können verloren gehen oder umgewandelt werden. Diese Wirkungen hängen, wie oben erläutert, vom Zusammenspiel Zeit × Temperatur × Zusammensetzung des Honigs ab und nicht schlicht davon, dass ein Produkt «industriell behandelt» wurde (Subramanian et al., 2007; da Silva et al., 2016; Manickavasagam et al., 2024).

Die Filtration verlangt eine vergleichbare Unterscheidung. Eine grobe Filtration oder Siebung entfernt hauptsächlich Wachsteilchen, Rückstände und andere unerwünschte Partikel und erhält dabei den grössten Teil des Pollens. Eine sehr viel feinere Filtration und vor allem eine Ultrafiltration kann dagegen die Menge an Pollen und Schwebstoffen stark verringern. Das verändert die Hauptzucker kaum, kann aber die Bestimmung der botanischen oder geografischen Herkunft mittels Melissopalynologie erschweren. Zu sagen, «das Filtrieren entziehe dem Honig seine wertvollen Substanzen», ist daher zu pauschal: Die Wirkung hängt stark vom Grad der Filtration ab und betrifft vor allem die zurückgehaltenen Partikel, darunter den Pollen (Subramanian et al., 2007; Soares, Amaral, et al., 2017).

Das Mischen mehrerer Chargen ist eine weitere Veränderung, die weniger chemischer als sensorischer und informativer Natur ist. Die Vereinheitlichung von Honigen aus verschiedenen Bienenständen, Jahren oder mitunter Ländern erlaubt eine gleichbleibendere Farbe, einen gleichbleibenderen Geschmack und eine gleichbleibendere Konsistenz. Diese Standardisierung kann jedoch die Eigenheiten eines Terroirs oder einer bestimmten floralen Herkunft abschwächen. Sie kann auch die Auslegung bestimmter Herkunftsmarker erschweren, da das Endprodukt den Mittelwert mehrerer unterschiedlicher Profile darstellt. Der Honig bleibt echt, wenn jeder Bestandteil der Definition von Honig entspricht und die Kennzeichnung korrekt ist; das Mischen ist für sich genommen keine Verfälschung (Subramanian et al., 2007; Soares, Amaral, et al., 2017).

Auch die in grossem Massstab eingesetzten Wärmebehandlungen verfolgen legitime technologische Ziele. Eine verringerte Viskosität erleichtert das Pumpen und das Abfüllen; das Auflösen von Mikrokristallen kann eine sichtbare Kristallisation hinauszögern; eine hinreichend intensive Wärmebehandlung kann die Belastung mit osmophilen Hefen senken und die Stabilität bestimmter Chargen verbessern. Der Preis dafür ist eine zusätzliche Wärmebelastung. Je stärker oder häufiger sie ausfällt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Aromen und Enzymaktivität zu verlieren und HMF zu bilden. Die industrielle Verarbeitung ist somit ein Kompromiss zwischen Verarbeitbarkeit, Gleichmässigkeit, Marktstabilität und grösstmöglicher Erhaltung der Merkmale frischen Honigs (Subramanian et al., 2007; Soares, Amaral, et al., 2017).

Die in der Handelskette verstrichene Zeit kann letztlich ebenso bedeutsam sein wie der Abfüllvorgang selbst. Ein wenig erwärmter, aber über lange Zeiträume bei hoher Temperatur transportierter oder gelagerter Honig kann mehr HMF ansammeln und mehr Enzymaktivität verlieren als ein kurz erwärmter und anschliessend gut gelagerter Honig. Die Frischeanalysen geben somit Auskunft über eine kumulierte Geschichte von Verarbeitung und Lagerung und nicht über einen einfachen Gegensatz zwischen «industriellem» und «natürlichem» Honig (da Silva et al., 2016; Manickavasagam et al., 2024).

7.5 Kann man mit Honig kochen?

Die Behauptung, Honig dürfe «nie erwärmt werden», vermengt zwei verschiedene Fragen: die bestmögliche Erhaltung der Merkmale eines frischen Honigs und die Sicherheit eines in der Küche verwendeten Lebensmittels. Wärme verändert den Honig fortschreitend, doch die verfügbaren Daten zeigen nicht, dass eine normale kulinarische Verwendung ihn in ein für den Menschen spezifisch giftiges Lebensmittel verwandelt. Es sind vor allem bestimmte Qualitätsmarker und empfindliche Bestandteile, die sich verändern: Die Enzymaktivität nimmt ab, Aromastoffe gehen verloren oder werden umgewandelt, und die HMF-Konzentration steigt mit der Intensität und der Dauer der Wärmebehandlung (Subramanian et al., 2007; da Silva et al., 2016; Scepankova et al., 2021).

Beim HMF ist hier eine wichtige Unterscheidung angebracht. Seine Bildung nimmt zu, wenn Zucker, besonders Fructose, in einem sauren Milieu wie dem Honig erwärmt werden; ein hoher Gehalt ist daher ein nützlicher Hinweis auf eine Alterung oder eine erhebliche Wärmebelastung des in Verkehr gebrachten Produkts. Doch die rechtlichen Grenzwerte, die der Qualitätskontrolle des Honigs dienen, sind keine Schwellen, ab denen ein gekochtes Lebensmittel giftig würde, wie der Kasten zu diesem Marker erläutert. HMF entsteht im Übrigen in zahlreichen anderen erhitzten Lebensmitteln: Kaffee, Backwaren, Trockenfrüchte oder karamellisierte Zubereitungen. Bis heute ist beim Menschen keine spezifische Toxizität im Zusammenhang mit der normalen kulinarischen Verwendung von Honig belegt (Abraham et al., 2011; Faustino et al., 2026; Scepankova et al., 2021).

Die am deutlichsten wahrnehmbare Veränderung betrifft oft das Aroma. Die Honige verdanken einen wesentlichen Teil ihrer botanischen Identität sehr geringen Mengen flüchtiger Verbindungen: Terpene und ihre Derivate, bestimmte Aldehyde, Alkohole und weitere Verbindungen, die für blumige, fruchtige oder krautige Noten verantwortlich sind, nehmen unter zunehmender Wärmeeinwirkung ab. Studien an verschiedenen Honigen zeigen, dass eine Erwärmung oder eine längere warme Lagerung einen Teil der ursprünglichen Aromasignatur fortschreitend abschwächt (Castro-Vázquez et al., 2008, 2012; Escriche et al., 2009; Machado et al., 2020).

Erwärmen heisst jedoch nicht einfach, das Aroma zu «entfernen». Mit zunehmender Wärmeeinwirkung erzeugen der Zuckerabbau, die Karamellisierung und die Maillard- und Strecker-Reaktionen neue Duftmoleküle, insbesondere Furanverbindungen, Pyranone und Pyrazine. Karamellige, geröstete, malzige oder gekochte Noten können dann einen Teil des ursprünglichen floralen Charakters ersetzen (Serra Bonvehí & Ventura Coll, 2003; Vázquez et al., 2007; Starowicz & Zieliński, 2019). Diese Veränderung ist nicht zwangsläufig unerwünscht: In einem Gebäck, einer Sauce, einer Marinade oder einer Glasur können diese neuen Aromen gerade Teil des angestrebten Ergebnisses sein.

Honig verhält sich in der Küche im Übrigen nicht genau gleich wie Saccharose. Er enthält bereits viel Glucose und Fructose, deren reduzierende Wirkung die Bräunungsreaktionen begünstigt, und sein Wasser sowie seine Hygroskopizität beeinflussen zudem die Textur und die Feuchtigkeitsbindung. Kristallzucker durch Honig zu ersetzen heisst daher nicht bloss, eine Süssungsquelle durch eine andere zu ersetzen: Auch Farbe, Feuchtigkeit, Aroma und Verhalten der Zubereitung können sich verändern (De-Melo et al., 2018; Subramanian et al., 2007).

Die praktische Konsequenz hängt somit vom kulinarischen Ziel ab. Will man den floralen oder sortentypischen Charakter eines bestimmten Honigs erhalten, ist es vorzuziehen, seine Wärmeexposition zu begrenzen und ihn, wo das Rezept es zulässt, spät beizugeben. Diese Empfehlung ist angesichts der Flüchtigkeit der Aromastoffe gut plausibel, auch wenn Versuche, die dasselbe Rezept mit Honigzugabe vor und nach dem Garen unmittelbar vergleichen, selten bleiben. Sucht man umgekehrt karamellige, geröstete oder gekochte Noten, kann das Erwärmen des Honigs fester Bestandteil der gewünschten kulinarischen Umwandlung sein.

Es ist daher nicht gerechtfertigt zu behaupten, ein erwärmter Honig werde automatisch «giftig»: Er wird fortschreitend zu einer sensorisch und funktional anderen Zutat. Je intensiver das Garen, desto mehr beruht seine Rolle auf den Zuckern, der Süsse, der Färbung, der Textur und den thermisch entstandenen Aromen und desto weniger auf den Enzymen und der Aromasignatur frischen Honigs.

Die Qualität des Honigs nach der Ernte ist somit das Ergebnis einer Geschichte und nicht eines einzelnen Ereignisses. Die Alterung beginnt, sobald das Produkt existiert, auch wenn es nie absichtlich erwärmt wird. Die Temperatur beschleunigt oder verlangsamt diese Entwicklung, während die Ausgangszusammensetzung des Honigs seine Empfindlichkeit bestimmt. HMF, Diastase, Invertase, Glucoseoxidase, Farbe und Aromastoffe eröffnen je einen anderen Zugang zu dieser Geschichte, doch keiner davon fasst sie für sich allein zusammen. Um das Produkt bestmöglich zu erhalten, ist daher die Suche nach einer magischen Zahl aufzugeben und in den Kategorien Zeit, Temperatur, technologisches Ziel und zu erhaltende Qualität zu denken.

8. Mikrobiologie und antimikrobielle Wirkung – stabil, aber nicht steril

Mikrobiologische Stabilität, Vorhandensein von Mikroorganismen und antimikrobielle Wirkung voneinander unterscheiden und anschliessend die wichtigsten beteiligten Mechanismen verstehen.

Honig weist eine mikrobiologische Situation auf, die widersprüchlich erscheinen mag. Er vermag zahlreiche Mikroorganismen stark zu hemmen und besitzt in Laborversuchen eine bisweilen bemerkenswerte antibakterielle Wirkung; dennoch ist er nicht steril. Hefen, Schimmelpilze, verschiedene Bakterien und vor allem bakterielle Sporen können darin nachgewiesen werden. Dieses Nebeneinander erklärt sich, wenn man das Vorhandensein eines Mikroorganismus von seiner Fähigkeit zur Vermehrung unterscheidet. Die physikalisch-chemischen Eigenschaften reifen Honigs schaffen eine für viele Arten sehr ungünstige Umgebung, doch sie zerstören nicht zwangsläufig alle Mikroorganismen, die vor, während oder nach der Ernte in ihn gelangt sind (Snowdon & Cliver, 1996; Luca et al., 2024).

8.1 Das Mikrobiom des Honigs

Das Mikrobiom des Honigs stammt aus vielfältigen Quellen: Nektar und Honigtau, Pollen, Verdauungstrakt und Körperoberfläche der Bienen, Staub, Boden, Luft, Imkereimaterial und Handhabungen nach der Ernte. Die Mengen kultivierbarer Mikroorganismen sind in einem sachgerecht geernteten und gelagerten reifen Honig in der Regel gering, gerade weil seine hohe Zuckerkonzentration und seine geringe Wasseraktivität ihre Vermehrung begrenzen. Technologisch am bedeutsamsten sind die osmotoleranten Hefen, insbesondere bestimmte Arten von Zygosaccharomyces, die sich bei sehr viel geringeren Wasseraktivitäten entwickeln können als die meisten Bakterien. Sobald genügend Wasser verfügbar wird, können sie die Zucker vergären und dabei namentlich Ethanol und Kohlendioxid bilden. Die Mikrobiologie des Honigs steht somit in unmittelbarem Zusammenhang mit den im vorangehenden Kapitel beschriebenen physikalischen Mechanismen: Wassergehalt, Wasseraktivität, Kristallisation und Phasentrennung sind keine von der Gärung unabhängigen Phänomene (Snowdon & Cliver, 1996; Luca et al., 2024).

8.2 Die Sporen: ein Sonderfall

Die bakteriellen Sporen stellen einen anderen Fall dar. Eine Spore ist eine äusserst widerstandsfähige Überdauerungsform, die nicht mit einer wachsenden Bakterienzelle zu verwechseln ist. Die geringe Wasseraktivität des Honigs kann die Keimung und die Vermehrung eines Bakteriums verhindern, ohne dessen Spore zu beseitigen. Das Prinzip ist grundlegend: Wachstumshemmung bedeutet nicht Zerstörung der Sporen. Honig kann daher mikrobiologisch sehr stabil sein und zugleich ruhende Formen enthalten, die über lange Zeiträume überleben können. Diese Unterscheidung wird im Kapitel zur Lebensmittelsicherheit besondere Bedeutung erlangen; an dieser Stelle genügt es festzuhalten, dass ein antimikrobielles Produkt nicht zwangsläufig ein steriles Produkt ist (Snowdon & Cliver, 1996).

8.3 Mechanismen, die zusammenwirken

Die antimikrobielle Wirkung des Honigs selbst beruht auf mehreren gleichzeitig wirkenden Mechanismen. Im konzentrierten Honig spielen der hohe osmotische Druck und die geringe Wasseraktivität eine massgebende Rolle. Mikrobielle Zellen in einer solchen Umgebung verlieren Wasser, und ihr Stoffwechsel wird stark gestört. Die Säure bildet eine zweite Barriere: Der tiefe pH-Wert vieler Honige schafft für zahlreiche Bakterien ungünstige Bedingungen. Diese Wirkungen sind der konzentrierten Matrix eigen und erklären einen grossen Teil der natürlichen Stabilität des Produkts. Sie genügen jedoch nicht, um die gesamte beobachtete Wirkung zu erklären. Als Kwakman et al. (2010) einen Medizinalhonig mit einer Zuckerlösung gleicher Zusammensetzung verglichen, behielt der Honig eine bakterizide Wirkung bei Konzentrationen, bei denen die Osmolarität allein nicht mehr ausreichte. Weitere antimikrobielle Komponenten waren daher zur Erklärung des Phänomens erforderlich.

Unter ihnen nimmt das System Glucoseoxidase–Wasserstoffperoxid eine historisch und mechanistisch zentrale Stellung ein. White, Subers und Schepartz (1963) haben gezeigt, dass Honig Glucoseoxidase enthält und dass dieses Enzym Wasserstoffperoxid bilden kann, wenn der Honig verdünnt wird. Im stark konzentrierten Honig ist die Aktivität der Glucoseoxidase deutlich eingeschränkt. Die Zugabe von Wasser erhöht ihre Beweglichkeit und ermöglicht die Oxidation der Glucose bei gleichzeitiger Bildung von Gluconsäure und H₂O₂. Bang, Buntting und Molan (2003) untersuchten acht Honige aus sechs floralen Herkünften und beobachteten, dass die maximale H₂O₂-Anreicherung in der Regel auftrat, wenn der Honig auf etwa 30–50 Volumenprozent verdünnt wurde. Die Beziehung war zwischen den Proben allerdings nicht identisch, was bereits zeigt, wie stark die antimikrobielle Wirkung von Honig zu Honig schwankt.

Diese Schwankung hängt insbesondere vom Gleichgewicht zwischen Bildung und Abbau des Wasserstoffperoxids ab. Die Glucoseoxidase begünstigt seine Entstehung, während die Katalase es zersetzt. Eine Katalaseaktivität ist in unterschiedlichem Ausmass in den Honigen vorhanden und wird namentlich mit Bestandteilen pflanzlicher Herkunft, insbesondere mit dem Pollen, in Verbindung gebracht. Zwei Honige mit vergleichbarer Fähigkeit zur H₂O₂-Bildung können daher unterschiedliche Konzentrationen anreichern, wenn sich ihre Katalaseaktivität unterscheidet. Die tatsächlich gemessene Peroxidmenge ist somit das Ergebnis eines dynamischen Gleichgewichts und nicht die unmittelbare Messung einer festen Menge im Honig enthaltenen «Antiseptikums» (White et al., 1963; Weston, 2000).

Das Licht bildet einen dritten Anfälligkeitsfaktor. White und Subers (1964) haben gezeigt, dass sichtbare Strahlung das System der Peroxidanreicherung zerstören kann, mit maximaler Wirksamkeit zwischen 425 und 525 nm, sofern eine photosensibilisierende Substanz vorhanden ist und das Milieu sauer bleibt. Daher stammt die historische Beschreibung des «Inhibins» als eines Faktors, der sowohl licht- als auch wärmelabil ist.

Diese Lesart bedarf allerdings einer Nuancierung. Neuere Arbeiten zeigen, dass die antibakterielle Wirkung der Konzentration an H₂O₂ und an Polyphenolen besser folgt als der Menge der Glucoseoxidase selbst und dass die Peroxidbildung unabhängig vom Enzym durch Verbindungen pflanzlicher Herkunft vermittelt werden kann (Bucekova et al., 2018; Brudzynski, 2020). Die Kette «das Licht zerstört die Glucoseoxidase, also verschwindet die antibakterielle Wirkung» ist daher für bestimmte Honige plausibel, als allgemeingültiger Mechanismus aber nicht belegt.

Das Wasserstoffperoxid ist indessen nicht der einzige Faktor. Kwakman et al. (2010) haben an einem bestimmten Medizinalhonig experimentell gezeigt, dass die bakterizide Wirkung aus dem Zusammenwirken der Zucker, des H₂O₂, des Methylglyoxals (MGO), des Bee Defensin-1 und der Säure hervorging. Bee Defensin-1 ist ein von der Biene gebildetes antimikrobielles Peptid und kann zur Wirkung bestimmter Honige beitragen. Seine Bedeutung ist jedoch nicht einheitlich.

Das Vorhandensein und die Konzentration der verschiedenen Faktoren schwanken so stark, dass zwei Honige mit vergleichbarer antibakterieller Wirkung diese über unterschiedliche Mechanismen erreichen können. In einem unmittelbaren Vergleich zweier Medizinalhonige haben Kwakman et al. (2011) gezeigt, dass H₂O₂ und Bee Defensin-1 stark zur raschen Wirkung eines der untersuchten Honige beitrugen, während der geprüfte Manukahonig sehr viel stärker auf einer hohen MGO-Konzentration beruhte.

Das Methylglyoxal ist nämlich ein besonderer Mechanismus, der vor allem mit bestimmten Honigen aus Leptospermum, darunter dem Manuka, verbunden ist. Es kann stark zu deren sogenannter nichtperoxidischer antibakterieller Wirkung beitragen. Diese Besonderheit hat mitunter dazu geführt, MGO als «Wirkstoff» des Honigs im Allgemeinen darzustellen, was unzutreffend ist. Zahlreiche Honige besitzen eine erhebliche antibakterielle Wirkung bei sehr wenig MGO, während bei ihnen das H₂O₂-System eine sehr viel wichtigere Rolle spielt. Selbst beim Manuka hebt die Neutralisierung des MGO nicht zwangsläufig jede Wirkung auf, ein Zeichen dafür, dass weitere Faktoren beteiligt bleiben (Kwakman et al., 2011). Es ist daher zutreffender, von unterschiedlichen antimikrobiellen Profilen zu sprechen, als schlicht Honige «mit Peroxid» und «ohne Peroxid» einander gegenüberzustellen.

Die phenolischen Verbindungen und weitere Substanzen pflanzlicher Herkunft können ebenfalls zur antimikrobiellen Wirkung beitragen, doch ihre mengenmässige Rolle schwankt je nach botanischer Herkunft stark und lässt sich nicht auf alle Honige verallgemeinern. Dieselbe Vorsicht gilt für Bee Defensin-1. Das Verdienst der modernen mechanistischen Arbeiten liegt gerade darin, gezeigt zu haben, dass die antibakterielle Wirkung nicht einem einzelnen Molekül zuzuschreiben ist. Die Faktoren verstärken oder kompensieren einander: Eine starke osmotische Wirkung kann mit einer geringen H₂O₂-Bildung einhergehen, ein hoher MGO-Gehalt mit einem geringen Beitrag des Defensin-1 oder umgekehrt. Dieses Zusammenspiel erklärt zum Teil die mitunter sehr grossen Unterschiede, die zwischen Honigen in mikrobiologischen Tests beobachtet werden (Kwakman et al., 2010, 2011; Luca et al., 2024).

Diese Variabilität verlangt schliesslich, drei häufig vermengte Fragen zu unterscheiden. Die erste ist die mikrobiologische Stabilität des Honigs selbst: Können sich darin Mikroorganismen vermehren und ihn vergären oder verderben lassen? Die zweite betrifft seine experimentelle antimikrobielle Wirkung: Bei welcher Konzentration und unter welchen Bedingungen hemmt oder zerstört eine bestimmte Probe im Labor einen Mikroorganismus? Die dritte ist diejenige seiner klinischen Wirksamkeit, die zu klären verlangt, ob die Anwendung oder der Verzehr des Produkts bei einer Patientin oder einem Patienten tatsächlich ein relevantes Ergebnis verbessert. Eine bejahende Antwort auf die zweite Frage liefert nicht automatisch eine bejahende Antwort auf die dritte. Die medizinischen Anwendungen sind daher gesondert und Indikation für Indikation zu beurteilen.

Honig ist somit ein besonders lehrreiches Beispiel für den Unterschied zwischen Stabilität und Sterilität. Die Mechanismen, die ihn unwirtlich machen, zerstören nicht alle mikrobiellen Formen, haben nicht in allen Honigen dasselbe Gewicht und behalten ihre Bedeutung nicht zwangsläufig, wenn man das biologische Milieu vollständig wechselt. Honig kann daher stark antimikrobiell wirken, ohne steril zu sein, und eine im Labor nachgewiesene antimikrobielle Wirkung genügt nicht, um eine therapeutische Wirksamkeit zu belegen.

9. Qualität, Herkunft und Echtheit – ein Wettlauf zwischen Nachweis und Umgehung

Die verschiedenen Dimensionen der Echtheit des Honigs, die Möglichkeiten und Grenzen der Analysemethoden und die Auslegung von Kontrollergebnissen verstehen.

Qualität, Echtheit und Sicherheit des Honigs beantworten drei verschiedene Fragen. Ein Honig kann echt sein und dennoch nach längerer Lagerung einen Teil seiner Qualität verloren haben; er kann die üblichen Zusammensetzungskriterien einhalten und zugleich Gegenstand einer unrichtigen Herkunftsdeklaration sein; und ein wirtschaftlicher Betrug bedeutet nicht zwangsläufig eine gesundheitliche Gefahr. Die Echtheit betrifft daher zunächst die Übereinstimmung zwischen dem, was das Produkt tatsächlich ist, und dem, was über es behauptet wird: Handelt es sich wirklich um Honig, wurden fremde Zucker zugesetzt, ist die angegebene botanische oder geografische Herkunft plausibel, und wurde das Produkt entsprechend der Definition von Honig gewonnen? Sobald diese Fragen unterschieden werden, drängt sich ein Schluss auf: Es gibt keine einzelne chemische Eigenschaft namens «Echtheit» und folglich keinen einzelnen Test, der alle ihre Dimensionen belegen könnte (Almeida-Muradian et al., 2020; Walker et al., 2022a, 2022b). Die jüngere Geschichte des Nachweises zugesetzter Zucker zeigt besonders gut, weshalb.

9.1 Die Isotopenanalyse und ihre Grenzen

Lange Zeit war die Kohlenstoff-Isotopenanalyse eines der robustesten Werkzeuge, um den Zusatz von Sirupen aus C4-Pflanzen, vor allem Mais und Zuckerrohr, nachzuweisen. Diese Pflanzen binden den atmosphärischen Kohlenstoff über einen anderen Photosyntheseweg als die meisten Trachtpflanzen, die C3-Pflanzen sind. Dieser Unterschied hinterlässt eine messbare Isotopensignatur. Die Referenzmethode auf der Grundlage des Verhältnisses der stabilen Kohlenstoffisotope, namentlich die AOAC Official Method 998.12, erlaubt es somit, die Isotopensignatur der Honigzucker mit derjenigen seiner Proteinfraktion zu vergleichen und bestimmte Zusätze von C4-Zuckern nachzuweisen. Dieses Prinzip war ein wesentlicher Fortschritt, weil es nicht nach einem bestimmten Molekül des Sirups suchte: Es nutzte einen grundlegenden Unterschied zwischen Photosynthesewegen.

Doch eine wirksame Methode verändert auch das Verhalten derjenigen, die sie zu umgehen suchen. Maissirupe sind heute für die Verfälschung weniger attraktiv, gerade weil sie mit den klassischen Isotopenmethoden verhältnismässig leicht nachweisbar sind. Das Joint Research Centre der Europäischen Kommission stellt fest, dass Sirupe aus Reis, Weizen oder Zuckerrüben inzwischen häufiger verwendet werden; diese Pflanzen nutzen jedoch, wie die Mehrzahl der Trachtpflanzen, den C3-Photosyntheseweg. Ihre Isotopensignatur liegt daher sehr viel näher bei derjenigen der natürlicherweise im Honig vorhandenen Zucker (Joint Research Centre, 2023). Ein negatives Ergebnis im klassischen Test auf C4-Zucker kann somit belegen, dass eine bestimmte Form der Verfälschung nicht nachgewiesen wurde, doch es belegt für sich allein nicht, dass der Honig echt ist.

9.2 Weshalb belegt ein negativer C4-Test die Echtheit nicht?

Die klassische Isotopenanalyse beantwortet eine genau umrissene Frage: Findet sich ein auffälliger Anteil an Zuckern aus C4-Pflanzen? Ist das Ergebnis negativ, wird diese Hypothese weniger wahrscheinlich — doch sie ist nur eine der möglichen Verfälschungen, und Sirupe aus Reis, Weizen oder Zuckerrüben entziehen sich dieser Frage bereits von der Anlage her.

Ein negatives Ergebnis bedeutet daher: «Diese Auffälligkeit wurde nicht nachgewiesen», und nicht: «Alle möglichen Betrugsformen wurden ausgeschlossen». Das ist ein allgemeines Prinzip der Echtheitsanalytik: Jede Methode beantwortet eine bestimmte Frage und besitzt einen Bereich, in dem sie aussagekräftig ist.

Zur Überwindung dieser Schwierigkeit wurden aufwendigere Isotopentechniken entwickelt. Die Flüssigchromatographie gekoppelt mit Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie — je nach Konfiguration LC-IRMS oder EA-LC-IRMS — erlaubt es, verschiedene Zucker einzeln zu betrachten statt nur die globale Isotopensignatur des Honigs. Es handelt sich um eine gut etablierte fortgeschrittene Methode, die insbesondere den Nachweis bestimmter Verfälschungen mit Sirupen aus C3-Pflanzen verbessert. Walker et al. (2022a, 2022b) betonen allerdings, dass auch eine sehr leistungsfähige Technik nur diejenigen Verfälschungsformen beantwortet, für die ihre Leistungsfähigkeit belegt ist: Analytische Raffinesse entbindet nicht davon, die gestellte Frage genau zu definieren.

9.3 Globale Fingerabdrücke und maschinelles Lernen

Andere Ansätze verzichten darauf, einen bestimmten Verfälschungsstoff zu suchen, und versuchen stattdessen zu bestimmen, ob das Gesamtprofil des Honigs demjenigen einer Referenzpopulation ähnelt. Die Kernspinresonanz (NMR), die Chromatographie gekoppelt mit hochauflösender Massenspektrometrie (LC-HRMS), die Metabolomik und verschiedene spektroskopische Methoden können Fingerabdrücke mit gleichzeitig Hunderten oder Tausenden von Variablen erzeugen. Eine Probe kann dann mit einer Datenbank bekannter echter Honige verglichen werden. Diese Strategie ist leistungsfähig, führt aber eine neue Abhängigkeit ein: Die Qualität des Ergebnisses hängt unmittelbar von derjenigen der Referenzdatenbank ab.

Ein Honig kann «untypisch» erscheinen, weil er verfälscht ist, aber auch, weil seine botanische Herkunft, seine Region, sein Produktionsjahr oder seine Umweltbedingungen in der verwendeten Datenbank schlecht abgebildet sind. NMR oder HRMS sind daher keine Apparate, die den «echten Honig» von sich aus zu erkennen vermöchten; sie erlauben es, Ähnlichkeiten und Abweichungen gegenüber Populationen zu messen, deren Aufbau hinreichend transparent und repräsentativ sein muss (Biswas et al., 2023; Walker et al., 2022a).

Dieselbe Logik gilt für Modelle des maschinellen Lernens. Sehr hohe Klassifikationsleistungen lassen sich erzielen, wenn der Algorithmus an Proben aus derselben Datenbank trainiert und bewertet wird. Sie werden weit weniger überzeugend, wenn das Modell nie an wirklich unabhängigen Honigen aus anderen Regionen, anderen Jahren oder anderen Laboratorien geprüft wurde. Eine Genauigkeit von 95 oder 99 % in einer internen Validierung ist daher für sich genommen kein Beleg dafür, dass die Methode einen unbekannten Honig auf dem Markt korrekt zu identifizieren vermag. Für die Lebensmittelauthentifizierung sind die externe Validierung und die Repräsentativität der Referenzpopulation mindestens so wichtig wie die Leistungsfähigkeit des Algorithmus.

9.4 Botanische Herkunft: Pollen und DNA

Die botanische Herkunft wirft eine vergleichbare Schwierigkeit auf. Die Melissopalynologie bleibt eine grundlegende Methode: Der im Honig vorhandene Pollen liefert zahlreiche Informationen über die von den Bienen besuchten Pflanzen. Doch der prozentuale Anteil eines Pollens in der Probe entspricht nicht unmittelbar dem prozentualen Anteil des Nektars derselben Pflanze. Bestimmte Arten sind überrepräsentiert, weil sie viel Pollen produzieren oder weil dieser leicht in den Nektar gelangt, während andere von Natur aus unterrepräsentiert sind.

Deshalb beruht die Bestimmung der europäischen Sortenhonige idealerweise auf dem Zusammenlaufen von Pollenanalyse, sensorischen Merkmalen und spezifischen physikalisch-chemischen Parametern und nicht auf einem allgemeingültigen Pollenprozentsatz (Persano Oddo & Bogdanov, 2004; von der Ohe et al., 2004).

Das DNA-Metabarcoding bietet eine andere Möglichkeit, die mit dem Honig verbundenen Pflanzen nachzuweisen. Hawkins et al. (2015) haben gezeigt, dass dieser Ansatz einen grossen Teil der mikroskopisch bestimmten dominanten Taxa wiederfinden und mitunter zusätzliche Taxa nachweisen kann. Doch die Ergebnisse werden von der DNA-Extraktion, der Wahl der Primer, der Amplifikationseffizienz, den Referenzdatenbanken und der bioinformatischen Auswertung beeinflusst. Vor allem entspricht die Zahl der für eine Art erhaltenen Sequenzen nicht zwingend der Nektarmenge, die sie geliefert hat. Das Metabarcoding ist somit eine vielversprechende Ergänzung zur Melissopalynologie, doch es erlaubt es derzeit nicht, die pollenanalytische und physikalisch-chemische Auslegung für die rechtliche Festlegung der botanischen Herkunft allgemein zu ersetzen.

9.5 Geografische Herkunft und Fütterung der Völker

Die Bestimmung der geografischen Herkunft ist noch anspruchsvoller. Isotopische, mineralische, pollenanalytische, aromatische oder metabolomische Signaturen können sich zwischen Regionen tatsächlich unterscheiden. Doch eine geografische Zuordnung funktioniert nur über den Vergleich mit Proben bekannter Herkunft. Sie beantwortet daher weniger die abstrakte Frage «Woher stammt dieser Honig?» als eine engere Frage: «Welcher der in dieser Referenzdatenbank korrekt abgebildeten Regionen ähnelt diese Probe am meisten?». Je mehr man benachbarte Regionen und Produktionen mit starker jährlicher Schwankung unterscheiden will, desto notwendiger wird eine umfangreiche, dauerhafte und regelmässig aktualisierte Referenzdatenbank.

Die Echtheit kann zudem bereits vor der Schleuderung des Honigs beeinträchtigt werden. Eine umfangreiche Fütterung der Völker mit Zuckerlösungen während einer zur Ernte bestimmten Tracht wirft ein besonderes Problem auf: Die Zucker werden von den Bienen aufgenommen, transportiert und umgewandelt, bevor sie in die Waben gelangen. Sie treten daher nicht mehr zwingend als ein nach der Ernte zugesetzter blosser Sirup in Erscheinung. Die europäische Kontrollaktion von 2015–2017 hatte bereits auf die Schwierigkeit hingewiesen, bestimmte exogene Zucker zu unterscheiden, wenn diese den natürlichen Zuckern des Honigs chemisch nahestehen. Die Analytik muss hier eine Produktionsgeschichte rekonstruieren und nicht bloss einen dem Endprodukt zugesetzten Fremdstoff suchen.

9.6 Wenn der Marker selbst zum Ziel wird

Dasselbe Wettrennen zwischen Kontrolle und Umgehung zeigt sich bei den Enzymen. Die Diastase wird seit Langem als Indikator für Frische und Wärmebehandlung verwendet. Doch Erban et al. (2021) haben mittels Proteomik in mehreren Honigproben fremde Amylasen, namentlich mikrobieller Herkunft, nachgewiesen. Die Zugabe einer exogenen Amylase kann die Diastaseaktivität künstlich erhöhen und einen thermisch geschädigten oder manipulierten Honig bei einem klassischen Parameter konformer erscheinen lassen, ohne die übrigen verlorenen Eigenschaften wiederherzustellen. Die Proteomik erlaubt es dann, nach der Herkunft des Enzyms selbst zu suchen, statt nur dessen Aktivität zu messen. Das Beispiel veranschaulicht ein wichtiges Prinzip: Sobald ein Parameter zu einem bekannten Kontrollkriterium wird, kann er selbst zum Ziel einer Manipulation werden (Erban et al., 2021).

Diese Schwierigkeit tritt in der europäischen Aktion «From the Hives» deutlich zutage, die von der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit koordiniert und mit Unterstützung des Joint Research Centre durchgeführt wurde. Zwischen November 2021 und Februar 2022 wurden an den europäischen Grenzen 320 Honigpartien aus 20 Ländern beprobt. Das JRC stufte 147 Proben, also 46 %, als der Nichtkonformität verdächtig ein, weil mindestens ein Marker für eine fremde Zuckerquelle nachgewiesen worden war. Bei einer früheren Aktion von 2015–2017 hatte der entsprechende Anteil 14 % betragen (European Commission, 2023; Joint Research Centre, 2023).

9.7 46 % verdächtig bedeutet nicht 46 % Honige mit nachgewiesener Verfälschung

Die 147 Proben von «From the Hives» wurden als verdächtig eingestuft, weil die verwendeten Methoden mindestens einen Marker nachgewiesen hatten, der mit dem Vorhandensein exogener Zucker vereinbar war. Die Techniken lieferten hauptsächlich eine qualitative Information und erlaubten es nicht, den Anteil des allenfalls zugesetzten Sirups zu bestimmen.

Die Europäische Kommission hält zudem fest, dass die für diese Aktion eingesetzten fortgeschrittenen Methoden ausserhalb des Akkreditierungsbereichs der betreffenden Tätigkeiten des JRC-Labors lagen. Dieser Umstand war vor jeder aufsichtsrechtlichen Massnahme zu berücksichtigen. Von den 44 europäischen Marktteilnehmern, gegen die anschliessend Untersuchungen geführt wurden, waren zum Zeitpunkt der von der Kommission veröffentlichten Bilanz sieben sanktioniert worden (European Commission, 2023).

Die zutreffende Auslegung lautet daher: 46 % der geprüften Partien wiesen analytische Signale auf, die eine weitergehende Untersuchung rechtfertigten. Zu sagen, «46 % der Honige waren nachweislich verfälscht», würde ein Screening-Ergebnis in ein endgültiges Urteil verwandeln.

Dieser Fall knüpft unmittelbar an die Analyse von Walker et al. (2022a, 2022b) an. Diese Autoren haben komplexe Echtheitsberichte untersucht, in denen verschiedene Techniken teilweise abweichende Ergebnisse liefern konnten. Ihr Schluss lautet nicht, dass auf die modernen Methoden zu verzichten wäre, sondern dass die Auslegung ebenso transparent sein muss wie die Messung selbst. Ein Bericht sollte die Daten angeben, die zur Schlussfolgerung geführt haben, die bekannte Leistungsfähigkeit der Methoden, die Referenzen, mit denen die Probe verglichen wird, und den Grad, in dem die Ergebnisse die Verfälschungshypothese tatsächlich stützen. In ihrer Analyse mehrerer Zertifikate, die zur Beschuldigung britischer Handelshonige wegen Verfälschung gedient hatten, stützten die verfügbaren Daten einige der veröffentlichten belastenden Auslegungen letztlich nur schwach oder begrenzt. Der Ausdruck «verdächtiger Honig» ist somit eine wertende Schlussfolgerung und keine chemische Substanz, die das Gerät unmittelbar gemessen hätte.

Diese methodische Zurückhaltung findet sich nunmehr auch im europäischen Recht. Die Richtlinie (EU) 2024/1438 hat die Transparenz über die Herkunft von Honigmischungen verstärkt: Seit ihrer Anwendung ab dem 14. Juni 2026 müssen die Länder, in denen der Honig geerntet wurde, grundsätzlich im Hauptsichtfeld in absteigender Reihenfolge ihres Anteils erscheinen, mit dem entsprechenden Anteil und einer für die Deklaration vorgesehenen Toleranz. Doch dieselbe Richtlinie anerkennt implizit, dass das analytische Instrumentarium noch nicht vollständig harmonisiert ist.

Sie beauftragt die Kommission, bis zum 14. Juni 2028 harmonisierte Analysemethoden zum Nachweis von verfälschtem Honig zu erlassen; in der Zwischenzeit haben die Mitgliedstaaten, soweit möglich, validierte und international anerkannte Methoden zu verwenden, namentlich diejenigen des Codex Alimentarius (European Union, 2024).

Es wäre daher widersprüchlich, heute zu behaupten, ein Gerät oder eine Analyseplattform vermöge für sich allein die absolute Echtheit eines Honigs zu bescheinigen, während der europäische Gesetzgeber die für diese Aufgabe nötigen Methoden erst noch harmonisieren lässt. Der analytische Fortschritt ist beträchtlich, doch er funktioniert zunehmend über das Zusammenlaufen von Indizien: Isotope, Zuckerprofile, Markerverbindungen, Pollen, DNA, Spektren, Metaboliten, geografische Daten und Rückverfolgbarkeit können einander gegenseitig stützen. Je ausgeklügelter der Betrug, desto mehr muss auch die Schlussfolgerung auf mehreren voneinander unabhängigen Elementen beruhen.

Die Echtheit des Honigs erweist sich damit als ein fortwährender Wettlauf zwischen Nachweis und Umgehung. Die Isotopenmethoden haben den Zusatz von C4-Sirupen erschwert; die Betrüger können auf C3-Sirupe ausweichen. Enzymprofile können ein verändertes Produkt aufdecken; fremde Enzyme können zugesetzt werden. Fingerprinting-Methoden weisen untypische Profile nach; ihre Auslegung hängt dann von der Qualität der Referenzdatenbanken ab. Jede neue Methode verschliesst bestimmte Betrugswege, ohne zwangsläufig alle übrigen zu verschliessen. Die massgebende wissenschaftliche Frage lautet daher nicht «Welcher Test belegt, dass dieser Honig echt ist?», sondern vielmehr: Welche Behauptung über diesen Honig soll überprüft werden, welche Methoden können sie tatsächlich prüfen, und welchen Gewissheitsgrad erlaubt deren Kombination?

10. Honig als Lebensmittel – Zucker, Ernährung, Allergien und gesundheitsbezogene Angaben

Honig in der menschlichen Ernährung verorten, die Daten zu seinen Stoffwechselwirkungen beurteilen und wissenschaftliche Belege von gesundheitsbezogenen Angaben unterscheiden.

Wer über die gesundheitlichen Wirkungen des Honigs spricht, ist zwei entgegengesetzten Vereinfachungen ausgesetzt. Die erste besteht darin, aus seiner chemischen Vielfalt zwingend ein Lebensmittel mit erheblichen schützenden Eigenschaften abzuleiten; die zweite darin, ihn auf «gefärbten Zucker» zu reduzieren, dessen Wirkungen ausnahmslos denjenigen der Saccharose entsprächen. Die verfügbaren Daten rechtfertigen eine differenziertere Position. Wie in Kapitel 3 dargelegt, enthält Honig tatsächlich organische Säuren, Enzyme, Mineralstoffe, phenolische Verbindungen und zahlreiche Aromamoleküle, doch diese Nebenbestandteile werden in Dosen aufgenommen, die weit unter denjenigen der Zucker liegen. Ernährungsphysiologisch bleibt Honig daher in erster Linie eine Quelle einfacher Kohlenhydrate, hauptsächlich Fructose und Glucose, auch wenn seine Matrix chemisch komplexer ist als diejenige eines raffinierten Zuckers (da Silva et al., 2016; De-Melo et al., 2018).

Diese Unterscheidung tritt in den Empfehlungen der öffentlichen Gesundheit deutlich zutage. Die Weltgesundheitsorganisation zählt die natürlicherweise im Honig vorhandenen Zucker ausdrücklich zu den freien Zuckern, ebenso wie diejenigen von Sirupen und Fruchtsäften. Sie empfiehlt, dass diese freien Zucker bei Erwachsenen wie bei Kindern weniger als 10 % der gesamten Energiezufuhr ausmachen; eine weitere Senkung auf unter 5 % wird vorgeschlagen, um zusätzlichen Nutzen zu erzielen, namentlich in Bezug auf Karies. Die erste Empfehlung gilt als starke Empfehlung, die zweite als bedingte (WHO, 2015).

Diese Rechnung ist für die Auslegung klinischer Studien bedeutsam. Die gebräuchlichen experimentellen Dosen – 40 oder 50 g Honig pro Tag – sind ernährungsphysiologisch nicht belanglos: Sie machen für sich allein einen grossen Teil der Zufuhr an freien Zuckern aus, die dem Richtwert von 10 % entspricht, und übersteigen denjenigen von 5 % deutlich. Es ist daher stets nicht nur das in einer Studie gemessene biologische Ergebnis zu betrachten, sondern auch die dafür nötige Honigmenge und das, was sie in der Ernährung ersetzt.

10.1 Was bedeuten 50 g Honig für den täglichen Zuckerkonsum?

Ein Honig enthält näherungsweise 80 bis 82 % Zucker. Für eine Ernährung mit 2'000 kcal pro Tag entsprechen die WHO-Richtwerte näherungsweise weniger als 50 g freien Zuckern pro Tag, um unter 10 % der Energie zu bleiben, und weniger als 25 g pro Tag, um das Niveau unter 5 % zu erreichen.

Eine Portion von 20 g Honig liefert rund 16 g freie Zucker. Sie macht damit bereits etwa einen Drittel des ersten Richtwerts und beinahe zwei Drittel des zweiten aus.

Eine Dosis von 50 g Honig liefert näherungsweise 40 bis 41 g Zucker. Sie allein entspricht rund 80 % des Niveaus von 50 g und übersteigt dasjenige von 25 g bei Weitem.

Diese Zahlen bedeuten nicht, dass 50 g Honig eine Gefahrenschwelle darstellen. Sie zeigen, weshalb eine Studie mit 40 oder 50 g Honig pro Tag im Zusammenhang der gesamten Nahrungsration auszulegen ist.

10.2 Glykämische Antwort und Stoffwechselwirkungen

Die unmittelbare Wirkung auf den Blutzucker ist nicht bei allen Honigen genau gleich. Ihr relativer Gehalt an Fructose, Glucose, Saccharose und Oligosacchariden schwankt mit der botanischen Herkunft, und diese Zusammensetzung kann die postprandiale Antwort verändern. In einer Cross-over-Studie mit sechs griechischen Honigen beobachteten Gourdomichali und Papakonstantinou (2018) je nach Honig unterschiedliche glykämische Indizes, wobei einige in die mittlere und andere in die hohe Kategorie fielen. Umgekehrt hatten Ischayek und Kern (2006) zwischen vier amerikanischen Honigen trotz unterschiedlicher Fructose/Glucose-Verhältnisse keinen signifikanten Unterschied beobachtet. Der glykämische Index ist somit eine variable und aufschlussreiche Eigenschaft, aber kein allgemeines Mass für den «Gesundheitswert» des Honigs: Er beschreibt den Blutzuckeranstieg nach Aufnahme einer standardisierten Kohlenhydratmenge und nicht die Folgen eines gewohnheitsmässigen Langzeitkonsums (Ischayek & Kern, 2006; Gourdomichali & Papakonstantinou, 2018).

Einzelne Akutstudien haben nach Aufnahme von Honig einen geringeren Blutzuckeranstieg gezeigt als nach einer vergleichbaren Menge reiner Glucose. Dieses Ergebnis ist physiologisch plausibel, namentlich weil ein wesentlicher Teil der Honigzucker aus Fructose besteht, die den Blutzucker nicht in derselben Weise unmittelbar erhöht wie Glucose. Doch dieser Vergleich belegt weder, dass Honig vor Diabetes schützt, noch dass er eine Behandlung der Krankheit darstellt. Wird Honig über einen längeren Zeitraum mit anderen kalorischen Süssungsmitteln verglichen, können die Unterschiede sehr viel geringer ausfallen. In einer kontrollierten Cross-over-Studie verabreichten Raatz et al. (2015) Personen mit normaler oder gestörter Glucosetoleranz während zwei Wochen täglich 50 g Kohlenhydrate in Form von Honig, Saccharose oder Maissirup mit hohem Fructosegehalt. Die drei Süssungsmittel bewirkten ähnliche Effekte auf Blutzucker, Insulin, Blutfette und mehrere Entzündungsmarker; die Triglyzeride stiegen unter allen drei Behandlungen an (Raatz et al., 2015).

Eine kleine Schweizer Studie beleuchtet dieselbe Frage aus einem anderen Blickwinkel. Despland et al. (2017) untersuchten acht gesunde Männer, denen eine kontrollierte Ernährung 25 % der Energie entweder als Robinienhonig oder als Fructose-Glucose-Gemisch lieferte, das dem Verhältnis der Hauptzucker des Honigs nachgebildet war. Nach acht Tagen zeigte sich zwischen dem Honig und dem Zuckergemisch kein überzeugender Unterschied bei der Glucosetoleranz oder der hepatischen Insulinsensitivität. Die Studie war sehr klein und kurz, doch sie stützt die Vorstellung nicht, eine «Honigmatrix» erzeuge bei gleicher Zuckerdosis zwingend einen erheblichen Stoffwechselvorteil (Despland et al., 2017).

Die Studien an Menschen mit Typ-2-Diabetes sind besonders aufschlussreich, weil ihre Ergebnisse widersprüchlich sind. Bahrami et al. (2009) beobachteten nach acht Wochen mit steigendem Honigkonsum eine Abnahme des Gewichts und mehrerer Lipidparameter, zugleich aber einen signifikanten Anstieg des HbA1c; die Dosis war fortschreitend von 1 auf 2,5 g Honig pro Kilogramm Körpergewicht und Tag erhöht worden, was bei einem Erwachsenen eine beträchtliche Menge darstellt (Bahrami et al., 2009). In einer späteren Cross-over-Studie mit 50 g Honig pro Tag während acht Wochen beobachteten Sadeghi et al. (2019) keine überzeugende Verbesserung der Blutzuckerkontrolle; das HbA1c entwickelte sich gegenüber der Kontrollperiode ungünstig, auch wenn sich einzelne anthropometrische Parameter in die andere Richtung veränderten (Sadeghi et al., 2019). Diese Ergebnisse erlauben es daher nicht, Honig als therapeutische Strategie zur Diabeteskontrolle zu empfehlen.

Die Übersichtsliteratur spiegelt diese Heterogenität. Ahmed et al. (2023) fassten 18 kontrollierte Studien mit 33 Vergleichen und 1'105 Teilnehmenden zusammen. Die mediane Dosis betrug 40 g Honig pro Tag, die mediane Dauer acht Wochen. Die Metaanalyse fand kleine Verbesserungen einzelner Parameter, namentlich des Nüchternblutzuckers und mehrerer Blutfette, doch die Sicherheit der Evidenz war insgesamt gering; einzelne Ergebnisse schwankten je nach Honigtyp, dessen Behandlung oder weiteren Studienmerkmalen, während sich bestimmte Entzündungsmarker in eine ungünstige Richtung entwickelten (Ahmed et al., 2023). Eine neuere Synthese mit Dosis-Wirkungs-Analysen hat diese Zurückhaltung noch verstärkt: Je nach Parameter war Honig mit kleinen Verbesserungen, mit fehlender Wirkung oder mit ungünstigen Veränderungen verbunden; mehrere Schätzungen beruhten auf Evidenz geringer oder sehr geringer Sicherheit, und einzelne Ergebnisse verschwanden, sobald eine einzelne einflussreiche Studie entfernt wurde (Norouzzadeh et al., 2025).

Diese Literatur liefert somit kein einfaches kardiometabolisches Profil. Die verfügbaren Daten zeigen keine robuste und allgemeine Senkung von Gewicht, Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten oder Entzündung, die dem Honig unabhängig von Dosis, Honigtyp, Population und Vergleichsgruppe zugeschrieben werden könnte. Das bedeutet nicht, dass alle beobachteten Unterschiede zwangsläufig null wären: Kleine spezifische Wirkungen sind plausibel, und einzelne verdienen eine vertiefte Untersuchung. Doch sie rechtfertigen es heute nicht, ein an freien Zuckern reiches Lebensmittel zu einer allgemeinen Präventions- oder Behandlungsmassnahme zu machen.

Eine wesentliche Unterscheidung betrifft hier die Substitution. Einer bestehenden Ernährung täglich 40 g Honig hinzuzufügen ist nicht dieselbe Massnahme wie 40 g eines anderen Süssungsmittels durch 40 g Honig zu ersetzen. Mehrere Studien der Metaanalyse von Ahmed et al. (2023) verwendeten Honig als zusätzliche Zufuhr, während andere einen energetischen Ersatz untersuchten. Diese Situationen erlauben nicht denselben Schluss. Verliehen bestimmte Eigenschaften des Honigs ihm einen kleinen Vorteil gegenüber Saccharose oder einem anderen Süssungsmittel, so wäre dieser Vorteil vor allem dann bedeutsam, wenn er diese Zucker ersetzt, und nicht als Argument dafür, die insgesamt konsumierte Zuckermenge zu erhöhen. Diese Auslegung steht im Einklang mit den Empfehlungen der öffentlichen Gesundheit, die auf eine Verringerung der Gesamtexposition gegenüber freien Zuckern abzielen (WHO, 2015; Ahmed et al., 2023).

10.3 Honig im Ausdauersport

Dass Honig hauptsächlich freie Zucker liefert, bedeutet nicht, dass diese in allen Situationen unerwünscht wären. Bei längerer Ausdauerbelastung ändert sich das ernährungsphysiologische Ziel: Es kann sinnvoll werden, rasch Kohlenhydrate zuzuführen, um den Blutzucker aufrechtzuerhalten, die körpereigenen Reserven teilweise zu schonen und der arbeitenden Muskulatur Substrat bereitzustellen. In diesem Zusammenhang kann Honig eine funktionale Kohlenhydratquelle sein.

Ihn schlicht als Quelle «schneller Zucker» zu bezeichnen, wäre allerdings verkürzt. Honig enthält hauptsächlich Glucose und Fructose, zwei Monosaccharide, die nicht genau dieselben Wege der Darmaufnahme und des Stoffwechsels nehmen. Diese Kombination ist bei länger dauernden Belastungen besonders interessant: Werden die Kohlenhydratzufuhren hoch, erlaubt die Verbindung von Glucose und Fructose, mehrere Darmtransporter zu nutzen und die Oxidation der aufgenommenen Kohlenhydrate gegenüber der alleinigen Verwendung von Glucose zu steigern (Currell & Jeukendrup, 2008; Stellingwerff & Cox, 2014).

Der Bedarf hängt stark von der Belastungsdauer ab. Bei kurzer Belastung bringt die Kohlenhydrataufnahme wenig Stoffwechselvorteil. Dauert die Belastung über etwa ein bis zwei Stunden hinaus an, werden Zufuhren in der Grössenordnung von 30 bis 60 g Kohlenhydraten pro Stunde häufig sinnvoll; bei Belastungen von mehr als zweieinhalb bis drei Stunden können höhere Zufuhren von Nutzen sein, sofern die Sportlerin oder der Sportler sie verträgt, und Glucose-Fructose-Gemische gewinnen dann zusätzlich an Bedeutung (Stellingwerff & Cox, 2014).

Honig scheint diese Funktion erfüllen zu können, ohne deswegen eine spezifisch leistungssteigernde Wirkung zu besitzen. In einer neueren Cross-over-Studie an trainierten Radsportlern führte die Aufnahme von Honig mit 90 g Kohlenhydraten pro Stunde während dreier Stunden Radfahren zu Reaktionen, die denjenigen eines herkömmlichen Sportnahrungsprodukts vergleichbar waren: Die Kohlenhydratoxidation, die Magen-Darm-Symptome und die anschliessende Belastungsfähigkeit unterschieden sich zwischen den beiden Behandlungen nicht signifikant (Fortis et al., 2025). Eine frühere systematische Übersichtsarbeit kam bereits zu einem ähnlichen Schluss: Im Vergleich mit einer fehlenden Kohlenhydratzufuhr kann Honig bestimmte Leistungsparameter verbessern, doch er zeigt keine überzeugende Überlegenheit gegenüber anderen Kohlenhydratquellen (Hills et al., 2019).

Vor einer längeren Belastung ist die Lage differenzierter. Kohlenhydrate mit niedrigerem glykämischem Index können einen moderateren Anstieg von Blutzucker und Insulin bewirken und bestimmte Blutzuckerschwankungen vor der Belastung verringern. Diese Stoffwechselunterschiede führen jedoch nicht durchwegs zu einer besseren Leistung. Honig selbst besitzt im Übrigen keinen einheitlichen glykämischen Index: Sein Profil an Fructose, Glucose und weiteren Zuckern schwankt mit seiner botanischen Herkunft (Notbohm et al., 2021; Stellingwerff & Cox, 2014).

Nach der Belastung kann Honig ebenfalls zum Wiederauffüllen der Kohlenhydratreserven beitragen. Das gemeinsame Vorliegen von Glucose und Fructose ist physiologisch interessant, da die Fructose namentlich die Wiederherstellung des Leberglykogens begünstigt. Doch die verfügbaren Daten zeigen nicht, dass Honig die Energiereserven besser wiederherstellt als eine gleichwertige Menge sachgerecht zusammengesetzter Kohlenhydrate. Die Studien, die günstige Wirkungen des Honigs gegenüber Wasser oder einem Placebo berichten, erlauben es nicht, eine spezifische Wirkung des Honigs von der bei einer Kohlenhydratzufuhr zu erwartenden Wirkung zu unterscheiden (Décombaz et al., 2011).

Honig kann somit eine praktische Kohlenhydratquelle für den Ausdauersport sein, doch sein sportlicher Nutzen beruht auf seinen Zuckern. Die verfügbaren Daten belegen nicht, dass seine Enzyme, seine Polyphenole oder seine übrigen Nebenbestandteile ihm einen Leistungs- oder Erholungsvorteil über denjenigen einer vergleichbaren Kohlenhydratmenge hinaus verleihen. Und auch hier gilt: Honig anstelle eines anderen Zuckers zu verwenden hat ernährungsphysiologisch nicht dieselbe Bedeutung, wie ihn einer Ration hinzuzufügen, die bereits genügend davon enthält.

10.4 Was das Recht zu sagen erlaubt

Diese Zurückhaltung wird besonders wichtig, wenn man von der Forschung zur Werbung übergeht. 2011 beurteilte die EFSA mehrere Angaben, die eigens für Honig vorgeschlagen worden waren, namentlich den Schutz vor oxidativen Schäden, die Abwehr von Krankheitserregern und die Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels. Das Gremium kam zum Schluss, dass Honig in Bezug auf diese Wirkungen nicht hinreichend charakterisiert sei und dass die vorgelegten Daten es nicht erlaubten, einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang herzustellen (EFSA NDA Panel, 2011). Dieser Schluss bedeutet nicht, dass Honig keinerlei biologische Wirkung besitze: Die in Kapitel 8 beschriebenen antimikrobiellen Mechanismen sind dafür ein klarer Beleg. Er bedeutet, dass eine chemische oder mikrobiologische Wirkung nicht ausreicht, um ein allgemeines Gesundheitsversprechen gegenüber den Konsumentinnen und Konsumenten zu rechtfertigen.

Das Schweizer Recht wendet dieselbe Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und kommerzieller Kommunikation an. Gesundheitsbezogene Angaben dürfen nur verwendet werden, wenn sie zu denjenigen gehören, welche die Verordnung betreffend die Information über Lebensmittel (LIV) zulässt, und ihre Bedingungen erfüllt sind, oder wenn sie vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen bewilligt worden sind. Eine allgemeine, nicht spezifische gesundheitsbezogene Angabe muss von einer zugelassenen spezifischen Angabe begleitet sein. Das BLV weist zudem darauf hin, dass Angaben, die auf Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit hindeuten, für Lebensmittel verboten sind (BLV, o. D.-b). Das allgemeine Verbot, ein Lebensmittel als Heilmittel darzustellen, ergibt sich im Übrigen aus der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV).

Die Frage der Allergien ist schliesslich von den vermeintlichen antiallergischen Wirkungen zu trennen. Eine Honigallergie ist möglich, scheint aber selten zu sein, und die auslösenden Allergene können sowohl aus dem Pollen als auch aus bienenbürtigen Bestandteilen stammen. In einer Doppelblindstudie an pollenallergischen Personen beobachteten Kiistala et al. (1995) trotz nachweisbarer allergener Aktivität in den Proben keine ernsthafte oder eindeutig auf 30 g Honig zurückzuführende Reaktion. Dokumentierte Fälle zeigen gleichwohl, dass bei bestimmten sensibilisierten Personen tatsächlich systemische Reaktionen auftreten können (Helbling et al., 1992; Kiistala et al., 1995). Eine Pollenallergie bedeutet daher nicht automatisch, dass jeder Honig zu meiden wäre, doch der Ausdruck «Naturprodukt» bedeutet ebenso wenig «frei von Allergenen».

Die ernährungsphysiologische Verortung des Honigs wird klarer, wenn man das gut Belegte vom weiterhin Hypothetischen trennt. Seine chemische Matrix ist unbestreitbar komplexer als diejenige eines raffinierten Zuckers; bestimmte Honige können leicht abweichende Stoffwechselantworten hervorrufen, und einige Studien haben günstige Veränderungen von Biomarkern festgestellt. Doch diese Signale sind klein, variabel, oft mit hohen Dosen erzielt und führen derzeit nicht zu einem belegten allgemeinen klinischen Langzeitnutzen. Für die alltägliche Ernährung bleibt der robusteste Befund, dass die Zucker des Honigs zu den freien Zuckern zählen. Honig kann daher als besonderes, komplexes und sensorisch reiches Lebensmittel geschätzt werden, ohne dass ihm Gesundheitseigenschaften zugeschrieben werden müssten, die sich mit den heutigen Belegen nicht begründen lassen.

11. Sicherheit – Botulismus, natürliche Toxine und Rückstände

Die wichtigsten gesundheitlichen Risiken im Zusammenhang mit Honig erkennen und Sporen, natürliche Toxine, Rückstände und Umweltkontaminanten voneinander unterscheiden.

Das analytische Vorkommen eines unerwünschten Stoffs im Honig bedeutet nicht automatisch, dass sein Verzehr ein Gesundheitsrisiko darstellt. Die toxikologische Bewertung unterscheidet mindestens drei Ebenen: die Gefahr, das heisst die dem Agens innewohnende Fähigkeit, eine schädliche Wirkung hervorzurufen; die Exposition, die von seiner Konzentration im Lebensmittel und von der verzehrten Menge abhängt; und das Risiko, das diese beiden Dimensionen mit der Empfindlichkeit der exponierten Person verbindet. Diese Unterscheidung ist für den Honig wesentlich, denn die modernen Analysemethoden erlauben es, Stoffe in äusserst geringen Konzentrationen nachzuweisen. Ein Pestizid, ein Metall oder ein Pflanzentoxin kann somit messbar sein, ohne dass die tatsächlich aufgenommene Dosis ein bedenkliches Niveau erreicht. Umgekehrt rechtfertigen bestimmte besondere Situationen – der Säuglingsbotulismus oder einzelne Honige mit Pflanzentoxinen – sehr klare Präventionsmassnahmen, gerade weil dort das Zusammenspiel von Gefahr, Exposition und Verletzlichkeit ungünstig ist (Bogdanov, 2006; Nowak & Nowak, 2023).

Der Säuglingsbotulismus ist der wichtigste Fall. Wie in Kapitel 8 dargelegt, bedeutet die antimikrobielle Wirkung des Honigs nicht die Zerstörung aller bakteriellen Sporen. Bei Erwachsenen und älteren Kindern bildet das Darmökosystem normalerweise eine wirksame Barriere gegen die Besiedlung durch die für den Botulismus verantwortlichen Clostridien. Beim Säugling dagegen sind das Darmmikrobiom und mehrere Mechanismen der Kolonisationsresistenz noch in Entwicklung. Aufgenommene Sporen von Clostridium botulinum können dann auskeimen, sich im Darm vermehren und dort das Botulinumtoxin bilden. Der Mechanismus unterscheidet sich damit vom klassischen Lebensmittelbotulismus: Der Säugling nimmt nicht zwangsläufig ein im Honig vorgebildetes Toxin auf; er kann Sporen aufnehmen, aus denen das Toxin anschliessend in seinem Darm gebildet wird (Arnon & Chin, 1979; Aricò et al., 2026).

Der Zusammenhang mit dem Honig ist solide belegt. In den ersten epidemiologischen Untersuchungen wurden Sporen von C. botulinum in einzelnen Honigproben gefunden, die von erkrankten Säuglingen verzehrt worden waren, sowie in einem Teil der unabhängig davon untersuchten Honige (Chin et al., 1979). Das bedeutet nicht, dass der Honig die Mehrzahl der Fälle von Säuglingsbotulismus erklärt. Die Sporen von C. botulinum sind in der Umwelt weit verbreitet, namentlich in Böden und Staub, und die Expositionsquelle bleibt in einem grossen Teil der Fälle unbekannt. Doch der Honig ist eine identifizierbare und vermeidbare Nahrungsquelle; die internationalen Empfehlungen laufen daher auf eine einfache Regel hinaus: Kindern unter 12 Monaten keinen Honig geben (Koepke et al., 2008; Aricò et al., 2026).

11.1 Pyrrolizidinalkaloide und Natternkopf

Die Pyrrolizidinalkaloide (PA) veranschaulichen eine ganz andere Form der Gefahr. Mehrere Pflanzen bilden diese Stoffe zur Abwehr von Pflanzenfressern. Unter ihnen sind bestimmte 1,2-ungesättigte PA bedenklich, weil bei ihrer Verstoffwechselung reaktive Derivate entstehen können, die Leber und Erbgut schädigen; eine chronische Exposition ist daher so gering zu halten, wie vernünftigerweise möglich. Wenn Bienen Nektar oder Pollen PA-bildender Pflanzen eintragen, können einzelne dieser Moleküle in den Honig gelangen.

Das Vorkommen solcher Pflanzen in der Landschaft macht einen Honig deswegen aber noch nicht problematisch. Das Risiko hängt von ihrer Häufigkeit, von ihrer Attraktivität zum Zeitpunkt der Tracht, von den übrigen verfügbaren Ressourcen und vom Anteil ab, den ihr Nektar schliesslich im Honig ausmacht. Eine Untersuchung von Schweizer Honigen hat gezeigt, dass die Belastung stark mit der botanischen und geografischen Herkunft schwankt: Die durchschnittliche Exposition ist in der Regel gering, doch besondere Situationen können zu deutlich höheren Konzentrationen führen, wenn Völker grosse Bestände PA-bildender Pflanzen intensiv nutzen. Das Vorkommen von PA ist somit keine allgemeine Eigenschaft des Schweizer Honigs; es hängt von den tatsächlich von den Völkern genutzten Pflanzenressourcen ab (Kast et al., 2014).

Der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare), auf Französisch vipérine commune, ist in dieser Hinsicht für die Schweiz besonders aufschlussreich. Diese Trachtpflanze enthält mehrere PA und kann für Bienen sehr attraktiv sein, wenn sie in grosser Zahl vorkommt. Arbeiten von Agroscope und der Universität Neuenburg haben ermittelt, auf welchem Weg diese Alkaloide in den Honig gelangen: Obwohl die PA-Konzentrationen im Pollen der Pflanze weit höher sind als in ihrem Nektar, ähnelt das im Honig gefundene Alkaloidprofil eher demjenigen des Nektars. Die im Honig vorhandenen PA vom Echium-Typ stammen somit hauptsächlich aus dem Blütennektar und nicht aus einer Kontamination durch den Pollen (Lucchetti et al., 2016).

Der richtige Schluss lautet daher nicht «der Natternkopf macht den Honig giftig», sondern dass eine örtlich dominierende Pflanzenressource die Exposition gegenüber einem natürlichen Kontaminanten verändern kann.

11.2 Grayanotoxine und Tutin

Andere Pflanzen bilden natürliche Toxine, die sehr viel unmittelbarer für akute Vergiftungen verantwortlich sind. Am besten dokumentiert ist der Fall des «mad honey» oder Tollhonigs, der in bestimmten Regionen erzeugt wird, in denen die Bienen grayanotoxinhaltige Rhododendren nutzen. Diese Diterpene halten bestimmte Natriumkanäle in einem aktivierten Zustand und können Bradykardie, Hypotonie, Schwindel, Übelkeit, Störungen der Herzerregungsleitung und in schweren Fällen Bewusstlosigkeit hervorrufen. Die dokumentierten Vergiftungen sind vor allem mit bestimmten Honigen aus dem Schwarzmeerraum, namentlich der Türkei, sowie mit einigen weiteren Regionen mit entsprechender Flora verbunden. Es handelt sich somit um ein botanisch und geografisch spezifisches Risiko und nicht um ein Merkmal europäischer Honige im Allgemeinen (Jansen et al., 2012).

Das Tutin bietet ein vergleichbares Beispiel mit einem anderen ökologischen Mechanismus. In Neuseeland ernähren sich Zikaden von Pflanzen der Gattung Coriaria, namentlich Coriaria arborea, die dieses Neurotoxin enthalten. Ihr Honigtau kann Tutin enthalten; die Bienen tragen ihn ein, und der Stoff gelangt anschliessend in den Honig. Vergiftungen beim Menschen wurden dokumentiert, darunter ein Ausbruch, bei dem 22 mögliche oder wahrscheinliche Fälle identifiziert werden konnten. Neuseeland wendet ein besonderes Risikomanagementsystem an, und der zulässige Höchstwert für Tutin in Honig und Wabenhonig beträgt 0,7 mg/kg (Beasley et al., 2018; New Zealand Ministry for Primary Industries, o. D.). Dieser Fall zeigt erneut die Bedeutung des Zusammenhangs: Ein Molekül, das in einer bestimmten ökologischen Region ein konkretes Risiko darstellt, kann für einen Schweizer Imker praktisch bedeutungslos sein.

11.3 Pestizidrückstände

Die Rückstände landwirtschaftlicher Pestizide werfen eine andere Frage auf. Bienen können mit Insektiziden, Fungiziden oder Herbiziden in Kontakt kommen, wenn sie in landwirtschaftlich geprägten Umgebungen sammeln, und einzelne Stoffe oder ihre Metaboliten können in Pollen, Wachs oder Honig nachgewiesen werden. Dabei sind jedoch zwei häufig vermengte toxikologische Bewertungen zu unterscheiden: das Risiko für die Biene und das Risiko für die Konsumentinnen und Konsumenten von Honig. Eine Konzentration, die das Verhalten oder das Überleben eines Insekts von einigen Dutzend Milligramm beeinträchtigen kann, bedeutet nicht, dass die in eine Honigportion übergegangene Menge für einen Menschen von mehreren Dutzend Kilogramm eine bedeutende Dosis darstellt.

Die Bewertung für die Konsumentinnen und Konsumenten hat die tatsächliche Konzentration im Honig, die verzehrte Menge, die Toxikologie des Stoffs und die anwendbaren rechtlichen Werte zu berücksichtigen. Die verfügbaren Übersichtsarbeiten zeigen, dass Pestizid- und Metallrückstände in Bienenprodukten nachgewiesen werden können, in einzelnen Proben mitunter mit hohen Werten, dass die im Honig gemessenen Gehalte aber in der Regel zu geringen Expositionen über die Nahrung führen (Bogdanov, 2006; Nowak & Nowak, 2023).

11.4 Varroabehandlungen und die Rolle des Wachses

Einzelne der am unmittelbarsten beherrschbaren Kontaminationen stammen im Übrigen nicht aus der Umwelt, sondern aus der Imkerei selbst. Die Behandlungen gegen Varroa destructor sind dafür das klassische Beispiel. Lipophile Akarizide wie Coumaphos, Tau-Fluvalinat oder Bromopropylat besitzen eine hohe Affinität zum Wachs: Sie können sich bei wiederholten Behandlungen darin anreichern, lange nach dem Ende ihrer Anwendung dort verbleiben und anschliessend in den mit den Waben in Kontakt stehenden Honig diffundieren (Wallner, 1999; Bogdanov, 2006).

Diese Eigenschaft erklärt, weshalb dem Wachs eine besondere Rolle als historisches Reservoir zukommt. Das seit bald drei Jahrzehnten von Agroscope durchgeführte Überwachungsprogramm an Schweizer Handelswachsen zeigt, dass früher verwendete lipophile Moleküle mitunter noch viele Jahre nach dem Verzicht auf die entsprechenden Produkte nachweisbar bleiben. Kast, Kilchenmann und Charrière (2021) fanden so noch Rückstände von Bromopropylat und Tau-Fluvalinat in rezykliertem Wachs, obwohl deren Verwendung längst eingestellt worden war. Das Rezyklieren von Wachs kann somit das Vorhandensein eines Kontaminanten unabhängig von der heutigen Praxis eines Imkers verlängern. Die älteren Arbeiten aus Liebefeld und Hohenheim hatten diesen grundlegenden Unterschied zwischen hydrophilen und lipophilen Stoffen bereits aufgezeigt (Wallner, 1999; Bogdanov, 2006; Kast et al., 2021).

Diese Feststellung bedeutet nicht, dass jede Varroabehandlung ein Risiko für den Honig darstellt. Sie unterstreicht vor allem die Bedeutung der chemischen Natur des Produkts, seiner Zulassung, der Dosis und des Anwendungszeitpunkts. Hydrophile Stoffe wie Ameisen- und Oxalsäure reichern sich im Wachs nicht in gleicher Weise an; sie können dagegen leichter in die wässrigen Kompartimente übergehen und, bei falschem Zeitpunkt oder unsachgemässer Dosierung, die Zusammensetzung oder die sensorischen Merkmale des Honigs verändern. Die Anwendung gemäss den zugelassenen Produkten und den Behandlungsempfehlungen zielt gerade darauf ab, die Varroabekämpfung von der Erntezeit zu trennen und die Rückstände auf einem mit der Honigqualität vereinbaren Niveau zu halten (Bogdanov, 2006; Kast et al., 2021).

Da Bienen in der Schweiz als Nutztiere gelten, ist die Verwendung von Tierarzneimitteln geregelt und muss dokumentiert werden. Grundsätzlich sind die für die betreffende Tierart und Indikation zugelassenen Arzneimittel zu verwenden; die in der Tierarzneimittelverordnung (TAMV) vorgesehenen Abweichungen unterstehen einem besonderen tierärztlichen Rahmen (BLV, o. D.-a).

11.5 Schwermetalle und neu auftretende Kontaminanten

Der Nachweis von Schwermetallen wie Blei, Cadmium oder Quecksilber im Honig ist nach derselben Logik auszulegen. Bienen und ihre Produkte werden mitunter als Instrumente der Umweltbeobachtung eingesetzt, weil sie Informationen aus einem weiten Sammelgebiet zusammenführen. Ein analytisches Signal kann daher zur Dokumentation einer örtlichen Belastung interessant sein, ohne dass der Honig zwangsläufig eine mengenmässig bedeutende Quelle dieses Stoffs in der menschlichen Ernährung wäre. Die Literaturübersichten zeigen, dass die Konzentrationen in der Nähe bestimmter Industrie- oder Stadtgebiete höher sein können, dass die meisten Expositionsabschätzungen aber auf einen geringen Beitrag des Honigs zur gesamten Exposition über die Nahrung schliessen; punktuelle Ausnahmen rechtfertigen gleichwohl eine Überwachung (Bogdanov, 2006; Nowak & Nowak, 2023).

Ein zweiter, von der Umwelt getrennter Eintragsweg verdient Erwähnung: das Material selbst. Weil Honig sauer ist, können Geräte, Gefässe und Verarbeitungsoberflächen Metalle abgeben, und einzelne Arbeiten deuten auffällig hohe Aluminiumgehalte im Honig im Vergleich zu den Bienen als sekundäre Kontamination und nicht als Übertragung aus der eingetragenen Ressource (Dżugan et al., 2018; Solayman et al., 2016). Dieser Weg wird im Honig selbst selten unmittelbar quantifiziert, doch er hat eine Eigenschaft, welche die Umwelt nicht hat: Er ist durch die Wahl der Materialien vollständig vom Imker beherrschbar (Kapitel 13).

Die Unterscheidung ist auch deshalb bedeutsam, weil im Honig vorhandene Metalle dessen Chemie verändern können. Anreicherungsversuche zeigen, dass Blei, Nickel, Chrom oder Cadmium die HMF-Bildung während der Lagerung beschleunigen (Birhanu & Tolcha, 2023), und Kupfer und Eisen können die Glucoseoxidase hemmen und zugleich eine prooxidative Chemie der Flavonoide begünstigen (Sanhueza & Fuentes, 2025). Es geht dabei nicht darum zu belegen, dass eine übliche Verarbeitung in Edelstahl den in Verkehr gebrachten Honig schädigt, sondern daran zu erinnern, dass eine metallische Kontamination, einmal vorhanden, nicht folgenlos bleibt.

Der analytische Fortschritt lässt schliesslich eine wachsende Kategorie neu auftretender Kontaminanten sichtbar werden: Mikroplastik, Weichmacher, per- und polyfluorierte Alkylverbindungen, Arzneimittelrückstände oder weitere organische Kontaminanten können in immer geringeren Konzentrationen gesucht werden. Ihr Nachweis ist eine interessante Umweltinformation, doch der Kurzschluss «nachgewiesen = gefährlich» ist zu vermeiden. Für mehrere dieser Stoffe reichen die Daten noch nicht aus, um ein gesundheitliches Risiko im Zusammenhang mit dem gewohnheitsmässigen Honigkonsum spezifisch zu quantifizieren. Die Multirückstandsverfahren mittels Chromatographie und Massenspektrometrie werden äusserst empfindlich, während die toxikologische Charakterisierung und die Expositionsabschätzung nicht immer im selben Tempo vorankommen (Nowak & Nowak, 2023; Słowik-Borowiec et al., 2026).

Die Sicherheit des Honigs lässt sich daher nicht auf eine Liste «guter» oder «schlechter» Stoffe reduzieren. Einzelne Regeln sind äusserst robust und sollen einfach bleiben: kein Honig vor 12 Monaten wegen des Säuglingsbotulismus. Bestimmte natürliche Risiken sind real, aber im Wesentlichen regional, wie die Grayanotoxine oder das Tutin. Andere, wie die Pyrrolizidinalkaloide, verlangen eine Beurteilung der botanischen Herkunft und der Exposition. Pestizide, Tierarzneimittel und Metalle sind schliesslich anhand ihrer Konzentration, des Konsums und ihrer Toxikologie zu beurteilen und nicht allein aufgrund ihres analytischen Vorkommens. Die allgemeine Regel bleibt damit dieselbe: Eine erkannte Gefahr ist noch kein quantifiziertes Risiko; das Risiko hängt von der tatsächlich aufgenommenen Dosis und von der Verletzlichkeit der exponierten Person ab.

12. Honig als Behandlung – was die klinischen Studien tatsächlich zu schliessen erlauben

Beurteilen, was die klinischen Studien je nach untersuchter Indikation tatsächlich über die therapeutischen Anwendungen des Honigs zu schliessen erlauben.

Honig zu essen, einen Löffel davon gegen Husten einzunehmen und ein medizinisches Produkt auf Honigbasis auf eine Wunde aufzutragen, sind drei verschiedene Interventionen. Sie setzen nicht dieselben Gewebe denselben Konzentrationen aus, beanspruchen nicht zwangsläufig dieselben Mechanismen und beruhen nicht auf demselben Grad der Standardisierung. Diese Unterscheidung ist für die Auslegung der klinischen Literatur wesentlich: Das Bestehen einer antibakteriellen Wirkung in vitro belegt nicht, dass ein Löffel Honig im Organismus eine anti-infektiöse Wirkung entfaltet, und umgekehrt schliesst das Fehlen eines allgemeinen Stoffwechselnutzens von Honig als Lebensmittel nicht aus, dass eine örtliche Anwendung in einer bestimmten Indikation nützlich ist. Die in Kapitel 8 beschriebenen Mechanismen – Osmolarität, Säure, System Glucoseoxidase–H₂O₂, Methylglyoxal und weitere Faktoren – liefern eine biologische Plausibilität, doch eine therapeutische Indikation beurteilt sich letztlich anhand von Ergebnissen bei Patientinnen und Patienten.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung bei Wunden. Medical Grade Honey (MGH) ist nicht einfach ein wegen seines botanischen Rufs ausgewählter Speisehonig: Produkte für den medizinischen Gebrauch werden nach Kriterien der Reproduzierbarkeit, der mikrobiologischen Sicherheit und einer für die klinische Anwendung geeigneten Qualität ausgewählt und aufbereitet. Speisehonig ist, wie in Kapitel 8 dargelegt, nicht steril. Diese Eigenschaft ist für den normalen Verzehr hinnehmbar, wird aber problematisch, sobald ein Produkt unmittelbar auf eine Wunde aufgetragen wird.

Postmes et al. (1995) haben experimentell gezeigt, dass eine Gammabestrahlung Honige sterilisieren kann, die künstlich mit Sporen von Clostridium botulinum und Bacillus subtilis kontaminiert worden waren. Bei 25 kGy waren die stark beimpften Proben steril, während die gesamte antibakterielle Wirkung erhalten blieb; die Amylaseaktivität nahm je nach Honig allerdings in unterschiedlichem Ausmass ab. Der Vorzug des Verfahrens liegt gerade darin, das mikrobiologische Risiko zu verringern, ohne das Produkt einer starken Erwärmung auszusetzen, die weitere Bestandteile verändern könnte (Postmes et al., 1995).

12.1 Was die klinische Literatur zu vergleichen erlaubt

Diese Standardisierung beseitigt nicht alle Auslegungsschwierigkeiten. Die untersuchten Produkte unterscheiden sich in ihrer botanischen Herkunft, ihrer Zusammensetzung und mitunter durch den Zusatz weiterer Bestandteile. Zudem sind an einem Teil der neueren MGH-Literatur Forschende beteiligt, die bei Herstellern angestellt sind, oder sie betrifft Produkte, die von diesen Unternehmen zur Verfügung gestellt wurden. Diese Verbindungen werden in mehreren Publikationen ausdrücklich offengelegt und machen die Ergebnisse nicht ungültig, doch sie verstärken die Bedeutung einer unabhängigen Replikation, besonders bei Fallserien und bei Studien zu einem bestimmten kommerziellen Produkt. Zurückhaltung ist umso mehr angebracht, als auch einzelne neuere Vorschläge zur Definition und Standardisierung des MGH Autoren mit Herstelleraffiliation aufweisen (Peters et al., 2025).

12.2 Der Husten: eine kleine Wirkung, doch was wird genau gemessen?

Der akute Husten beim Kind ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die Schwierigkeit, pharmakologische, physikalische und kontextbedingte Wirkungen auseinanderzuhalten. Die Cochrane-Übersichtsarbeit von Oduwole et al. (2018) kommt zum Schluss, dass Honig einzelne Symptome des akuten Hustens beim Kind gegenüber keiner Behandlung, gegenüber einem Placebo oder gegenüber Diphenhydramin verringern kann, dass die Qualität der Evidenz aber schwankt und die Unterschiede zu Dextromethorphan sehr viel weniger klar sind. Die Studien waren von kurzer Dauer und erfassten im Wesentlichen die von den Eltern berichteten nächtlichen Symptome (Oduwole et al., 2018).

Die britische Empfehlung des NICE spiegelt genau dieses Evidenzniveau. Sie stellt Honig nicht als belegte Behandlung der Hustenursache dar, hält aber fest, dass Personen über einem Jahr Honig zur Linderung der Symptome eines akuten Hustens ausprobieren können, und weist zugleich darauf hin, dass die Belege für einen Nutzen begrenzt sind. Das NICE betont ferner, dass die klinische Bedeutung der beobachteten Unterschiede unsicher bleibt und dass die süsse und zähflüssige Konsistenz von Hustenmitteln selbst eine beruhigende Wirkung entfalten kann (NICE, 2019).

Dieser Vorbehalt ist mit der multizentrischen Studie von Nishimura et al. (2022) besonders interessant geworden. Einhunderteinundsechzig Kinder im Alter von einem bis fünf Jahren mit einer Infektion der oberen Atemwege erhielten doppelblind entweder Akazienhonig oder einen mit Honig aromatisierten Placebosirup. Die nächtlichen Symptome besserten sich in beiden Gruppen im Verlauf der zwei Behandlungsnächte, doch zwischen Honig und Placebo wurde kein statistisch signifikanter Unterschied beobachtet (Nishimura et al., 2022).

12.3 Was geschieht, wenn das Placebo wirklich nach Honig schmeckt?

In mehreren älteren Studien wurde Honig mit keiner Behandlung oder mit einem Produkt verglichen, das seinen Geschmack, seine Viskosität und das Erlebnis der Einnahme vor dem Zubettgehen nicht vollständig nachbildete. Die Eltern wussten daher mitunter oder konnten erraten, dass ihr Kind Honig erhielt.

Die Studie von Nishimura et al. (2022) hat genau diesen Punkt korrigiert, indem sie einen mit Honig aromatisierten Sirup verwendete, der vom Prüfprodukt sehr viel schwerer zu unterscheiden war.

Dieses Ergebnis belegt nicht, dass jede Wirkung des Honigs gegen Husten null wäre. Die Studie war nicht als Äquivalenzstudie angelegt, die irgendeine kleine Wirkung hätte ausschliessen können. Sie zeigt jedoch, dass ein Teil der beobachteten Besserung durch unspezifische Faktoren erklärt werden kann: lindernde Wirkung einer süssen und zähflüssigen Flüssigkeit auf den Rachen, Speichelfluss, Nutzenerwartung, Zubettgeh-Ritual und Spontanverlauf der Infektion.

Honig bleibt somit eine vertretbare Möglichkeit zur symptomatischen Linderung bei Kindern über einem Jahr, doch die Daten rechtfertigen es nicht, ihn zu einem Hustenmittel mit solide belegter spezifischer pharmakologischer Wirkung zu erklären.

Zu vermeiden ist ausserdem eine häufige Übertragung: Die Mehrzahl dieser Studien betrifft Kinder mit akuten Atemwegsinfektionen. Sie belegen nicht automatisch eine gleiche Wirksamkeit bei Erwachsenen, bei chronischem Husten, bei Asthma oder bei anderen Atemwegserkrankungen. Das klinische Signal ist daher eng umgrenzt: eine mögliche kurzfristige symptomatische Linderung bei bestimmten akuten Formen des Hustens im Kindesalter und nicht eine allgemeine Eigenschaft «des Honigs gegen Husten».

12.4 Die Wunden: Ergebnisse, die von der Art der Läsion abhängen

Die örtliche Anwendung von Honig verfügt über eine sehr viel umfangreichere, zugleich aber sehr heterogene klinische Literatur. Die Cochrane-Übersichtsarbeit von Jull et al. (2015) identifizierte 26 Studien mit insgesamt 3'011 Teilnehmenden, die Verbrennungen, akute Wunden, venöse Ulzera, diabetische Fussulzera, Dekubitus und mehrere weitere Wundarten abdeckten. Die Autoren kamen zum Schluss, dass sich keine allgemeine Aussage über «Honig bei Wunden» treffen lasse, gerade weil sich die Krankheitsbilder, die Vergleichsbehandlungen und die methodische Qualität stark unterschieden (Jull et al., 2015).

Das günstigste Signal betraf bestimmte Verbrennungen zweiten Grades. Für den Vergleich mit mehreren herkömmlichen Wundauflagen schätzte die Cochrane-Übersichtsarbeit, dass Honig die Heilungszeit im Mittel um rund 4,7 Tage verkürzte, gestützt auf zwei Studien mit insgesamt 992 Teilnehmenden, und stufte diese Evidenz für dieses eine Ergebnis als hochwertig ein (Jull et al., 2015). Dieser Schluss muss allerdings an seine Vergleichsbehandlungen und an seinen historischen Bestand gebunden bleiben: Ein grosser Teil der Studien zu Verbrennungen stammt von einer beschränkten Zahl von Arbeitsgruppen, namentlich aus Arbeiten von Subrahmanyam, und die Vergleichsbehandlungen umfassten sehr unterschiedliche Verfahren – Polyurethanfolie, Paraffingaze, antibiotikahaltige Gaze oder offene Behandlung der Verbrennung. Derselbe Bestand zeigt im Übrigen, dass eine frühe Exzision mit anschliessender Transplantation bei denjenigen Verbrennungen schneller war, bei denen diese Strategie indiziert war. Es wäre daher unzulässig, das Cochrane-Ergebnis in die allgemeine Aussage zu überführen, «Honig sei die beste Behandlung von Verbrennungen» (Subrahmanyam, 1991; Jull et al., 2015).

Bei chronischen Wunden ist die Lage unsicherer. Eine 2024 aktualisierte Metaanalyse von acht Studien mit 906 Teilnehmenden fand eine Verkürzung der mittleren Heilungszeit mit Honigauflagen, allerdings bei sehr hoher Heterogenität; die Gesamtqualität der Evidenz wurde namentlich wegen Verzerrungsrisiken, Inkonsistenz und Publikationsbias als sehr gering beurteilt (Tang et al., 2024). Die Autoren selbst verlangen daher trotz günstiger quantitativer Schätzungen eine vorsichtige Auslegung (Tang et al., 2024).

Das venöse Unterschenkelulkus zeigt, weshalb die zugrunde liegende Krankheit nie hinter der verwendeten Wundauflage verschwinden darf. In einer grossen randomisierten Studie mit 368 Patientinnen und Patienten, die alle mit Kompression behandelt wurden – der zentralen ursächlichen Behandlung des venösen Ulkus –, erhöhte die zusätzliche Anwendung einer mit Honig imprägnierten Auflage den Anteil der nach zwölf Wochen abgeheilten Ulzera nicht signifikant und war mit mehr unerwünschten Ereignissen verbunden (Jull et al., 2008). Die Cochrane-Übersichtsarbeit ging daher davon aus, dass die Daten für diese Indikation keinen robusten Vorteil des Honigs belegen (Jull et al., 2015).

Beim diabetischen Fuss hat sich die Datenlage entwickelt. Die Cochrane-Übersichtsarbeit von 2015 verfügte lediglich über zwei kleine Studien mit insgesamt 93 Teilnehmenden und kam zum Schluss, die Evidenz sei ungenügend (Jull et al., 2015). Seither sind weitere Studien veröffentlicht worden. Eine Metaanalyse von 2026, die 16 randomisierte Studien mit 1'423 Teilnehmenden zusammenfasst, berichtet eine höhere Rate vollständiger Abheilung und eine kürzere Heilungszeit mit Honigauflagen gegenüber den Vergleichsbehandlungen. Die Autoren beurteilen die Sicherheit der Evidenz allerdings für die Heilungsrate als moderat und für die Heilungszeit als gering (Yao et al., 2026). Diese Daten stärken somit die Plausibilität eines Nutzens beim diabetischen Fuss, rechtfertigen es aber nicht, die grundlegenden Elemente der Behandlung zu ersetzen: mechanische Druckentlastung, Kontrolle von Infektion und Ischämie, Débridement wo nötig, Stoffwechselkontrolle und multidisziplinäre Betreuung.

Die Literatur zu den Wunden führt insgesamt weniger zur Frage «Heilt Honig Wunden?» als zur Präzisierung, welche Wunde, welches Produkt, welche Vergleichsbehandlung und welche Grundbehandlung gemeint sind. Eine örtliche Intervention kann das Wundmilieu verbessern, ohne die Ursache des Ulkus zu behandeln, und die für eine oberflächliche Verbrennung belegte Wirksamkeit lässt sich nicht auf ein arterielles Ulkus oder einen infizierten diabetischen Fuss übertragen.

12.5 Orale Mukositis: eine spezifischere Indikation

Die durch die Bestrahlung von Kopf-Hals-Tumoren verursachte orale Mukositis ist eine weitere Indikation, in der ein verhältnismässig kohärentes klinisches Signal aufgetreten ist. Die Studien untersuchten die orale Anwendung von Honig vor oder nach den Bestrahlungssitzungen, mitunter verbunden mit seiner Einnahme. Die Ergebnisse sind nicht vollkommen einheitlich, doch mehrere Synthesen zeigen eine Abnahme der Häufigkeit schwerer Mukositiden sowie günstige Signale bei Schmerz, Gewichtsverlust oder Unterbrüchen der onkologischen Behandlung (An et al., 2021; Anshasi et al., 2025).

Diese Literatur hat die Gruppe MASCC/ISOO 2020 dazu bewogen, eine Anregung (suggestion) zugunsten von topisch und systemisch verabreichtem Honig zur Vorbeugung der oralen Mukositis bei Patientinnen und Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren unter Strahlentherapie, mit oder ohne Chemotherapie, abzugeben (Yarom et al., 2020). Die Wortwahl ist bedeutsam: In der Methodik von MASCC/ISOO entspricht eine suggestion einem geringeren Unterstützungsgrad als demjenigen, der für eine recommendation erforderlich ist. Es handelt sich somit weder um ein universelles Mittel gegen alle Mukositiden noch um eine starke Empfehlung, die auf alle Chemotherapien anwendbar wäre (Yarom et al., 2020).

Eine 2025 veröffentlichte Übersicht über Übersichtsarbeiten bestärkt diese differenzierte Lesart. Unter zwölf bewerteten systematischen Übersichtsarbeiten betrafen die kohärentesten Ergebnisse die Abnahme schwerer Mukositiden der Grade III–IV bei Erwachsenen unter Strahlentherapie. Für sämtliche Grade sowie für Mukositiden im Zusammenhang mit Chemotherapie oder Radiochemotherapie waren die Daten aufgrund der Heterogenität der Studien, der Produkte und der Protokolle weit weniger schlüssig (Anshasi et al., 2025).

Verfrüht wäre auch der Schluss, herkömmliche Honige seien dem Manukahonig klinisch überlegen, weil einzelne Übersichtsarbeiten in den Studien mit Ersteren günstigere Ergebnisse gefunden haben. Die Studien sind keine ausgewogenen unmittelbaren Vergleiche zwischen Honigtypen: Populationen, Bestrahlungsmodalitäten, Dosen, Verabreichungsprotokolle und Vergleichsbehandlungen unterscheiden sich. Ein Unterschied zwischen Studiengruppen kann daher eine Hypothese erzeugen, aber keine therapeutische Rangordnung zwischen botanischen Herkünften begründen.

Diese Beispiele erlauben es, eine recht klare Grenze zwischen dem zu ziehen, was die klinische Wissenschaft stützt, und dem, was sie nicht stützt. Die antimikrobielle Wirkung des Honigs ist im Labor gut belegt, doch sie berechtigt nicht dazu, seinen Verzehr als allgemeine Behandlung von Infektionen darzustellen. Die Einnahme von Honig kann bei bestimmten akuten Formen des Hustens im Kindesalter eine bescheidene Linderung bringen, auch wenn die Studie mit aromatisiertem Placebo zeigt, wie schwer die spezifische Wirkung zu isolieren bleibt. Die örtlichen Anwendungen ergeben bei bestimmten Wunden tatsächlich günstige Ergebnisse, während andere Indikationen unsicher bleiben und das medizinische Produkt nicht durch einen Speisehonig ersetzt werden kann. Und schliesslich ist die schwere Mukositis im Zusammenhang mit der Bestrahlung von Kopf-Hals-Tumoren die einzige Indikation, für die spezialisierte Empfehlungen heute einen hinreichend glaubwürdigen Nutzen anerkennen, um eine klinische Anregung zu rechtfertigen.

Die therapeutische Wirksamkeit des Honigs ist somit in bestimmten Zusammenhängen real, doch sie ist spezifisch für die Indikation, das Produkt, den Verabreichungsweg und die Vergleichsbehandlung. Gerade diese Spezifität unterscheidet eine evidenzbasierte medizinische Anwendung von der allgemeinen Behauptung, «Honig heile».

13. Von der Erkenntnis zur imkerlichen Praxis – was daraus tatsächlich folgt

Die massgebenden Mechanismen und Grenzwerte in imkerliche Entscheidungen zu Ernte, Kristallisation, Fütterung, Lagerung, Rückständen und Kommunikation übersetzen.

Die Wissenschaft vom Honig ist praktisch nur dann von Interesse, wenn sie bessere Entscheidungen ermöglicht. Ein grosser Teil der Fehler in der Betriebsführung rührt jedoch weniger von fehlenden Regeln her als davon, dass eine gute Regel auf die falsche Frage angewendet wird. Die Verdeckelung sagt etwas über den Fortschritt der Reifung aus, misst aber nicht unmittelbar das Wasser; das Refraktometer misst den Wassergehalt, aber nicht die gesamte mikrobiologische Stabilität; die Kristallisation sagt etwas über den physikalischen Zustand des Honigs aus, aber nichts über seine Echtheit; das HMF sagt etwas über einen Teil der thermischen Geschichte aus, doch seine Konzentration ist für sich allein kein Mass für das toxikologische Risiko. Gute Praxis besteht daher darin, zuerst das zu lösende Problem zu bestimmen und danach den tatsächlich massgebenden Mechanismus, die massgebende Messgrösse oder die massgebende Rechtsnorm auszuwählen. Diese Logik lässt sich so zusammenfassen: Praxis → Belege → Empfehlung.

13.1 Ernte und Reife

Für die Entscheidung über den Erntezeitpunkt bleibt die Verdeckelung ein ausgezeichneter erster Anhaltspunkt: Eine weitgehend verdeckelte Honigzarge zeigt an, dass das Volk den Reifungsprozess weit vorangetrieben hat. Doch wie in Kapitel 2 dargelegt, ist die Verdeckelung kein analytischer Grenzwert, und eine starke Tracht kann zu Situationen führen, in denen selbst verdeckelter Honig noch mehr Wasser enthält als erwünscht. Agroscope empfiehlt daher, die Beobachtung der Waben in unsicheren Situationen durch eine refraktometrische Messung zu ergänzen (Kast & Ritter, 2014). In der Praxis ist es nicht nötig, jede Zelle zu messen: Die Verdeckelung dient als biologischer Vorfilter, danach erlauben einige repräsentative Proben die Kontrolle der Risikosituationen. Eine frühe Ernte, eine starke Tracht, feuchte Witterung oder sehr uneinheitliche Waben rechtfertigen erhöhte Aufmerksamkeit. Die operative Regel ist somit einfach: zuerst die Reifung im Volk beobachten, danach messen, wenn die Beobachtung zur Absicherung der Entscheidung nicht ausreicht.

Der Wassergehalt ist gerade einer der wenigen Parameter, bei denen ein einfaches Instrument dem Imker eine unmittelbar verwertbare Information liefert. Das Refraktometer ist daher das praktische Referenzwerkzeug, sofern es korrekt kalibriert ist, die Probe repräsentativ ist und Temperatur und Messbedingungen beherrscht werden.

Gleichwohl sind drei Ebenen zu unterscheiden, welche die Praxis oft vermengt. Anhang 7 der Verordnung des EDI über Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH) legt für gewöhnlichen Honig einen Wassergehalt von höchstens 20 % fest: Das ist eine schweizerische rechtliche Anforderung. Agroscope empfiehlt, idealerweise weniger als 17,5 % anzustreben, um über eine gute Marge gegenüber der Gärung zu verfügen: Das ist ein Qualitätsziel. Das Reglement des Qualitätssiegels von apisuisse — ein freiwilliges Programm der Schweizer Imkerverbände, dargestellt in 13.8 — legt seinerseits höchstens 18,5 % fest: Das ist eine programmeigene Anforderung und nicht die allgemeine gesetzliche Grenze (VLtH, Anhang 7; Kast & Ritter, 2014; apisuisse, 2024). Diese Zahlen widersprechen einander nicht: Sie beantworten verschiedene Fragen. Der zugrunde liegende Mechanismus bleibt die in Kapitel 5 beschriebene Wasseraktivität: Je weniger Wasser für osmophile Hefen verfügbar ist, desto grösser ist die Stabilitätsmarge. Zu Kalibrierung und Probenahme siehe Kalibrierung des Refraktometers und Den Wassergehalt des Honigs beherrschen.

Eine Präzisierung ist allerdings angebracht: Der bei der Schleuderung gemessene Wassergehalt ist nicht endgültig festgelegt. Wie Kapitel 5 zeigt, liegt die Gleichgewichtsfeuchte des Honigs bei rund 50 bis 60 % relativer Luftfeuchtigkeit, also unter derjenigen eines gewöhnlichen Raums, und die Sorption beginnt an der freiliegenden Oberfläche. Die kritischen Momente sind daher nicht diejenigen des verschlossenen Glases, sondern diejenigen, in denen der Honig seine grösste Austauschfläche aufweist: Honigzargen, die in einem feuchten Raum auf die Schleuderung warten, eine offen stehende Schleuder oder ein offen stehender Abfülleimer, ein Honig, der zur Erzielung einer cremigen Textur mehrere Tage gerührt wird.

Ein bei der Schleuderung mit 17,5 % gemessener Honig kann so vor dem Abfüllen ein Qualitätsziel überschreiten, ohne dass Wasser zugesetzt worden wäre. Die praktische Konsequenz ist zweifach: die Luftfeuchtigkeit im Schleuderraum kontrollieren und die Zeit begrenzen, während der der Honig offen steht. Derselbe Mechanismus wirkt im Übrigen auch in die andere Richtung; eine hinreichend trockene Luft entzieht dem Honig Wasser, was den Einsatz eines entfeuchteten Raums für auf die Schleuderung wartende Honigzargen erklärt.

Diese Möglichkeit verlangt allerdings eine Unterscheidung. Die Luft eines Raums zu trocknen, damit Honigzargen bis zur Schleuderung keine Feuchtigkeit aufnehmen, ist nicht dasselbe wie einen bereits geschleuderten Honig zu entfeuchten, um seinen Wassergehalt zu senken. Wie Kapitel 9 zeigt, ist die vorgezogene Ernte mit anschliessender technischer Trocknung gerade eines der in der weltweiten Produktion festgestellten Qualitätsprobleme. Der Grund liegt in dem, was Kapitel 2 erläutert: Die Reifung ist nicht nur ein Wasserverlust, sondern auch eine enzymatische und stoffliche Umwandlung. Eine Trocknung korrigiert die Zahl, nicht die Reife. Ein zu früh geernteter und anschliessend entfeuchteter Honig kann einen konformen Wassergehalt aufweisen, ohne sämtliche Umwandlungen durchlaufen zu haben, die reifen Honig ausmachen.

13.2 Kristallisation: steuern statt hinnehmen

Die Kristallisation verlangt einen vergleichbaren Perspektivenwechsel. Alle Honige dauerhaft flüssig halten zu wollen, heisst gegen eine thermodynamisch normale Eigenschaft einer an Glucose übersättigten Lösung anzukämpfen. Die praktische Frage lautet daher nicht, wie die Kristallisation zu verhindern ist, sondern welche Textur angestrebt wird. Wenn ein Honig spontan und gleichmässig kristallisiert, verliert er nichts an Qualität.

Ist ein Cremehonig mit feinen Kristallen das Ziel, so lassen sich mit Impfen, Temperatur und Rühren der Vorgang steuern. Das wissenschaftliche Prinzip ist robust: Mehr Nukleationsstellen begünstigen eine stärker verteilte und in der Regel feinere Kristallisation. Die Einzelheiten des Vorgehens — Rührhäufigkeit, Impfmenge, Endkonsistenz — gehören dagegen zu einem Erfahrungswissen, das mit dem Honigtyp und dem verwendeten Material variiert; sie sind als solches darzustellen und nicht als allgemeingültige physikalisch-chemische Gesetze. Die praktische Empfehlung lautet daher, die Kristallisation zu steuern, wenn die Textur ein kommerzielles Ziel ist, statt jede Kristallisation als Mangel zu betrachten. Die Methoden werden in Kristallisation des Honigs behandelt.

13.3 Melezitose: früh entscheiden

Die Melezitose ist der Fall, in dem eine frühe Beobachtung die späteren Möglichkeiten grundlegend verändern kann, sowohl zum Zeitpunkt der Ernte als auch bei der Vorbereitung auf die Überwinterung. Wenn ein Honigtauhonig in den Waben rasch zu kristallisieren beginnt und immer schwerer zu schleudern ist, verringert das Zuwarten, bis die Zellen zu «Zementhonig» geworden sind, die Optionen erheblich. Eine noch schleuderbare Ernte lässt sich rasch verarbeiten; ist ein wesentlicher Teil in den Waben bereits kristallisiert, werden besondere Strategien nötig. Die praktische Empfehlung lautet daher, die Verhaltensänderung früh zu erkennen, die Schleuderbarkeit zu prüfen und einzugreifen, bevor die Kristallisation in den Waben eine herkömmliche Ernte verunmöglicht.

Die Frage endet jedoch nicht bei der Ernte. Wie in Kapitel 6 erläutert, zeigen die Fütterungsversuche, dass eine melezitosereiche Ernährung die Darmbelastung und die Mortalität der Bienen erhöht, während die Feldbeobachtungen Melezitosetrachten mit einem erhöhten Risiko während der Überwinterung in Verbindung bringen (Seeburger et al., 2020; Oberreiter & Brodschneider, 2020). Das Zentrum für Bienenforschung von Agroscope rät folglich davon ab, Völker ausschliesslich auf melezitosereichen Vorräten überwintern zu lassen. Wenn sich am Saisonende noch erhebliche Mengen Wald- oder Melezitosehonig in den Brutwaben befinden, empfiehlt Agroscope, vor der Fütterung mehrere stark gefüllte Waben durch leere Waben oder Mittelwände zu ersetzen, um die Einlagerung eines besser geeigneten Winterfutters zu ermöglichen (Agroscope, o. D.-a).

Die praktische Konsequenz ist somit zweifach: während der Tracht die Melezitose früh genug erkennen, um die Erntemöglichkeiten zu wahren; vor der Überwinterung verhindern, dass ein hoher Anteil dieser Vorräte das einzige Futter des Volkes bildet.

Die verschiedenen praktischen Möglichkeiten werden in Die Melezitose: Herkunft, Risiken und praktischer Umgang am Bienenstand behandelt.

13.4 Honig oder Sirup: was ist das bessere Winterfutter?

Die Vorstellung, Honig sei für die Bienen zwingend weit vorteilhafter als ein Futtersirup, wirkt einleuchtend: Es ist ihre natürliche Nahrung, und er enthält neben den Zuckern organische Säuren, Enzyme, Mineralstoffe und verschiedene Substanzen pflanzlicher Herkunft. Diese Bestandteile können biologische Wirkungen haben. Für die Wintervorräte bleibt die mengenmässig dominierende Funktion jedoch die Energieversorgung.

Honig besteht selbst hauptsächlich aus Fructose und Glucose. Die verfügbaren Vergleichsdaten bleiben allerdings begrenzt und belegen keine allgemeine und robuste Überlegenheit geeigneter Blütenhonigvorräte gegenüber einem sachgerecht zubereiteten Saccharosesirup (Quinlan et al., 2023).

Saccharose wird nicht unmittelbar in ihrer ursprünglichen Form aufgenommen: Sie muss zuerst zu Glucose und Fructose hydrolysiert werden. Die Bienen sind dank ihrer α-Glucosidase, oft Invertase genannt, für diese Reaktion jedoch sehr gut ausgerüstet. Bei der industriellen Invertierung eines Sirups wird dieselbe Hydrolyse vorgenommen, bevor das Produkt den Bienen gegeben wird. Sie kann enzymatisch oder chemisch erfolgen. Dass ein Sirup bereits mehr Glucose und Fructose enthält, bedeutet allerdings nicht, dass er biologisch überlegen wäre: In einem Feldversuch mit 70 Völkern verbesserte ein enzymatisch invertierter Sirup weder die Überwinterung noch die Frühjahrsentwicklung noch die spätere Produktion signifikant gegenüber einem Saccharosesirup (Přidal et al., 2023).

Die Qualität des Sirups zählt allerdings ebenso sehr wie seine Zusammensetzung. Sirupe können Hydroxymethylfurfural enthalten, dessen Gehalt mit der Herstellungswärme und der Lagerdauer steigt. Diese Verbindung, für den Menschen bloss ein Qualitätsmarker (Kapitel 7), ist für die Biene nun aber nicht belanglos: Experimentelle Arbeiten zeigen, dass HMF in Käfigen gehaltene Bienen beeinträchtigt und dass seine Bildung in Maissirupen mit hohem Fructosegehalt mit einer Toxizität für die Biene einhergeht (LeBlanc et al., 2009; Gregorc et al., 2020). Allgemeiner kann die Zuckerfütterung Nebenwirkungen auf die Gesundheit des Volkes haben, die sich nicht auf ihren blossen Energiebeitrag reduzieren lassen (Frizzera et al., 2020). Ein sorgfältig hergestellter und kühl gelagerter Sirup ist daher einem überhitzten oder lange gelagerten Sirup vorzuziehen.

Es gibt somit kein wissenschaftlich belegtes optimales Verhältnis zwischen Monosacchariden, Disacchariden und komplexeren Zuckern. Der Invertierungsgrad ist für sich allein kein Qualitätskriterium des Futters. Wichtiger ist, dass die Zucker von der Biene wirksam hydrolysiert, aufgenommen und verstoffwechselt werden können, dass die Vorräte physikalisch nutzbar bleiben und dass das Produkt keine problematischen Mengen schwer verwertbarer Zucker oder Abbauprodukte enthält (Přidal et al., 2023; Szczęsna et al., 2021).

Vergleich der wichtigsten Kohlenhydratfuttermittel für die Überwinterung
Kohlenhydratfutter Praktische Beurteilung Wissensstand
Sachgerecht zubereiteter Saccharosesirup Gut etablierter Standard Die Saccharose wird von den Bienen wirksam zu Glucose und Fructose hydrolysiert. Ein Feldversuch zeigte für die Überwinterung keinen allgemeinen Vorteil eines enzymatisch invertierten Sirups gegenüber Saccharose (Přidal et al., 2023).
Enzymatisch invertierter Sirup für Bienen Gut verwendbar, ohne belegten allgemeinen Vorteil Er liefert unmittelbar mehr Glucose und Fructose, doch die verfügbaren Versuche zeigen keine allgemeine Überlegenheit gegenüber Saccharose. Herstellungs- und Lagerqualität bleiben wichtig (Přidal et al., 2023; Quinlan et al., 2023).
Geeigneter Blütenhonig Natürlicher Vorrat; Vergleichsdaten noch begrenzt Er ist der natürliche Vorrat des Volkes und enthält Nebenbestandteile, die einem blossen Sirup fehlen. Eine allgemeine und robuste Überlegenheit gegenüber Saccharose für die Überwinterung ist nicht belegt (Quinlan et al., 2023).
Stärkesirup geeigneter Zusammensetzung Je nach Zusammensetzung des Produkts verwendbar Einzelne Produkte ermöglichten eine mit Saccharose vergleichbare Überwinterung. Ihre Eignung hängt vom Zuckerprofil, von den komplexeren Sacchariden und vom Verhalten der Vorräte nach der Umwandlung durch die Bienen ab (Szczęsna et al., 2021).
Maissirup mit hohem Fructosegehalt (HFCS) Uneinheitlichere Datenlage; Vorsicht bei der Lagerung Er kann verwendet werden, doch einzelne Studien zeigen weniger günstige physiologische Kennwerte als mit Honig oder Saccharose. Fructosereiche Produkte sind bei längerer oder warmer Lagerung anfällig für die HMF-Bildung (LeBlanc et al., 2009; Quinlan et al., 2023).
Handwerklich durch Ansäuern invertierter Saccharosesirup, besonders unter Erwärmung Nicht empfohlen Das Ansäuern bringt keinen belegten Nutzen und begünstigt, besonders unter Wärme, die HMF-Bildung. Negative Wirkungen wurden experimentell beobachtet (Frizzera et al., 2020; Gregorc et al., 2020).
Stark melezitosereiche Vorräte Als überwiegendes Winterfutter ungünstig Die Melezitose erhöht die Darmbelastung und wurde experimentell mit erhöhter Mortalität sowie im Feld mit mehr Winterverlusten in Verbindung gebracht (Seeburger et al., 2020; Oberreiter & Brodschneider, 2020).

Dieser Vergleich zeigt auch, weshalb die Gegenüberstellung von «natürlicher Nahrung» und «künstlichem Zucker» zu einfach ist. Nicht alle Honige sind als Winterfutter gleich günstig, und nicht alle Sirupe sind gleichwertig. Ein melezitosereicher Honig kann für die Überwinterung weniger geeignet sein als ein einfacher Saccharosesirup, während ein schlecht formulierter, stark erhitzter oder angesäuerter Sirup Risiken einbringen kann, die bei sachgerecht zubereiteter Saccharose nicht bestehen.

Die praktische Empfehlung lautet daher, Kohlenhydratvorräte zu bevorzugen, die von den Bienen gut verwertbar, in den Waben stabil und frei von unerwünschten Abbauprodukten sind. Die Saccharose erfüllt diese Kriterien gut und ist ein solide etablierter praktischer Standard. Ein bereits invertierter Sirup kann praktisch sein, doch «stärker invertiert» bedeutet nicht «besser für die Biene».

13.5 Wärme, Abfüllung und Lagerung

Auch die Wärme ist nach einem Ziel zu steuern und nicht nach einer zum Symbol erhobenen Temperatur. Einen Honig zu verflüssigen, das Pumpen zu erleichtern oder ein Abfüllen zu ermöglichen, kann eine Wärmezufuhr erfordern. Kapitel 7 hat gezeigt, dass es keine magische biologische Grenze bei 40 °C gibt: Die HMF-Bildung, die Enzyminaktivierung und der Verlust von Aromastoffen gehorchen Kinetiken, die von der Zeit, von der Temperatur und vom Honig selbst abhängen (Tosi et al., 2002, 2008; Manickavasagam et al., 2024). Das bedeutet nicht, dass die Temperatur unwichtig wäre; im Gegenteil, die Reaktionsgeschwindigkeiten steigen mit ihr stark an. Die robusteste Praxis besteht daher darin, nur bis zu dem für den Vorgang nötigen Niveau zu erwärmen, während der kürzestmöglichen Zeit, und den Honig danach nicht unnötig warm zu halten. Grosse Gefässe erfordern besondere Aufmerksamkeit, denn die schlechte Wärmeleitfähigkeit des Honigs kann erhebliche Unterschiede zwischen der Mitte und den beheizten Oberflächen erzeugen: Eine annehmbare Durchschnittstemperatur schützt nicht vor einer örtlichen Überhitzung. Ein gut geregelter Wärmeschrank, ein angemessenes Rühren, wo die Technik es zulässt, und die Vermeidung von Hitzestellen zählen daher mehr als das Vertrauen in eine einzelne Zahl.

Dieselbe Logik setzt sich während der Lagerung fort. Einmal geschleudert und abgefüllt, entwickelt sich der Honig langsam weiter. Ein dicht verschlossenes Gefäss begrenzt den Feuchtigkeitsaustausch mit der Luft; eine trockene Umgebung verringert das Risiko einer Wasseraufnahme an der Oberfläche; die Dunkelheit begrenzt den Abbau von Farbe, phenolischen Verbindungen und Peroxidsystem (Kapitel 7); eine mässige Temperatur verlangsamt die Alterungsreaktionen. Agroscope empfiehlt für eine qualitätserhaltende Aufbewahrung eine dichte, trockene und dunkle Lagerung in einem kühlen Bereich von rund 10 bis 16 °C (Agroscope, o. D.-b).

Dieser Bereich ist für keinen der Parameter einzeln betrachtet optimal, und gerade das macht ihn zu einer praktischen Empfehlung. Er minimiert die chemische Alterung nicht: Wie der Kasten in Kapitel 7 zeigt, bewahrt eine Aufbewahrung bei 4 °C oder in Tiefkühlung HMF, Enzymaktivität und Farbe besser. Er minimiert auch die Kristallisation nicht, da er den Bereich weitgehend abdeckt, in dem diese am raschesten verläuft (Kapitel 5). Was er bietet, ist ein Kompromiss: eine Temperatur deutlich unter derjenigen eines beheizten Raums, also eine erhebliche Verlangsamung der Alterung; ein Honig, der unmittelbar handhabbar bleibt, ohne Kühlausrüstung und ohne Zwang zu einer Kühlkette; und ein Bereich, der sich in einem Keller oder einem gewöhnlichen Schleuderraum verwirklichen lässt.

Der Kompromiss ist umso annehmbarer, als die Kristallisation kein Qualitätsmangel ist. Ein Bestand, der kristallisiert verkauft oder zu Cremehonig verarbeitet werden soll, verliert nichts, wenn er in diesem Bereich gelagert wird. Ist umgekehrt das Ziel, die Merkmale eines bestimmten flüssigen Honigs möglichst lange zu erhalten — ein Honig aus der laufenden Ernte für einen Wettbewerb, eine Referenzrückstellprobe, eine über mehrere Jahre aufbewahrte Partie —, so werden Kühlung oder Tiefkühlung zur besseren Option. Die Temperatur ist daher danach zu wählen, was erhalten werden soll, und nicht als Suche nach einem einzigen Wert.

Unabhängig von der gewählten Temperatur entscheidet die Dichtigkeit des Gefässes. Die Übersichtsarbeiten zur Lagerung bei tiefen Temperaturen zeigen in der Regel keine signifikante Veränderung des Wassergehalts, wenn der Honig in einem dicht verschlossenen Behälter aufbewahrt wird (Manickavasagam et al., 2024). Das Risiko rührt von der Exposition gegenüber feuchter Luft her, und es besteht bei Raumtemperatur ebenso: Wie Kapitel 5 zeigt, liegt die Gleichgewichtsfeuchte des Honigs unter derjenigen eines gewöhnlichen Wohnraums. Massgebend sind daher die freiliegende Oberfläche und die Luftfeuchtigkeit, nicht der Temperaturunterschied.

Das Gefäss entscheidet auch über anderes. Tananaki et al. (2005) bewahrten Honigtauhonig in Behältern auf, die zuvor für Gewürze, Kaffee oder Tee verwendet worden waren, und fanden im Honig flüchtige Verbindungen des früheren Inhalts wieder: eine einzige Substanz beim Kaffee, zwei bei der Pfefferminze, drei beim Salbei, vier beim Zimt, acht beim Oregano und bis zu neun beim Basilikum, während der Tee keine nachweisbare Wirkung zeigte. Die Übertragung war für Verkosterinnen und Verkoster wahrnehmbar, und ihr Ursprung war nicht die Gefässwand, sondern die Kunststoffdichtung des Deckels (Tananaki et al., 2005).

Die daraus folgende Regel ist genauer als der Merksatz, «Honig nehme Gerüche an». Belegt ist die Übertragung aus einem Gefäss oder einem Deckel, der bereits ein aromatisches Produkt enthalten hat, mit einer Intensität, die stark von diesem Produkt abhängt. Dagegen ist die Aufnahme von Gerüchen aus der Umgebungsluft eines Raums, ebenso wie der Einfluss der freiliegenden Oberfläche und der Expositionsdauer, praktisch nicht gemessen; die übliche Vorsicht in diesem Punkt beruht mehr auf Berufserfahrung als auf einem Nachweis. Die praktische Konsequenz ist einfach: keine Gefässe und keine Deckel wiederverwenden, die für ein Geruchsprodukt gedient haben, und der Dichtung ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie dem Gefäss selbst.

Auch das Material zählt. Honig ist von Natur aus sauer, und die Säure mobilisiert an lebensmittelberührenden Oberflächen bestimmte Metalle; die Freisetzung nimmt zu, wenn der pH-Wert sinkt, die Temperatur steigt und der Kontakt länger dauert. Der überwiegende Teil der Messungen stammt allerdings aus sauren Lebensmittelsimulanzien und von Küchengeräten und nicht aus Versuchen im Honig selbst (Koo et al., 2020; Solayman et al., 2016). Reaktive Oberflächen — Kupfer, Eisen, Zink, verzinktes Material — eignen sich daher nicht für die Lagerung. Lebensmittelechter Edelstahl gibt vor allem bei den ersten Verwendungen Chrom und Nickel ab, danach deutlich weniger (Koo et al., 2020), und ein Zwölfmonatsvergleich zwischen Metallbehälter, hellem Glas und dunklem Glas zeigte keine signifikanten Unterschiede bei pH-Wert, Prolin, Diastase, HMF, phenolischen Verbindungen oder Katalaseaktivität (Yiğit et al., 2024). Massgebend für die Verschlechterung war die Lagerdauer, nicht das Material. Ein sauberer Löffel aus Edelstahl kann daher bedenkenlos verwendet werden: Ein so kurzer Kontakt verändert den Honig nicht.

In allen Fällen kommt jede spätere Erwärmung zur bisherigen thermischen Geschichte hinzu. Es ist daher vorzuziehen, nur die tatsächlich benötigten Mengen zu verflüssigen, statt einen ganzen Bestand mehrfach zu erwärmen.

Für den Imker, der seinen Honig selbst abfüllt, führt dieselbe Logik dazu, die für das angestrebte Ziel minimal nötige Behandlung zu bevorzugen: so weit sieben, dass unerwünschte Partikel entfernt werden, nur dann erwärmen, wenn ein technologischer Arbeitsschritt es erfordert, und wiederholte Wärmezyklen vermeiden. Eine begrenzte Verarbeitung trägt dazu bei, die Aromamerkmale, die Enzymaktivität und bestimmte empfindliche Bestandteile des Honigs bestmöglich zu erhalten. Sie erlaubt jedoch nicht die Aussage, ein «roher», «ungewärmter» oder wenig verarbeiteter Honig sei allgemein gesünder als ein in grösserem Massstab sachgerecht abgefüllter Honig: Diese klinische Überlegenheit ist derzeit nicht belegt (Subramanian et al., 2007; Manickavasagam et al., 2024; Majtán, 2024).

13.6 Rückstände: was am Bienenstand entschieden wird

Die Beherrschung der Rückstände beginnt vor der Ernte. Die Arbeiten aus Liebefeld und Hohenheim haben seit Langem gezeigt, dass sich bestimmte lipophile Akarizide dauerhaft im Wachs anreichern können, das damit zu einem Reservoir wird, welches einen Teil der Rückstände an den Honig weitergeben kann (Wallner, 1999; Bogdanov, 2006). Die Schweizer Überwachung bestätigt, dass historisch verwendete Stoffe über Jahre hinweg in den Kreisläufen des rezyklierten Wachses nachweisbar bleiben (Kast et al., 2021).

Die praktische Konsequenz besteht nicht darin, auf die Bekämpfung von Varroa destructor zu verzichten, was biologisch weit schädlicher wäre. Sie besteht darin, grundsätzlich die für die betreffende Tierart und Indikation zugelassenen Tierarzneimittel zu verwenden, nach den vorgeschriebenen Dosierungen, Zeiträumen und Anwendungsformen; die in der TAMV vorgesehenen Abweichungen unterstehen einem besonderen tierärztlichen Rahmen. Die Wahl eines Stoffs und der Behandlungskalender sind zudem im Hinblick auf den Produktionszyklus zu planen: Eine gegen die Varroa nützliche Methode ist nicht automatisch geeignet, wenn die zur Ernte bestimmten Honigzargen aufgesetzt sind.

Die Wachsbewirtschaftung ist integrierender Bestandteil dieser Beherrschung. Die Dokumentation der Behandlungen und die überlegte Wabenerneuerung gehören damit unmittelbar zur Lebensmittelqualität des Honigs.

13.7 Etikette und Kommunikation

Der letzte Schritt ist derjenige, den die Konsumentin und der Konsument sehen: die Etikette und die Kommunikation. Das Schweizer Recht erlaubt es, die Sachbezeichnung des Honigs durch eine Blüten- oder Pflanzenherkunft zu ergänzen, wenn der Honig überwiegend aus der angegebenen Quelle stammt und deren organoleptische, physikalisch-chemische und mikroskopische Merkmale aufweist. Eine regionale, territoriale oder topografische Angabe setzt voraus, dass der Honig tatsächlich aus der angegebenen Herkunft stammt (VLtH, Art. 98). Agroscope stellt zudem ein praktisches Merkblatt zur korrekten Kennzeichnung von Honig zur Verfügung (Agroscope, 2025).

Die nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben unterstehen dagegen der Verordnung betreffend die Information über Lebensmittel (LIV). Eine nährwertbezogene Angabe muss zu den vorgesehenen gehören und deren Bedingungen einhalten; eine gesundheitsbezogene Angabe muss durch die LIV zugelassen sein oder Gegenstand einer Bewilligung des BLV gewesen sein. Versprechen der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer Krankheit sind für ein Lebensmittel nicht zulässig. Die LGV fügt schliesslich den allgemeinen Grundsatz des Täuschungsschutzes hinzu und verbietet es, einem Lebensmittel Eigenschaften zuzuschreiben, die wissenschaftlich nicht hinreichend belegt sind (LGV, Art. 12; LIV, Art. 29–35; BLV, o. D.-b).

13.8 Was darf man über seinen Honig sagen – und was besser nicht?

Beispiele von Angaben und Anpreisungen zum Honig
Angabe oder Aussage Zulässig? Weshalb?
«Lindenhonig», «Kastanienhonig» usw. Ja, unter Bedingungen Die Blüten- oder Pflanzenherkunft darf angegeben werden, wenn der Honig überwiegend aus dieser Herkunft stammt und die entsprechenden organoleptischen, physikalisch-chemischen und mikroskopischen Merkmale aufweist (VLtH, Art. 98).
«Walliser Honig», «Appenzeller Honig» usw. Ja, wenn die Herkunft tatsächlich zutrifft und belegbar ist Eine regionale, territoriale oder topografische Bezeichnung setzt voraus, dass der Honig aus der angegebenen Region stammt; die Vorschriften über geschützte Bezeichnungen bleiben vorbehalten (VLtH, Art. 98).
«Reich an Vitaminen» In der Regel nein für einen gewöhnlichen Honig ohne besonderen Nachweis «Reich an…» ist eine geregelte nährwertbezogene Angabe. Der blosse Nachweis von Vitaminen im Honig genügt nicht (LIV, Art. 29–30 und Anhang 13).
«Stärkt die Abwehrkräfte» Nicht als freie Aussage über Honig Ein Zusammenhang zwischen einem Lebensmittel oder einem Bestandteil und der Gesundheit ist eine gesundheitsbezogene Angabe und nur verwendbar, wenn sie zugelassen ist und ihre Bedingungen erfüllt sind (LIV, Art. 31–35; BLV, o. D.-b).
«Wirkt gegen Infektionen» Nein als Werbung für ein Lebensmittel Die Aussage schreibt dem Produkt eine Wirkung im Zusammenhang mit der Vorbeugung oder Behandlung einer Krankheit zu. Solche Versprechen sind für Lebensmittel nicht zulässig (LIV; BLV, o. D.-b).
«Apitherapie» als Heilungs- oder Behandlungsversprechen verwendet Nein Der Schweizer Kennzeichnungsleitfaden nennt die «Apitherapie» ausdrücklich als Beispiel einer verbotenen Anpreisung, wenn sie dem Honig eine Eigenschaft der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung zuschreibt (Agroscope, 2025).
«Medizinischer Honig wird bei bestimmten Wunden eingesetzt» Ja als wissenschaftliche Information, klar getrennt von der Werbung für einen Speisehonig; nein als therapeutisches Versprechen für das verkaufte Glas Für einzelne medizinische Anwendungen liegen klinische Daten vor. Das macht aus einem Speisehonig kein medizinisches Produkt; selbst ein Internetlink kann dem Lebensmittelrecht unterstehen, wenn er klar dem in Verkehr gebrachten Produkt zugeordnet ist (BLV, o. D.-b).
«Roher Honig» oder «ungewärmt, also gesünder» Nicht als allgemeine Schlussfolgerung Eine begrenzte Verarbeitung kann bestimmte Enzyme, flüchtige Substanzen und empfindliche Merkmale besser erhalten. Das belegt keinen allgemein überlegenen gesundheitlichen Nutzen (Majtán, 2024).

Seit dem 14. Juni 2026 wendet die Europäische Union zudem detailliertere Vorschriften auf Honigmischungen an: Die Erntelände sind grundsätzlich im Hauptsichtfeld in absteigender Reihenfolge anzugeben, mit ihrem Gewichtsanteil und einer Toleranz von 5 % für jeden deklarierten Anteil; für Mischungen mit mehr als vier Herkünften sind gewisse Vereinfachungen möglich (European Union, 2024). Die Richtlinie verpflichtet die Kommission ausserdem, bis zum 14. Juni 2028 harmonisierte Methoden zum Nachweis verfälschter Honige festzulegen. Diese Bestimmungen sind Vorschriften der Europäischen Union und gelten nicht automatisch für das Inverkehrbringen in der Schweiz. Das derzeit anwendbare Schweizer Recht regelt Herkunft und Kennzeichnung des Honigs namentlich weiterhin über die VLtH und die LIV. Die am 29. August 2026 konsultierten konsolidierten Fassungen dieser Erlasse übernehmen die europäische Pflicht zur Angabe der Prozentanteile jedes Landes in einer Mischung nicht. Ein für den EU-Markt bestimmter Honig muss dagegen die für diesen Markt geltenden Anforderungen erfüllen (European Union, 2024; VLtH; LIV).

Diese neuen europäischen Anforderungen sind per 30. August 2026 nicht in gleicher Weise ins Schweizer Recht übernommen worden. Art. 15 Abs. 4 LIV betrachtet Honigmischungen weiterhin als verarbeitete Lebensmittel, für die anstelle der Produktionsländer ein grösserer geografischer Raum — beispielsweise «EU» oder «Südamerika» — angegeben werden kann (LIV, Art. 15 Abs. 4). Diese Erleichterung war gerade zur Angleichung an die damals geltende europäische Regelung eingeführt worden; die heutige Abweichung ist somit das Ergebnis einer einseitigen Entwicklung des europäischen Rechts und könnte sich wieder schliessen. Ein für den Markt der Union bestimmter Honig muss in jedem Fall die für diesen Markt geltenden Anforderungen erfüllen.

Die Übertragung der Wissenschaft in die Imkerei lässt sich schliesslich in wenigen Grundsätzen zusammenfassen.

  • Beobachten, bevor man misst, aber messen, wenn die Beobachtung nicht ausreicht.
  • Die Kristallisation steuern, statt sie als Mangel zu betrachten.
  • Früh reagieren, wenn sich das Verhalten eines Honigtauhonigs verändert.
  • Für ein bestimmtes Ziel erwärmen, so kurz und so mässig wie möglich.
  • So lagern, dass die thermische Geschichte verlangsamt und eine Feuchtigkeitsaufnahme verhindert wird.
  • Die Völker mit zugelassenen Produkten gegen die Varroa behandeln und das Wachs in die Rückstandsbewirtschaftung einbeziehen.
  • Nur das kommunizieren, was Herkunft, Analytik und Recht tatsächlich zu behaupten erlauben.

Gute imkerliche Praxis besteht somit nicht darin, Erfahrungsregeln anzuhäufen: Sie besteht darin, zu wissen, welcher Mechanismus, welche Messgrösse oder welcher rechtliche Rahmen für die zu treffende Entscheidung massgebend ist.


Siehe auch:

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Autor
S. Imboden; C. Pfefferlé
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